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Zwei Kulturen, ein Filmprojekt: Afrikanische Regisseure arbeiten mit Luzerner Studenten

Für das Projekt «5x5x5» arbeiten afrikanische Regisseurinnen und Regisseure mit Luzerner Studenten zusammen.
Regina Grüter
Nomanzi Palesa Shongwe, Regisseurin aus Südafrika, und Christian Büttiker im Schnittraum an der Hochschule in Emmenbrücke.Bild: Jakob Ineichen (30. Oktober 2019)

Nomanzi Palesa Shongwe, Regisseurin aus Südafrika, und Christian Büttiker im Schnittraum an der Hochschule in Emmenbrücke.Bild: Jakob Ineichen (30. Oktober 2019)

Eine eigene Sicht, darum geht es doch beim Filmemachen. An einer eigenen Sicht auf die Schweiz, auf die Stadt Winterthur im Speziellen, daran arbeiten derzeit fünf Filmemacher vom afrikanischen Kontinent zusammen mit Studenten der Hochschule Luzern – Design & Kunst. «5x5x5» heisst das Projekt, das heuer zum dritten Mal stattfindet und wiederum an den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur Premiere feiern wird: fünf Kurzfilme von fünf internationalen Regisseuren und Regisseurinnen, hergestellt in nur fünf Wochen.

Das Projekt wird zum zweiten Mal in Kooperation mit der Studienrichtung Video der Hochschule Luzern durchgeführt – es steht unter dem Titel «To Come, to Stay, to Leave» und kreist ums Thema Herkunft. Und zum ersten Mal stammen alle Regieleute aus Afrika: Ruanda, Burkina Faso, Sudan, Südafrika und Algerien.

«Das afrikanische Kino ist sehr reichhaltig», erklärt Projektleiterin und Dokumentarfilmerin Jela Hasler, «bei uns aber wenig im Bewusstsein.» Auch fand sie es interessant, sich für einmal auf einen Kontinent zu beschränken. Eingeladen hat sie die Regieleute aufgrund von früheren Arbeiten, die an renommierten internationalen Festivals gezeigt wurden und sich kritisch mit gesellschaftlichen Problemen in ihren Herkunftsländern auseinandersetzen. Hasler hat auch die fünf Viererteams zusammengestellt und steht den Filmschaffenden gemeinsam mit dem Produktionsteam mit Rat und Tat zu Seite.

Am Tag der Ankunft der Regisseure und Regisseurinnen gab es ein gemeinsames Znacht. Dann ging es nach kurzer Vorbereitungszeit zum individuellen Dreh nach Winterthur, mit Studierenden der Hochschule, die für Kamera und Ton zuständig waren. Seit dem 20. Oktober wurden die Filme geschnitten. Bei unserem Besuch blieb noch eine knappe Woche Zeit. «5x5x5» ist ein Experiment, die Chance auf eine einmalige Erfahrung. Der enge Zeitraum bedeutet aber auch eine Menge Druck, gerade wenn man mit Leuten mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund zusammenarbeitet, die man vorher noch nie gesehen hat.

Die Sprache als ­ Knackpunkt

Auf dem Weg zur Hochschule in der Viscosistadt in Emmenbrücke begegnet man schon mal Simplice Herman Ganou aus Burkina Faso und Hajooj Kuka aus dem Sudan. Es ist halb zwei, und die Arbeit am Schnitt der Filme wird wiederaufgenommen. Jela Hasler führt hinunter zu den Schnitträumen. Wir spähen hinein, in einen nach dem anderen: Noch niemand da; Kantarama Gahigiri aus Ruanda und Cutter Manuel Troxler sind gerade in einer intensiven Diskussion, die man nicht stören will…

Die Cutterin Romaine Imboden ist alleine am Arbeiten. Wie ihre Studienkollegen steht sie kurz vor dem Bachelor Video. Wenn sie wollen, können sie sich ihr «5x5x5»-Projekt für den Abschluss anrechnen lassen, müssen aber nicht. Sie erzählt uns von ihrer Zusammenarbeit mit Yanis Kheloufi aus Algier. Der Jüngste im Regiebunde ist grad nicht da, und Romaine ist selber daran, die über sechs Stunden Material – davon viereinhalb Stunden Interview – in eine passende Form zu bringen.

In Kheloufis Kurzfilm geht es um den Winterthurer Bildhauer Erwin Schatzmann. Von Romaine, die bei den Dreharbeiten nicht dabei war, ist nun der «frische Blick» der Cutterin gefragt. Die grösste Herausforderung für die beiden ist die Sprache. Ursprünglich wollte der Algerier die Interviews auf Englisch führen. Irgendwann hat aber der Kameramann übernommen, was der Intimität des Porträts dient, den Regisseur aber vor eine erhebliche Sprachbarriere stellt. Romaine hat nun die wichtigsten Stellen für ihren Partner übersetzt, womit die Probleme nicht behoben sind. Regisseur Yanis Kheloufi habe versucht, im Text eine Geschichte zu finden, erklärt Romaine. «Ich kann Text und Bild nicht trennen. Für mich haben die Bilder noch die falsche Reihenfolge, die Struktur stimmt nicht.» Es sind kreative und nicht in erster Linie kulturelle Auseinandersetzungen, die die beiden führen – obwohl, die schweizerische Pünktlichkeit sei schon ein Thema, schmunzelt Romaine.

Im Schnittraum entstehen neue Ideen

Entspannt ist die Atmosphäre bei Regisseurin Nomanzi Palesa Shongwe und Cutter Christian Büttiker. Wir kommen gerade recht, sie brauchen eine Kaffeepause und nehmen sich Zeit für ein Gespräch. Nomanzi wurde Jela von einer Programmatorin des Dokumentarfilmfestivals Visions du Réel empfohlen; ihr Kurzfilm «Atrophy and the Fear of Fading», eine interdisziplinäre Metapher auf die Geschichte ihrer Heimat, lief dort 2017 im «Focus Afrique du Sud».

Man hat den Eindruck, Regisseurin und Cutter würden sich schon seit Jahren kennen. So vertraut wirken sie. «Nach einer Woche kennt man einander», meint Christian. So schnell kann das gehen, wenn man derart intensiv zusammenarbeitet. Es scheint, Jela Hasler habe da ein Dream-Team zusammengestellt.

Um Träume geht es auch im Film. Gedreht wurde in Schwarz-Weiss im Format 4:3, was perfekt zu Nomanzis essayistischer Herangehensweise passe, sind sich beide einig. Aber erst mal redet vor allem die Regisseurin. Sie rede vielleicht ein bisschen zu viel, meint sie und lacht. Die Bilder der Stadt Winterthur ­haben für die Grossstädterin, sie kommt aus Johannesburg, etwas Ländliches. «Christian sieht ­darin Dinge, die ich nicht gesehen habe, als wir gedreht haben.» Er sei sehr aufmerksam und verfüge über ein hohes Mass an Sensibilität, lobt sie ihn weiter. «Ich versuche, die Leute und ihre Vision zu verstehen», sagt Christian bescheiden. Die eine laut, der andere leise, doch beide intuitiv, ergänzen sie sich im Schnittraum. Und da pas­siere das Wesentliche, würden neue Ideen entstehen. So wird Nomanzi ein Voice-over aus eigenen Texten über die Bilder sprechen. Und Christian steuert eine klangliche Textur aus elektronischem Sound hinzu.

Teamarbeit und ­gegenseitiges Vertrauen

Das Filmemachen ist ein Gemeinschaftswerk. Das zeigt sich bei einem interkulturellen Projekt wie «5x5x5», wo die Muttersprache nicht dieselbe ist, man aber sehr wohl dieselbe Sprache sprechen kann, vielleicht noch mehr. Und das Vertrauen in die Fähigkeiten des anderen ist gar noch wichtiger. Schlussendlich sind Übereinstimmungen und allfällige Differenzen wohl eher in den Persönlichkeiten zu suchen als in der Herkunft.

Davon zeugt auch die Unterschiedlichkeit der Filme, die in zwei Tagen uraufgeführt werden: Zum Künstlerporträt und zum Traum-Essay kommen Hajooj Kukas Auseinandersetzung mit der Frage nach kulturellem Freiraum und Simplice Herman Ganous selbstironischer Umgang mit Klischees und Vorurteilen hinzu, die ihm in Winterthur entgegenschlagen. Kantarama Gahigiri schliesst den Kreis zum Thema Herkunft: Das Daheim, das man sich in der Fremde schafft, ist eben doch nicht Heimat. «To Come, to Stay, to Leave».

Hinweis
Int. Kurzfilmtage Winterthur, bis 10.11. Premiere «5x5x5»: 9.1., 17 Uhr; weitere Vorführung im Kino Bourbaki, Luzern: 13.11., 20.20 Uhr. Beide Male in Anwesenheit von Regie und Crew.

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