Zwei Liebende und ein Schaf auf Reisen

Der in der Schweiz lebende Mongole Batbayar Chogsom hat eine berührende Komödie über die Reise eines Nomaden-Paars in die Hauptstadt verfilmt. Am Freitag nimmt der Regisseur im St. Galler Kinok an einem Podiumsgespräch teil.

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Dorjs und Surens Glück scheint perfekt. Suren ist schwanger und der sehnlich erwartete Nachwuchs soll schon bald das Licht der Welt erblicken. Doch das Kind liegt quer, und da Suren bereits zwei Fehlgeburten erlitten hat, rät der Arzt, für die Geburt ein Krankenhaus in der Hauptstadt aufzusuchen.

Keine grosse Sache für uns in der Schweiz. Nicht so aber für das in der mongolischen Steppe lebende Nomadenpaar: Man haust meilenweit von der nächsten Siedlung entfernt und hat auch kein Auto. Trotzdem ist relativ schnell ein Bekannter gefunden, der bereit ist, die beiden nach Ulaanbaatar zu fahren. Um allfällige Kosten zu begleichen, nimmt man ein Schaf mit. Die Reise allerdings ist lang und anstrengend, und das Schaf, bei einem Zwischenhalt missverständlich als Hochzeitsgeschenk betrachtet, kommt alsbald abhanden.

Bei der Ankunft im Krankenhaus stellt sich dann heraus, dass dem Paar die nötigen Papiere fehlen, mittels derer die medizinische Hilfe kostenfrei wäre. Und so bleibt Dorj nichts anderes übrig, als nochmals loszuziehen und die goldenen Ohrringe, die er Suren zur Hochzeit schenkte, in Bares zu verwandeln zu versuchen.

Zwei Landeier, die ihr Glück in der Stadt suchen

Vergessen das Wichtigste zu sagen: Dorjs und Surens. (Bild: Look Now!)

Vergessen das Wichtigste zu sagen: Dorjs und Surens. (Bild: Look Now!)

Realisiert wurde «Out of Paradise» von Batbayar Chogsom, der, 1974 in der Mongolei geboren, vor etwas mehr als zwanzig Jahren in die Schweiz zog und hiermit seinen ersten Spielfilm vorstellt. Aufgezogen ist der Film als klassische Komödie um zwei Landeier, die in der Stadt ihr Glück (ver-)suchen, und er funktioniert über weite Strecken als Kino der Kontraste. Der in leuchtenden Bildern eingefangenen Steppenlandschaft stehen eher düstere Aufnahmen aus der Stadt gegenüber.

Dem Nomadenpaar, das eine traditionelle Lebensweise pflegt und sich sozusagen schweigend versteht, werden die schwatzhaft wirkenden Figuren der Stadt gegenübergestellt. Manchmal wird die Differenz auch in einer Szene ausgelotet. Etwa, wenn der Film zeigt, welche Mühe dem sich in seinem Alltag souverän beweisenden Hirtenpaar das Ausfüllen eines Formulars bereitet. Noch schöner da, wo Suren die popverwöhnten Besucher eines Karaoke-Lokals mit einem traditionellen – und entsprechend archaisch klingenden – Lied begeistert.

Doch «Out of Paradise» erzählt auch noch eine andere, universalere Geschichte. Es ist die Geschichte von Surens und Dorjs Beziehung, die weniger durch Surens moralisch unkorrektes Verhalten als von dem durch sein Schweigen verursachten Vertrauensbruch hart auf die Probe gestellt wird. Dies wieder ins Lot zu rücken nimmt so viel Zeit in Anspruch, wie sie einem Paar – einer Familie – heutzutage vielleicht tatsächlich nur noch in der endlosen Weite der mongolischen Steppe gewährt wird.

Fr, 5.10., 18.45 Uhr, Kinok St. Gallen, Gespräch mit dem Regisseur