Zwei Rastlose und ihr Geheimnis

Nach «Stoner», «Butcher’s Crossing» und «Augustus» erscheint heute auch der Erstling des lange vergessenen amerikanischen Schriftstellers auf Deutsch.

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Arthur Maxley erwacht aus einem Albtraum, es ist neun Uhr. Er schaut sich um, sieht Asche und Zigarettenstummel auf dem Teppich. «Hier sieht es aus wie in meiner Seele, dachte er. Unordentlich und schmutzig.» Was soll er anfangen mit dem Tag? Im Park spazieren gehen? Das schafft er nicht. Statt dessen landet er im Café, fühlt sich angewidert, sehnt sich «nach einer Stimme, die wie ein Speer jene pralle, ihn umschliessende Schale seiner Einsamkeit durchdringen würde». Zu Hause wartet ein Brief auf ihn. Sein Vater meldet sich, zurück von einer langen Reise nach Südamerika. Ob sie sich wohl sehen könnten? Seine Kehle ist heiss und trocken.

Die Begegnung mit dem Tod im Krieg hat ihn verstört

«Nichts als die Nacht» von John Williams schildert zwölf Stunden im Leben des 24-jährigen Arthur Maxley. Als er die Novelle schrieb, die 1948 dann ohne nennenswertes Echo veröffentlicht wurde, war Williams selber nur wenig jünger als sein Protagonist. Er hatte am Zweiten Weltkrieg teilgenommen, war über Burma abgeschossen worden. Die Begegnung mit dem Tod hatte ihn verstört zurückgelassen, «Nichts als die Nacht» ist auch eine Auseinandersetzung mit diesem Erlebnis.

Später setzte sich die relative Erfolglosigkeit dieses Schriftstellers fort – bis zu jener Wiederentdeckung, die vor ein paar paar Jahren einsetzte und die ­seine Bücher nun auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht. 1960 erschien «Butcher’s Crossing», 1965 «Stoner», 1972 «Augustus». Daneben führte Williams das ruhige Leben eines Literaturdozenten an der Universität Denver, wo er auch studiert hatte. «Er hat niemals bedauert, dass ihm Ruhm versagt blieb», sagt Nancy, seine Witwe. Von seiner Mutter habe er «fast niemals gesprochen. Nach seinem Tod habe ich alles verstanden – er hat sie so geliebt, dass er keine Worte dafür fand.»

«Mir macht nichts richtig Freude»

Auch in «Nichts als die Nacht» ist es die Mutter, um die sich ­alles dreht. Die Erinnerung an sie begleitet den Vater wie den Sohn und stürzt beider Leben in tiefe Unruhe. Rastlos umrundet der Vater den Globus, fragt sich dabei: «Warum kann ich nicht innehalten?» Rastlos flüchtet der Sohn nach ihrem gemeinsamen Abendessen «aus einem grossen Chaos in ein kleineres». Es ist eine junge Frau, bei der er sich in einem Tanzlokal wieder- findet. «Mir macht nichts richtig Freude», sagt er zu ihr. «Wissen Sie, was ich meine?» John Williams hat seinen Erstling in späteren Jahren verleugnet. Gewiss hat er noch nicht die Strenge, Konzentriertheit und sprachliche Ökonomie seiner späteren Werke. Doch lohnt die Lektüre dennoch. Gut spürt man den inneren Strudel, in den dieser junge Mann gerät. Und wie sein Autor es schafft, in wenigen Szenen nach und nach das Geheimnis zu enthüllen, das Arthur Maxley so unglücklich macht, das hat doch etwas Meisterhaftes.

Rolf App