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Zwei Juden nehmen Juden aufs Korn

Bestsellerautor Charles Lewinsky erfindet jüdische Witze, seine Frau Ruth zeichnet dazu Cartoons. Zusammen ergibt das liebenswürdige Satiren.
Hansruedi Kugler

«Treffen sich zwei Juden ...», so beginnen traditionellerweise alle jüdischen Witze, schreibt Charles Lewinsky, der sich selbst als liberalen Juden bezeichnet, in der Ankündigung dieses Sammelbandes. Zusammen mit seiner Frau Ruth, folgt er dieser Tradition. Einer der Gesprächspartner heisst immer Kohn, was schon im Titel ein hübsches, kleines Wortspiel ergibt: Kohnversation. Das pointierte Geplauder über Gott und religiöse Vorschriften, über familiäre Eitelkeiten und Schlaumeiereien, über Antisemitismus und das liebe Geld haben die Lewinskys in Drei-Bild-Cartoons verdichtet. Die für den jüdischen Witz typische Selbstironie wird recht zart und liebenswürdig serviert.

Woody Allen und Marx Brothers

Auf harte, makabre Szenen haben sie verzichtet. So kommen denn keine krassen historischen Witze vor wie jener klassische über jüdische Emigranten in New York der Dreissigerjahre: Entsetzt sieht der eine ein Hitlerbild in der kargen Behausung seines Freundes: «Bist du meschugge?», worauf der andere entgegnet: «Das ist gut gegen Heimweh.» Eine verzweifeltere Pointe kann man sich kaum vorstellen, in dem einem unterdrückten Volk nur noch der makabre Humor bleibt. In der Humorforschung gilt der jüdische Witz generell als tiefer, bitterer, schärfer als andere Witzkulturen und enthält immer religiöse, politische oder soziale Kritik. Deshalb das Image des intellektuellen Witzes mit einem besonderen Sinn für das Absurde und Metaphysische, das dem jüdischen Witz nicht erst seit den Marx Brothers und Woody Allen anhaftet. Letzterem wird folgender Witz zugeschrieben, in dem er allerhand Klischees ironisiert: «Wenn Gott mir nur ein deutliches Zeichen senden würde! Etwa eine grössere Einzahlung auf meinen Namen bei einer Schweizer Bank.»

Eine reine Männerwelt mit viel Selbstironie

Ruth und Charles Lewinsky haben sich für einen sanften Humor entschieden. Das hängt wohl mit der Entstehung ihrer Witz-Cartoons zusammen. Denn zuerst erschienen sie in der schweizerisch-jüdischen Zeitschrift «Tachles». Die ersten Cartoons bezogen sich auf jüdische Festtage und religiöse Vorschriften, später kamen aktuelle und allgemeinere Themen dazu. In den Cartoons unterhalten sich immer zwei Männer. Frauen kommen fast nie vor, zu Wort kommen sie gar nie. Sie sind höchstens Objekte, wenn sich zwei Männer zu koscherem Essen oder den Sorgen über den Nachwuchs äussern.

Da verbleiben die Cartoons allzu sehr in der Tradition verhaftet. Man kann natürlich diese Cartoons anderseits auch insgesamt als liebenswürdige Satiren auf das patriarchale Judentum lesen.

«Goethe war ein Jude» als witzige Selbstverteidigung

Wenn man das liebenswürdig Schrullige und die Abwesenheit der Frauen mal akzeptiert hat, dann wird man sich über das breite Feld an Themen und Stilen in diesem grossartigen Band sehr freuen. Es ist dabei ein Wunder, wie Ruth Lewinsky mit minimalem Strich eine ganze Palette von Gefühlslagen ihrer Figuren aufs Papier bringt. Ob eitel oder niedergeschlagen, verwundert oder fröhlich, betrunken oder vorwitzig: Man versteht sofort die Stimmung in diesen Dialogen. Der jüdische Witz ist dringend notwendige Selbstverteidigung gegen die Ausgrenzung und Unterdrückung. Ruth und Charles Lewinsky halten dies mit subversivem Sanftmut aufrecht, wenn bei ihnen Goethe als Rache an die Antisemiten zum Juden erklärt wird.

Der Jude als grüblerischer Denker

Die Grübelei der Juden wird gleich zu Beginn des Bandes humoristisch zur typischen Volksmentalität erklärt.

Das grübelnde Nachdenken treibt absurde Blüten. Mal bauernschlau: «Man muss nicht intelligent sein, um Glück zu haben. Aber man muss das Glück haben, intelligent zu sein.» Oder: «Im Apfel denkt der Wurm: Ich bin im Paradies.» Dass der Duft des Flieders besonders gefällt, führt ein Orthodoxer darauf zurück, dass dieser koscher sei. Die ironische Brechung von Klischees über Geld, Lesesucht, Kinderreichtum oder koscheres Essen macht in dem Band grossen Spass. Etwa beim Gejammer am Sabbat über schlecht laufende Geschäfte. Oder der kleinlaute Gatte: «Meine Frau macht keine Buchstabensuppe. Sie mag es nicht, wenn ich am Tisch lese.» Ein anderer freut sich im Reisebüro, dass Kinder gratis übernachten: «Ich habe fünf Buben und vier Mädchen!»

Charles Lewinsky hat mal Rabbi-Witze als Kampfmittel der liberalen gegen die orthodoxen Juden mit ihren rigiden Vorschriften bezeichnet. In «Kohnversation» hat es eine Menge davon, nie als scharfe Satire, sondern mit freundlichem Humor, der das Absurde am Fundamentalismus blossstellt. Etwa wenn ein Vater besorgt fragt, ob Pelikan koscher sei: «Mein Jüngster hat eine Tintenpatrone verschluckt.»

Ruth und Charles Lewinsky: Kohnversation. Nagel&Kimche. 167 S.

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