Melodrama im Kino: Zwei Schwestern leben ein unsichtbares Leben

Ein preisgekrönter brasilianischer Spielfilm lässt einen förmlich fühlen, was es heisst, als Frau allein zu sein.

Regina Grüter
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Schön, mutig und eigensinnig: Euridice und Guida, gespielt von Carol Duarte und Julia Stocker.

Schön, mutig und eigensinnig: Euridice und Guida, gespielt von Carol Duarte und Julia Stocker.

Bild: PD

«The Invisible Life of Eurídice Gusmão» ist ein Melodrama. Regisseure wie Douglas Sirk und Rainer Werner Fassbinder hatten das Genre einst vom Image des schmalzigen Rührstücks befreit. Man denke etwa an die Meisterwerke «All That Heaven Allows» oder «Angst essen Seele auf». Dass grosse Emotionen nicht kitschig sein müssen und im filmischen Melodrama viel visuelles Potenzial liegt, zeigt nun der brasilianische Filmemacher Karim Aïnouz («Zentralflughafen THF»).

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Martha Batalha. Als «schön, mutig und eigensinnig» werden die Schwestern aus einfachen Verhältnissen darin beschrieben, und so werden Eurídice und Guida im Film auch interpretiert (charismatisch: Carol Duarte und Júlia Stockler). Aber das nützt ihnen nicht viel. Im Rio de Janeiro Anfang der 50er-Jahre sind ihre Meinung, geschweige denn ihre Bedürfnisse und Wünsche nicht sehr gefragt.

Sinnliches Frauen- und Gesellschaftsporträt

Guida brennt mit einem Matrosen durch, und wird, als sie allein und schwanger zurückkehrt, vom Vater verstossen. Eurídice träumt vom Konservatorium in Wien. Sie darf zwar Klavierunterricht nehmen, aber nur, solange das ihren Pflichten als Ehefrau und Mutter nicht in die Quere kommt.

Aus der Reihe zu tanzen, braucht Mut, auch nur, die Töchter oder die Ehefrau darin zu unterstützen. Die Männer besitzen weder den Mut noch die emotionale Grösse dazu. Am schlimmsten aber ist, dass die beiden Schwestern einander vorenthalten werden; die eine nicht weiss, wo die jeweils andere ist.

«The Invisible Life of Eurí­dice Gusmão» ist ein sehr sinnliches Frauen- und Gesellschaftsporträt über mehrere Jahrzehnte, das eine ungeheure erzählerische Kraft entfaltet; ein Film über gesellschaftlich akzeptierte Unterdrückung, aber auch über die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe. Karim Aïnouz’ formale Herangehensweise erinnert in der Tat an Fassbinder: die Arbeit mit Spiegeln, das Filmen durch Türrahmen hindurch, was die vierte Wand durchbricht und dem Zuschauer bei aller emotionalen Nähe zu den beiden Hauptfiguren auch Distanz zur Reflexion verschafft.

Dazu die Farben, das Licht und das leidenschaftliche Spiel. Die Auszeichnung mit dem Preis in der Sektion «Un certain regard» in Cannes dieses Jahr unterstreicht den künstlerischen Wert.

Erinnerung an die Mutter

Der Grund, weshalb Aïnouz sich der Romanverfilmung annahm, liegt im Persönlichen: «Die Figuren erinnerten mich an meine Mutter und ihre Schwester, aber auch an viele Frauen in meiner Familie», sagt der Regisseur. Für seine alleinerziehende Mutter, 2015 mit 85 verstorben, sei es nie einfach gewesen. «Ich spürte, dass ihre Geschichte und die Geschichten vieler Frauen ihrer Generation nicht genug erzählt worden waren – sie waren in gewisser Weise unsichtbar.»

Mit Jair Bolsonaro hat Brasilien einen rassistischen, homophoben und frauenfeindlichen Präsidenten, der alle ihm verhassten Mitglieder der Gesellschaft wohl am liebsten wieder zur Unsichtbarkeit verdammen würde.

«The Invisible Life of Eurídice Gusmão» im Stattkino, Luzern.