Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Lucerne Festival: Zweimal radikal verschieden und zweimal gross

Erstmals spielte das Lucerne Festival Orchestra bewusst nicht unter dem Chefdirigenten, sondern unter einem anderen Stabführer, einem der jüngeren Generation.
Fritz Schaub
Gab seinen Einstand am Pult des Lucerne Festival Orchestra: der kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin. Neben ihm der Violinist Leonidas Kavakos. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Gab seinen Einstand am Pult des Lucerne Festival Orchestra: der kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin. Neben ihm der Violinist Leonidas Kavakos. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Eine spannende Ausgangslage ergab sich beim von Radio SRF 2 direkt übertragenen vierten Sinfoniekonzert am Donnerstagabend. Nie hatte das Lu­cerne Festival Orchestra zu Lebzeiten Claudio Abbados unter einem andern Dirigenten gespielt. Erst nach Abbados Ableben übernahmen Bernard Haitink und Andris Nelsons vorübergehend das Zepter. Aber das waren der Not gehorchende Überleitungen. Riccardo Chailly verzichtete bewusst auf den Auftritt mit dem Orchester im vierten Sinfoniekonzert und gab den Stab an den Kanadier Yannick Nézet-Séguin (44) weiter. Über die Gründe kann man nur rätseln.

Der plausibelste ist wohl, dass der italienische Maestro den Zugang zu Schostakowitsch (noch) nicht gefunden hat, zumindest nicht zu dieser radikalen vierten Sinfonie, die zusammen mit dem Violinkonzert von Ludwig van Beethoven auf dem Programm stand. Wie überhaupt es italienischen Maestri schwerfallen dürfte, dem Schönklang radikal aus dem Weg gehenden Werken wie dieser Vierten Gefallen zu finden.

Ein grösserer Gegensatz als jener zwischen der Schostakowitsch-Sinfonie und dem Violinkonzert von Beethoven lässt sich schwer denken. Hier das der reinen Schönheit huldigende Konzert, dort die Sinfonie, die wie kein anderes Werk derart ideal zum Festival-Thema «Macht» passt. Und doch waren beide von aussen gesehen gar nicht so verschieden.

Der Dirigent im Solisten Kavakos

Schon das Beethoven-Konzert liess Nézet-Séguin in einer überraschend grossen Besetzung spielen. Das mag mit ein Grund sein für die auffallend langsamen Tempi, die der diesjährige Artiste Étoile Leonidas Kavakos wählte. Wir sagen bewusst Leonidas Kavakos. Denn schon seit längerem tritt der griechische Geiger auch als Dirigent auf, und dies mit etwelchem Erfolg. Unzweifelhaft spielte hier mit dem Solisten auch der Dirigent mit, und Yannick Nézet-Séguin blieb nur, den Rubati des Solisten zu folgen und immer wieder Raum zu schaffen für die berückend schönen und mit einer unendlichen Vielfalt von Nuancen und Farben aufwartenden Klänge, die der Geiger seiner Stradivari «Willemotte» aus dem Jahr 1734 entlockte.

Kostbare Silberfäden spann der Grieche über das sich in der Dynamik vorbildlich anpassende Festspielorchester. Und doch besass die Aufführung noch eine zweite Komponente. Dem Beispiel Wolfgang Schneiderhans folgend (dem der Solist auch in der vornehm-zurückhaltenden Art glich), wählte Kavakos die Kadenz, die Beethoven für die Klavierfassung seines Violinkonzerts geschrieben hat – nicht unerwartet in einem eigenen Arrangement, in dem sich ein reizvolles Spiel zwischen dem Soloinstrument und der obligaten Pauke ergab. Was natürlich zur Folge hatte, dass allein der erste Satz fast eine halbe Stunde dauerte. Ein Konzert innerhalb des Konzerts – dafür gab es schon damals auch kritische Stimmen. In den Kadenzen erst entsprach Kavakos auch den hohen virtuosen Erwartungen. Um bei der Zugabe, dem Andante aus der zweiten Bach-Sonate, doch ­wieder den fein ausgehorchten Nuancen zu huldigen.

Nézet-Séguin hatte seine besten Momente im Rondo- Schlusssatz, wo er die Jagdhörner so richtig schmettern liess und damit einen Gegenpol schuf zur breiten sinfonischen Anlage.

Ein Dokument für Machtmissbrauch

Aber so richtig ins Element ­geriet er bei der vierten, riesig besetzten und über einstündigen Sinfonie von Dmitri ­Schostakowitsch, die nach der letztjährigen Wiedergabe unter ­Andris Nelsons zum zweiten Mal von der verzweifelten ­ Lage kündete, in welche der Komponist nach dem verdammenden Prawda-Artikel ­ «Chaos statt Musik» Stalins geriet. Regelrechte Schockwellen lösten ­die unheimlichen ­katastrophischen Aufbrüche und niederschmetternden ­Entladungen aus, denen handkehrum aufs Subtilste zurückgenommene ­lyrische Einsprengsel antwor­teten.

Gesamthaft gesehen ist dies ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem von der Abbado-Ära nun doch völlig emanzipierten Orchester, dessen Niveau bei den solistisch hervortretenden Instrumenten – und es sind deren unzählige – ebenso hoch ist wie in den grosssinfonischen monumentalen Aufwallungen.

Dass nach dem Kopfsatz ein überlautstarker Bravoruf in den Saal platzte, mag ein Indiz sein dafür. Von einer Magie, wie sie sich etwa in der unendlich lange hinausgezögerten Coda des ­Finales einstellen könnte, war man einiges entfernt. Aber dem grenzenlosen Jubel inklusive Standing Ovations tat dies keinen Abbruch.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.