Zwischen «bösen Städten» und krasser Spätromantik

Der Luzerner Dirigent Rainer Held gibt mit neuen CD-Aufnahmen Schweizer Komponisten ein Plattform.

Urs Mattenberger
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«Ich dachte immer, der langsame Satz aus Rachmaninows zweitem Klavierkonzert wäre das ultimative Werk der musikalischen Romantik», schrieb ein Mitglied des Royal Scottish National Orchestra an den in Hergiswil lebenden Komponisten Alexander Brincken. Aber der langsame Satz aus dessen vierter Sinfonie habe ihn eines Besseren belehrt: Sie verströme Emotionen, die den Hörer auch durch die superbe Instrumentierung «überwältige».

Möglich gemacht hatte diese Entdeckung der in Luzern wohnhafte Dirigent Rainer Held, der soeben die vierte Sinfonie und ein Klavierkonzert des aus Russland stammenden Wahlschweizers eingespielt hat. Die Aufnahme reiht sich ein in Helds Einsatz für das sinfonische Schaffen von Schweizer und Innerschweizer Komponisten. So rettete er mit der Einspielung der sinfonischen Hauptwerke von Caspar Diethelm ein Kulturgut vor dem Vergessen. Und er könnte mit der aktuellen Einspielung von Werken von Heinrich Sutermeister (1910–1995) dessen Wiederentdeckung einleiten.

Wieder zu entdecken: Heinrich Sutermeister

Sutermeister hatte um 1940 unter anderem mit seiner Oper «Romeo und Julia» den Durchbruch in Deutschland geschafft und findet heute trotzdem kaum Eingang in die Konzertprogramme. Held berücksichtigt im «Volume one» einer geplanten Sutermeister-Serie zu Recht die Sinfonische Suite zur damaligen Erfolgsoper. Geschrieben in einer Art Zwischenzeit zwischen dem Ende der Spätromantik und der Avantgarde der Nachkriegszeit verbindet die Musik verschiedene Stillagen, ohne epigonal zu wirken. Da gibt es Fanfarengetümmel und Motorik, holzschnittartige Musikantik kontrastiert mit einer vielschichtig und duftig verschleierten Harmonik. Das grossartige Adagio-Finale bläht sich zu schneidender Expressivität auf.

Stärker zeitbedingt wirkt die Fantasie «Die Alpen» über Schweizer Volkslieder, in der ­­die unterlegten Texte aus Albert Hallers berühmtem «Alpen»-­Gedicht (Bruno Cathomas) den «bösen Städten» Naturszenen gegenüberstellen. Da greift auch Sutermeister teils zu plakati­­ven Mitteln und derber Musikantik. Aber wie er mit endlos aus­gespannten Melodien Gebirgs­linien nachzeichnet und die Klangmassen rhythmisch und farbig zum Vibrieren bringt, ist grosse Orchestrierungskunst, die das Royal Philharmonic auch mit solistischem Zauber um-­ setzt.

Die Orchestrierungskunst ist auch ein Markenzeichen der Werke des 1952 geborenen Alexander Brincken und verweist auf die russische Herkunft des Wahlschweizers. Auch Brincken greift auf spätromantische Stilmittel und klassizistische Motorik zurück. Epigonal wirkt das freilich nur da, wo sie schulmässig exponiert werden (Fugato im ersten Satz) oder stark an Vorbilder erinnern. Umso bemerkenswerter ist, wie Brincken chromatisch schwebende Tonalität und insistierende Rhythmen zu vielsichtigen Steigerungen verbindet, deren Monumentalklang von innen belebt ist. Das zielt auf emotionale Überwältigung, wie man das eben von Rachmaninow kennt.

Eine Empfehlung für Veranstalter und Orchester

Das Capriccio für Klavier und Orchester verbindet ähnlich drängende Rhythmik mit expressiver Steigerungskraft, verschiebt aber die Balance stärker hin zum rastlosen Drive des Klavierparts (mit dem Komponisten am Flügel). Dass diese Musik leicht zugänglich ist, war wohl zu Zeiten der Avantgardedogmen ein Todesurteil. Heute dagegen ist das eine Empfehlung für Veranstalter. Zum Beispiel für das Swiss Orchestra, das Schweizer Musik eine Plattform bietet und sich auch auf seiner zweiten Tournee (am 29. März in Andermatt) stark auf das 19. Jahrhundert fokussiert.

Royal Philharmonic Orchestra: Heinrich Sutermeister (Toccata).

 Royal Scottish National Orchestra: Alexander Brincken (Toccata). CD-Taufe: Montag, 20. Januar, 18.00 Uhr, Paulusheim, Moosmattstrasse 4, Luzern.