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Zwischen Musik und Familie: Das aufreibende Leben der Profis

Sie singen, dirigieren, spielen Geige und Klavier - und sind unablässig unterwegs. Wie soll man da ein Familienleben führen? Starmusiker erzählen vom Spagat zwischen grosser Einsamkeit, Glück auf der Bühne und Auszeiten mit der Familie.
Rolf App
Stargeigerin Lisa Batiashvili begrenzt die Zahl ihrer Konzerte strikt, um Zeit für ihre Familie zu haben. (Bild: Stefan Hoederath/Getty, Monika Rittershaus)

Stargeigerin Lisa Batiashvili begrenzt die Zahl ihrer Konzerte strikt, um Zeit für ihre Familie zu haben. (Bild: Stefan Hoederath/Getty, Monika Rittershaus)

Am Ende unseres Gesprächs im Opernhaus Zürich erzählt der Opern- und Konzertsänger Georg Zeppenfeld eine Anekdote aus seinem doch schon 22 Jahre währenden Berufsleben. Er erinnert sich an die Probe an einem andern Opernhaus. Es war warm, alle fühlten sich ein wenig abgespannt. So richtig Leben wollte nicht in die Sache kommen. Da ergriff der Regisseur das Wort und sagte: «Irgendwie muss es ja einen Grund geben, warum wir alle jetzt nicht im Büro sitzen.»

Ja, irgendwie muss es einen Grund geben, warum Georg ­Zeppenfeld nicht Musiklehrer ­geworden ist, wie das einmal sein Plan B war. Warum er es auf sich nimmt, sieben Monate im Jahr unterwegs zu sein, fern vom heimischen Dresden, wo Frau und Sohn leben. Es ist, alles in allem, doch ein Leben auf Wanderschaft, das er führt.

Mit ihm viele andere: Regisseure, Dirigenten, Solisten, Bühnenbildner. Wie eine riesige Karawane ziehen sie von Opernhaus zu Opernhaus, von Konzertsaal zu Konzertsaal. Und jetzt, da die Festivalzeit beginnt, intensiviert sich diese Bewegung noch.

«Irgendwann war die Frau weg»

Georg Zeppenfeld etwa wird nach dem Zaccaria in Verdis «Nabucco», den er gerade in Zürich singt, in Bayreuth Station machen, bevor er heimkehrt zu seiner Frau, die Grundschullehrerin ist, und an die Semperoper, die ihn je Spielzeit fünf Monate unter Vertrag hat. Andere Sänger, die ganz freischaffend arbeiten, praktizieren dieses Vagabundenleben noch extremer.

«Da müssen entweder die Partner sehr viel reisen – oder sie selber kehren zwischen den Vorstellungen immer wieder heim.»

Er stelle sich das sehr viel nerviger vor. Und riskanter dazu. Zeppenfeld kennt Kollegen, deren Privatleben nach einer gewissen Zeit ruiniert war. «Denn irgendwann war die Frau weg.»

Er selber ist sich der Tatsache jedenfalls bewusst, dass nicht nur er selber das Unterwegssein aushalten muss, sondern auch seine Partnerin und sein Sohn. «Mein Alltag verlangt ihnen ab, dass sie sich immer wieder auf eine neue Situation einstellen», sagt Zeppenfeld.

«Ich bin derjenige, der Unruhe hineinbringt. Natürlich telefonieren wir. Aber es ist was anderes, als wenn ich da bin.»

Auch in ganz banalen Fällen. Etwa wenn über die Feiertage die Heizung ausfällt, «und wir dann am Telefon beraten, was man da tun kann».

Manche reisen mit Partnern und Kindern

Wie schaffen Künstler es, die Balance zu finden zwischen Privatleben und anforderungsreichem Beruf? Ilona Schmiel kann diese Frage aus mittlerweile fast drei Jahrzehnten Erfahrung beantworten. Woche für Woche betreut die Intendantin der Zürcher Tonhalle Dirigenten und Solisten, kümmert sich um ihr Wohlergehen und geht nach Konzerten mit ihnen essen.

Sie weiss, wer alleingelassen werden möchte und wer gerne Gesellschaft hat. Und immer wieder besucht Schmiel auch Künstlerinnen und Künstler bei Auftritten an anderen Orten, um sie in anderen künstlerischen Konstellationen zu erleben oder mit ihnen über Programme zu diskutieren.

So lernt sie auch die unterschiedlichsten Lebensmodelle kennen. Da gibt es Künstler wie den Multi-Perkussionisten Martin Grubinger, der mit einem ganzen Tross anreist. Das Handwerk hat er beim Vater gelernt, der ihn oft neben Schlagzeuger-Kollegen begleitet. Andere wie die Dirigenten Bernard Haitink und David Zinman sind mit ihren Partnerinnen unterwegs, die auch «grossartige Organisatorinnen sind», wie Ilona Schmiel sagt.

Andere Anforderungen stellt eine Karriere an jene, die jung sind und Kinder haben. «Da gibt es Künstlerinnen, die sich Aus­zeiten nehmen», sagt Schmiel, und erwähnt die Geigerin Lisa Batiashvili, die auch die Zahl ihrer Konzerte strikt begrenze, «um Zeit zu haben für die Familie». Ihre Kinder und ihren Mann erwartet sie auch, als wir uns im Oktober 2015 nach einer Probe in der Tonhalle treffen. Dabei erzählt Lisa Batiashvili, wie wichtig ihr die Balance zwischen Muttersein und Kunst ist, und dass sie zu Hause manchmal bewusst auch nicht übe.

Der Balanceakt von Anne-Sophie Mutter

Dass die von Lisa Batiashvili erwähnte Balance auch Balanceakte erfordert, wird im Gespräch mit ihrer Kollegin Anne-Sophie Mutter deutlich, deren Sohn und Tochter heute erwachsen sind. Als sie noch kleiner gewesen seien, sei sie nach Konzerten oft noch in der Nacht nach München zurückgefahren, erzählt Anne-Sophie Mutter im Juni 2015, «denn ich wollte zum Frühstück bei den Kindern sein».

Wie im Fall von Lisa Batiashvili, deren Mann Oboist ist, kommen viele Partner von Musikern auch aus dem Musikleben. «Sie wissen, worauf sie sich ­einlassen», sagt Ilona Schmiel.

«Partner, die aus nichtkünstlerischen Bereichen kommen, können inspirierend wirken. Aber es kann ihnen auch schwerfallen, diese doch ganz eigene Welt zu verstehen.»

Der Pianist Oliver Schnyder etwa ist ganz froh, mit einer Geigerin verheiratet zu sein. «Sie weiss, was in der Psyche eines Konzertmusikers vor einem Auftritt vor sich geht, wenn Selbstzweifel wachsen und ich Fluchtgedanken habe», erzählt er bei einem Treffen.

Mit dem Whiskey in die Garderobe

Dennoch gibt es eine grosse Einsamkeit, die Künstlern bei ihrem ständigen Herumreisen zusetzen kann. Mildern kann sie ein gutes Netzwerk an Freunden. Mildern können sie auch andere Künstler, mit denen man etwa in der ­Kammermusik enger zusammen arbeitet.

Eine besonders enge Art der Zusammenarbeit pflegen im Opernbereich Regisseure, Bühnen- und Kostümbildner, wenn sie an einer Inszenierung arbeiten. «Ich fühle mich da wie in einer Kleinfamilie», beschreibt die Regisseurin Tatjana Gürbaca diese Lebensform auf Zeit.

Und schliesslich gibt es noch jene Fans, die einen Künstler manchmal nach einem Konzert hochleben lassen. Wie jener Japaner, von dem der Pianist Rudolf Buchbinder vor ein paar Jahren erzählt hat: «Er reist mir überall hin nach, wenn ich Beethoven spiele. Und kommt nach dem Konzert mit meinem Lieblings-Whiskey in die Garderobe.»

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