Eine Ausnahmetalent am Piano: Igor Levit zwischen Tiefsinn und Esprit

Mit einem beeindruckenden Auftritt eröffnet Igor Levit das Piano-Festival in Luzern. Tags darauf legen Sergej Redkin, Varvara und Betrtrand Chamayou ihre eigenen Spuren.

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Auch sehr schwierige Stücke schrecken ihn nicht: Igor Levit in Luzern. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Auch sehr schwierige Stücke schrecken ihn nicht: Igor Levit in Luzern. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

In der Begegnung ist Igor Levit freundlich, zugänglich und bescheiden. Wenn man mit dem heute 31-jährigen Pianisten über seine musikalischen Projekte spricht, dann wird freilich noch eine andere Seite sichtbar: Sein ausgeprägter Ehrgeiz, Ausser­ordentliches zu vollbringen. Das heisst, immer neue Schwierigkeitsgrade zu erkunden, vor allem aber: Unbekanntes zu entdecken, wie er es am Samstagabend im KKL Luzern zur Eröffnung des diesjährigen Piano-Festivals tut.

Wie er uns vor einigen Jahren erzählt hat, hat Levit dieses Bedürfnis schon empfunden, als er, noch als Student, das Varia­tionenwerk «The People United Will Never Be Defeated» von Frederic Rzweski in die Hände bekam. Später hat er es dann ­zusammen mit Bachs Goldberg- und Beethovens Diabelli-Variationen auf CD eingespielt. Schon vor Jahren hat er sich auch mit dem 1924 verstorbenen Meisterpianisten, Komponisten und Musikschriftsteller Ferruccio Busoni beschäftigt, dessen stark von Bach geprägtes kompositorisches Werk heute nahezu vergessen ist. Sehr zu Unrecht, wie Levit glaubt.

Das Publikum folgt mucksmäuschenstill

Busoni spielt eine wichtige Rolle im an Verknüpfungen reichen Eröffnungsabend in Luzern, dessen Stücke sich auch auf seiner neuen, gerade eben erschienenen Doppel-CD finden. Es ist Musik über Musik, die Igor Levit spielt. Zuerst wunderbar verhalten Bachs berühmte Ciaccona für Violine solo, in einer Bearbeitung für Klavier durch Johannes Brahms, dann, klanglich weiter ausgreifend, Busonis Fantasia nach Johann Sebastian Bach. Und als letztes Stück vor der Pause Robert Schumanns allerletztes Werk vor seinem Abgleiten in den Wahnsinn, die Geistervariationen. Wie Levit die Feinheiten herausarbeitet, wie er Klarheit mit Wärme verbindet und immer wieder die Stille sprechen und die Musik schweben lässt, das ist schon eindrucksvoll. Das Publikum verfolgt sein Spiel denn auch mucksmäuschenstill.

Levit transportiert den ganzen Ernst mit

Im zweiten Teil des Abends dann türmen sich die spieltechnischen Schwierigkeiten – zuerst in Franz Liszt’ Feierlichem Marsch zum heiligen Gral aus «Parsifal», dann aber vor allem in dessen – von Busoni aufs Klavier übertragenen – Fantasie und Fuge über den Choral «Ad nos, ad salutarem undam» aus Giacomo Meyerbeers Oper «Le Prophète». Was Liszt für das reiche Arsenal der Orgel entworfen hatte, hat Busoni «auf das Pianoforte frei übertragen», wie er selber aufs Titelblatt schrieb, und manchmal denkt man an diesem letzten Teil des Abends: Das geht gar nicht, mit nur gerade zehn Fingern solche komplexe Klanggebilde hervorzubringen. Aber mehr noch: Levit schafft es, den ganzen Ernst und die ganze Tiefe dieser Musik mitzutransportieren.

Drei Pianisten setzen unterschiedliche Akzente

Tags darauf steht dann mit dem jungen Sergej Redkin zuerst einmal Virtuosenkunst auf dem Programm. In Stücken von Tschaikowsky (aus «Dornröschen»), Prokofjew («Cinderella») und Strawinsky («Petruschka») lässt er eine – freilich doch eher ­kühle – Märchenwelt erstehen. Da ist seine Landsfrau Varvara tiefgreifend anders gestimmt. Höflich befragt sie Rameaus Suite e-Moll, leidenschaftlich stürzt sie sich auf Antonio Solers Fandango und macht am Ende ihres Auftritts Maurica Ravels «La Valse» in seiner vertrackt schwierigen Fassung für Klavier zu einem energiegeladenen Fest für die Sinne.

Sinnlich: Das ist auch ein ­gutes Stichwort für Bertrand Chamayous originelles Programm, das John Cage und seine präparierten Klaviere dem Klangzauberer begegnen lässt. Es ist ein Konzert voller Esprit.

Igor Levit: Life, mit Werken von Busoni, Bach, Schumann, Rzews­ki, Liszt und Evans, 2 CD, Sony