Luzerner Sinfonieorchester schafft den Spagat zwischen Volksmusik und Klassik

Im Konzert zur Saisonmitte zeigen sich die Stärken des Luzerner Sinfonieorchesters.

Roman Kühne
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Das Luzerner Sinfonieorchester mit Geiger Gil Shaham (Mitte) beim Konzert im KKL.

Das Luzerner Sinfonieorchester mit Geiger Gil Shaham (Mitte) beim Konzert im KKL.

Bild: Nadia Schärli
(Luzern, 12. Februar 2020)

Wer die letzten drei bis vier Jahre das Hausorchester des KKLs begleitete, hat Grossartiges erlebt. Ein musikalischer Steigerungslauf, ein Aufschwung, der wohl nur schwierig zu übertreffen wäre. Mit fast schon traumwandlerischer Sicherheit werden grosse Sinfonien von Bruckner im Konzert aufgeführt oder Sergei Rachmaninow auf die aktuelle CD eingespielt. Musikalisch, lebendig und abwechslungsreich.

Das Konzert zur Saisonmitte bittet sich nun mit seiner Programmwahl geradezu an, eine kleine Bilanz zu ziehen.

Ein Orchester aus Solisten

Speziell das «Concert Românesc» von György Ligeti ist in seiner Kombination aus Transparenz, Vielstimmigkeit und vertrackten Rhythmen ein Gradmesser für Präzision und Zusammenspiel. Das Werk, 1951 komponiert, war in Rumänien für 20 Jahre verboten. Es enthielt «abartige» Dissonanzen. So erklingt zum Beispiel im schönsten B-Dur Akkord ein Fis statt ein F. Für das moderne, jazzgestimmte Ohr sind solche Entscheide fast nicht mehr nachzuvollziehen. Perfekt spielen die Musiker das Piano zu Beginn. Voll und warm, aber auch transparent und leicht. Der schnelle und synkopische Tanz im Allegro, die sich aufbauende Spannung in den beiden letzten Teilen, das hektische Finale – die Künstler spielen die zwölf Minuten Musik aus einem Bogen, ein attraktiver Spagat zwischen Volksmusik und Klassik. Und gerade in dieser Komposition zeigt sich ein weiteres Qualitätsmerkmal dieses Orchesters: seine Solisten. Ob relativ neue Mitglieder wie beispielsweise die Flötistin Zofia Neugebauer und der Klarinettist Stojan Krkuleski oder bewährte Kräfte wie der Waldhornist Lukas Christinat, die Oboistin Andrea Bischoff oder der Solist der zweiten Violine, Jonas Erni – sie sind das gewisse Extra im hervorragend aufspielenden Gesamtensemble. Nicht zu vergessen der Konzertmeister Gregory Ahss, der im Finale des viersätzigen Konzertes ein wunderbar schwungvolles Geigensolo im «Fiddlermodus» zelebriert.

Musik wie ganz grosses Kino

Hinzukommen die vielen Farben, die der Chefdirigent James Gaffigan in der 2. Sinfonie von Jean Sibelius aus dem Orchester lockt. Dem «Kino» das auf die Kammermusik des ersten Teiles folgt. Auch diese grosse «Geschichte» leitet er ohne Taktstock, erzählt mit blossen Händen von der Sehnsucht, dem Drama und der Hoffnung des hohen Nordens. Wenn im zweiten Satz das Fagott wie ein Hauch über den zupfenden Celli und Bässen schwebt, das Szenario sich immer mehr in die Höhe schraubt, Spannung und Drohwort in den Posaunen, Trompeten und der Kesselpauke ihre Spitze findet – dann ist dies ganz grosses Kino.

Ein schäumendes Gemälde, expressiv und diabolisch. Ein Finale, von James Gaffigan unerbittlich und lange am Limit gehalten. Mit Balance und Klang. Strahlend und grandios. Grenzen scheinen da keine gesetzt. Wenn da nur die sehr schnellen Tempi nicht wären.

Geiger mit hohem Risiko

Das «Vivacissimo» bei Sibelius erklingt nicht ganz mit der Verve und Prägnanz der anderen Teile. Schon im «Konzert für Violine und Orchester» von Felix Mendelssohn Bartholdy hinkt das Orchester teils etwas hinter dem Solisten nach, folgt seiner extremen Beschleunigung nicht mit der gleichen Prägnanz, wie in den anderen Teilen. Aber der Amerikaner Gil Shaham ist auch ein Virtuose, wie er im Buche steht. Zum ersten Mal zu Gast beim Luzerner Sinfonieorchester geht der Geiger mit hohem Risiko in das Werk, reizt vor allem die Pianissimi in den höchsten Lagen fast halsbrecherisch aus. Nun ja, er kann es sich leisten. Technisch und klanglich spielt er in der höchsten Solistenliga. Sein obertonreicher Klang, sein schlemmendes Vibrieren und – eben – sein hohes Tempo im Schlusssatz macht aus dem eh schon romantischen Werk endgültig ein festliches Gelage.

Doch trotz, oder gerade wegen seiner Üppigkeit lässt einem diese Interpretation phasenweise recht kalt, hätte man sich mehr Innigkeit und Seele gewünscht. Als Zugabe spielt er mit dem Konzertmeister Gregory Ahss eine «Gavotta» von Jean-Marie Leclair, verspielt, ohne jede Akrobatik und gerade deswegen intim und perfekt.

CD: Rachmaninoff in Lucerne, Luzerner Sinfonieorchester und  Behzod Abduraimov (Piano). Sony Classical.