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ZWISCHENBÜHNE HORW: Die tamilische Poetik der Liebe

Eine zeitgenössische Theaterinstallation zum Thema Liebe: Die ungewöhnliche Inszenierung in der Zwischenbühne Horw basiert auf alten tamilischen Texten.
Symbolbild: Jakob Ineichen

Symbolbild: Jakob Ineichen

Ungewöhnlich heisst im Fall dieser Theaterproduktion: Man hat im Einzelnen längst nicht alles verstanden, was am Dienstagabend in der Zwischenbühne Horw gesprochen oder ausgedrückt wurde. Dennoch konnte man sich auf ein Geschehen einlassen, das so träumerisch wie rätselhaft und mit guter Energie die Sinne kitzelte.

Das Stück heisst «Anziehen Ausziehen» und ist die Master-Abschlussarbeit des gebürtigen Inders aus Tamil Nadu, Bharathi Mayandi Franaszek, an der Abteilung Expanded Theater an der Hochschule der Künste Bern.

Ausgezogen wird hier nichts, es sei denn, dass die Spielarten der Liebe entkleidet werden, die bei dieser Theaterinstallation in verschiedenen Sequenzen mit Bildern, Worten und Klängen thematisiert werden. Die Schauspieler Phil Küng und Elvio Yair Avila, die zwei Schauspielerinnen Michèle Flury und Nadja Rui sowie die zwei Musikerinnen Avital Cohen (Flöte) und Sabine Moser (Harfe) bilden das Ensemble (Regie: Bharathi Mayandi Franaszek). Das Stück entfaltet sich in zwei – auch bühnentechnisch – unterschiedlich gestaltete Settings.

Ein komplexes Regelwerk

Im ersten Teil lernen wir in spielerischen Duetten und rudimentären Szenen das komplexe Regelwerk der Liebe kennen, wie es im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu die traditionelle Kultur prägt. Da werden knapp und frisch die sieben Typen der Liebe oder die sechs Levels und 24 Sektionen des Liebens vorgeführt. Gespielt wird in der Mitte des Raumes, das Publikum sitzt auf zwei Seiten. An den beiden Ecken des Spielfeldes stehen auch zwei Büsten, die zu Liebespartnern werden und mit viel Geflüster umgarnt werden.

Vor 2000 Jahren auf Palmblätter geschrieben

Nach der Pause werden die verschiedenen Formen der Liebe wie Trennung und Vereinigung, Treue und Betrug, vor und nach der Heirat in verschiedenen ­Duetten vorgestellt. Die Szenen basieren auf 20 tamilischen Gedichten aus der Sammlung Sangam Kavidaigal, die vor mehr als 2000 Jahren auf Palmblätter ­geschrieben wurden.

Die eigentliche «Action» in «Anziehen Ausziehen» findet in der Mitte des Raumes in einem Rechteck aus durchsichtigen Stoffen mit einem Paar statt. Parallel dazu sprechen ein Mann und eine Frau am Bühnenrand mit leisen Stimmen die Poesie dazu. Gespielt wird auf Deutsch, Tamilisch und Englisch.

Der Mann trägt eine weisse Unterhose und auf dem Kopf ein Hirschgeweih. Er balzt um die Frau, die ihn empfängt und dann wieder verstösst. Am Ende boxen die beiden aufgewühlt auf ein Kissen ein, um mit der Trennung klarzukommen.

Gefälle zwischen Tradition und Bollywood

Verglichen mit einem Bollywood-Film ist dieses Liebesstück geradezu avantgardistisch angerichtet. Man denkt an das Gefälle zwischen den verankerten Rollenbildern der Tradition und den kitschigen Filmschnulzen, mit denen die gleiche Gesellschaft die Liebe romantisch verklärt. Und dass im Westen ­ die Projektionsmaschine Liebe nicht minder auf Hochtouren läuft.

Im zweiten Teil dieses seltsam exotisch-zeitgenössischen Theaterabends nehmen Frauen und Männer getrennt auf je einer Seite Platz. Man steckt den mitgebrachten Kopfhörer in die bereitgestellten Anschlüsse und horcht. Da ist nichts zu vernehmen. Es wäre ein cooler Regieeinfall, das so zu wollen. Aber es ist eine kleine Panne. Die geflüsterten Texte sind fragmentweise dennoch zu hören, was nicht zum Nachteil gereicht. Umso stärker lässt man sich auf das Spiel von Bewegung, Spiel, Licht und Sound ein.

Und ja: Was heisst schon «Verstehen» beim Thema Liebe? Diese ist und tut, begehrt und streitet, sehnt und schmachtet, blendet und verendet – ob in Indien oder in der Schweiz.

Pirmin Bossart
kultur@luzernerzeitung.ch

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