«ZWISCHENTÖNE» ENGELBERG: «Im Idealfall so familiär wie Hauskonzert»

Das Merel Quartet um den Luzerner Cellisten Rafael Rosenfeld gründet ein eigenes Festival. In Engelberg gehen sie mit Freunden und Schubert nach Wien und in den Osten.

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Das Merel Quartet mit Rafael Rosenfeld (Cello) und Ellen Woodside (erste Geige) im KKL Luzern. (Bild: Marco Borggreve)

Das Merel Quartet mit Rafael Rosenfeld (Cello) und Ellen Woodside (erste Geige) im KKL Luzern. (Bild: Marco Borggreve)

Je grösser die Besetzung auf der Bühne, desto mehr Publikum zieht klassische Musik an. Der Eindruck eines Veranstalters bestätigt sich im Konzertleben der Region. So ist es bis heute nicht gelungen, im KKL eine regelmässige Kammermusikreihe zu etablieren. Dafür wird Kammermusik, passend zum intimen Charakter kleiner Besetzungen, an die Ränder ausgelagert.

Und da, in den Nischen, boomt sie. So sind in den letzten Jahren zu den Zuger Sommerklängen Festivals am Sempacher- und Sarnersee, auf der Rigi, im Schloss Meggenhorn oder auf dem Bürgenstock hinzugekommen. Auch das Luzerner Sinfonieorchester fand eine Lücke für sein Zauberseefestival.

Festivals werden wichtiger

Da wundert man sich, dass jetzt wieder eines hinzukommt. Die «Zwischentöne», die vom 23. bis 25. in Engelberg sieben Konzerte bieten, liegen in diesem Trend, indem sie Kammermusik in ein Erlebnispaket für alle Sinne einbinden. Dazu gehören das historische Ambiente im Barocksaal des Klosters, wo alle Konzerte stattfinden, der Ausflug in die Berglandschaft und das kulinarische Begleitprogramm, wo man sich beim Diner oder Apéro mit den Künstlern treffen kann.

Initiant des «Zwischentöne»-Festivals ist das Ensemble, das hier – mit Gästen – auftritt. Aber das Merel Quartet um den Luzerner Cellisten Raphael Rosenfeld verschafft sich damit nicht einfach eine Plattform für vermehrte Auftritte. Die hat es als eines der international erfolgreichsten Schweizer Quartette nicht nötig. Wieso steigen die Musiker also auf diesen Zug auf? Und wie erklären sie sich den Trend zur Kammermusik in der Nische?

Rafael Rosenfeld, der künstlerische Leiter des Festivals, sieht diese Entwicklung in einem grösseren Zusammenhang. «Gerade angesichts des Überangebots und der Alltagshektik wächst das Bedürfnis, sich aus dem Betrieb auszuklinken und sich auf Musik in konzentrierter Form einzulassen», meint der Solocellist des Tonhalle-Orchesters Zürich: «Ich denke, deshalb werden Festivals generell immer wichtiger.»

Anspruchsvoll statt schwierig

Für Kammermusik ist dieser Rahmen ideal: «In der Kammermusik haben viele Komponisten ihre persönlichste, tiefste Musik geschrieben.» Damit spricht sie ein Publikum an, das bereit ist, sich intensiv auf Musik einzulassen.

Aber anspruchsvoll heisst nicht immer schwierig. Das zeigt das Programm dieser Zwischentöne unter dem Motto «Moments Musicaux – Hommage a Schubert». So erklingen viele Werke des Frühromantikers, darunter so populäre wie das Forellenquintett, Lieder (mit der Sopranistin Ruth Ziesak) oder die späte Klaviersonate in a-Moll (mit Pianist Alasdair Beatson).

Aber unterstreicht der Rückzug in einen von Klosteranlage und Nobelhotels geprägten Bergort nicht den Eindruck des Elitären, den viele mit Kammermusik verbinden? «Das ist gar nicht unsere Absicht», widerspricht Ellen Woodside. Die ersteGeigerindesMerelQuartets und Gattin von Rosenfeld betont, dass als Stammhotel das kleine, stilvolle «Edelweiss» gewonnen werden konnte, das auch günstige ­Packages anbietet. Und sie verweist auf die offene Werkstattprobe zu Beginn des Festivals: «Hier können junge und andere interessierte Zuhörer sehen, wie ein Streichquartett arbeitet, worauf man hören kann und wie eine Interpretation entsteht.»

Von Wien in den Osten

Neue Zugänge zur Musik eröffnen soll auch die Programmierung. Dazu gehören eine Einführung von Alfred Brendel sowie die thematische Verbindung von Schubert mit anderen Komponisten. Das Eröffnungskonzert verweist mit Janácek und Dvorák auf östliche Einflüsse in Schuberts Musik, der Samstag- abend spürt bis hin zu Schönberg und Anton Webern dem «Wienerischen» in der Musik nach.

Die Lust, solche thematischen Programme zu machen, gab den Anstoss zur Gründung des Festivals. «Wir werden meistens als Streichquartett engagiert», sagt Rosenfeld: «Das eigene Festival gibt uns die Möglichkeit, mit Freunden in verschiedenen Besetzungen aufzutreten, wie es sie in dieser Kombination im Konzertalltag kaum gibt.»

Die Pfingstkonzerte in Ittingen, wo Andras Schiff und Heinz Holliger mit Musikerfreunden auftraten, waren dafür ein Vorbild. Auch für die Nähe zum Publikum. «Im Idealfall sind Kammermusikkonzerte so familiär wie ein Hauskonzert, wo Leute kommen, die diese Musik vielleicht gar nicht kennen», sagt Rosenfeld: «Und die, weil es dafür eigentlich kein Vorwissen, sondern nur Leidenschaft braucht, dennoch begeistert sind.»

Urs Mattenberger

Infos und VV: www.zwischentoene.com

Komponierte Programm-Hommage an Schubert


Das Festival «Zwischentöne» umfasst unter dem Motto «Moments Musicaux – Hommage à Schubert» sieben Veranstaltungen vom 23. bis zum 25. Oktober. Alle finden im Barocksaal des Klosters Engelberg statt. Drei Konzerte am Samstag und je zwei am Freitag und Sonntag sollen einen Besuch sowohl mit einem Tagesausflug wie auch mit Übernachtung ermöglichen. Entsprechende Packages bietet das Festivalhotel Edelweiss an. Einzelkonzerte kosten 38 Franken (offene Probe: 20, Matinee: 33), der Festivalpass für alle Konzerte 200, der Pass für die drei Samstagskonzerte 85 Franken.

Freitag, 23. Oktober

Offene Werkstattprobe, 16.00 Uhr: Wie in einem Streichquartett die Zusammenarbeit ohne Hierarchien funktioniert, hat das Merel Quartet schon an Manager-Seminaren vorgeführt. In der Werkstattprobe zeigt es anhand von Schuberts Quartettsatz c-Moll, wie eine Melodie entsteht, was Kontrapunkt ist und warum Musiker so lange proben. Für junge Zuhörer, Kammermusik-Fans und interessierte Neueinsteiger.

Eröffnungskonzert, 19.15 Uhr: Unter dem Motto «... in einer Herbstnacht» erklingen Lieder von Schubert mit der Sopranistin Ruth Ziesak. Leos Janáceks «Im Nebel» für Klavier (Alasdair Beatson) und Antonin Dvoráks Klavierquintett A-Dur erinnern an böhmisch-slawische Einflüsse in Schuberts Musik.

Samstag, 24. Oktober

Matinee, 10.45 Uhr:«Pianisten fasziniert als Einzelgänger am Klavier, wie im Streichquartett vier Musiker zu einer Einheit werden», weiss Rafael Rosenfeld. Ein Beispiel ist der Pianist Alfred Brendel, der einst als führender Schubert-Interpret und als Essayist den «Schlafwandler» Schubert gegenüber dem «Dramatiker» Beethoven rehabilitierte. In der Matinee führt er ein in Schuberts Streichquartett in G-Dur vor dessen Wiedergabe durch das Merel Quartet.

Rezital, 14.15:Der Cellist Rafael Rosenfeld und das Merel Quartet haben beim Komponisten György Kurtag «viel über Kammermusik gelernt». Rosenfeld kombiniert Werke für Cello solo von Kurtag und Bach, in denen er eine ähnliche Universalität und Reduktion aufs Wesentliche verkörpert sieht.
Abendkonzert, 17.30: Unter dem Motto «Schubert und die zweite Wiener Schule» spürt das Konzert dem Wienerischen nach. Von Schubert erklingen die späte Klaviersonate in a-Moll, Lieder sowie das Rosamunde-Streichquartett. Für den Aufbruch in die Moderne stehen Schönbergs zweites Streichquartett auf Texte von Stefan George (mit Ruth Ziesak) sowie Anton Weberns Drei kleine Stücke für Cello und Klavier.

Sonntag, 25. Oktober

Lesung, 10.45 Uhr:Alfred Brendel (Bild) liest «Moments musicaux, Bagatellen und andere Kleinigkeiten» aus seinen fünf Sammlungen mit humorvollen, skurril-grotesken Gedichten – musikalisch umrahmt von kurzen Stücken von Schubert über Bartók bis zu Heinz Holliger.

Abschlusskonzert, 16.30 Uhr: Nach Liedern und Mozart-Variationen von Beethoven («Ein Mädchen oder Weibchen» für Cello und Klavier) erklingt zum Schluss Schuberts Lied «Die Forelle» mitsamt dem gleichnamigen Klavierquintett.

mat

Singt Schönberg und Schubert: Sopranistin Ruth Ziesak. (Bild: Rosa Frank)

Singt Schönberg und Schubert: Sopranistin Ruth Ziesak. (Bild: Rosa Frank)

Führt in Schubert ein und liest eigene Gedichte: Alfred Brendel. (Bild: Benjamin Ealovega)

Führt in Schubert ein und liest eigene Gedichte: Alfred Brendel. (Bild: Benjamin Ealovega)