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200 auf einen Streich

Alexander Kellner ist einer der bedeutendsten Saurierforscher. Der Liechtensteiner hat in China Dinoeier entdeckt. Als Direktor des baufälligen Naturmuseums in Rio de Janeiro steht er vor einer Herkulesaufgabe.
Martina Farmbauer
Die Stelle in der chinesischen Wüste, wo Alexander Kellner (links) die Flugsaurier-Eier ausgrub. (Bild: imago/Xinhua)

Die Stelle in der chinesischen Wüste, wo Alexander Kellner (links) die Flugsaurier-Eier ausgrub. (Bild: imago/Xinhua)

Als die Schweizer Medien Ende letztes Jahr «Osternest kurz vor Weihnachten» titelten, war den wenigsten der Name dieses Forschers bekannt: Alexander Kellner. Kein Wunder, denn der 56-Jährige mit dem deutschen Namen war damals erst in Brasilien eine Berühmtheit, er hatte über Jahre hinweg das südamerikanische Land für Dinosaurier begeistert. Sein Fund in der chinesischen Wüste war um so spektakulärer: Zusammen mit einem chinesischen Forscher hatte er über 200 versteinerte Flugsaurier-Eier ausgegraben. Der Fund ging als wissenschaftliche Sensation um die Welt. Und war die glänzende Krönung einer beharrlich verfolgten wissenschaftlichen Laufbahn, die kurz danach mit dem Direktorenamt des Museu Nacional in Rio de Janeiro einen weiteren Höhepunkt erlebte. Allerdings ist die Leitung dieses Naturmuseums eine ebenso steinige, beschwerliche Arbeit wie die Suche nach Dinosauriern. Denn in diesem Museum ist der Glanz schon lange abgebröckelt.

«Welche Wand ist die am schlechtesten erhaltene?»

Das erste, was Alexander Kellner gemacht hat, nachdem er in diesem Februar seinen Dienst als Direktor des Museu Nacional angetreten hat: Den 15 Jahre lang verschlossenen Saal öffnen und ausräumen lassen, in dem einst portugiesische und brasilianische Könige und Kaiser sassen. Das Museum war früher Kaiserpalast. Kellners Geste ist eine Demonstration des Museumszustandes: «Welche Wand ist die am schlechtesten erhaltene?», fragt er provokativ. Genau vor dieser sitzt er nämlich – am grossen Tisch im Raum, den er zu seinem Büro gemacht hat und wo er wie die Könige und Kaiser auch empfängt. Allerdings: Von der blau-grau gestrichenen, hohen, verzierten Wand blättert der Putz ab, weisse Flecken breiten sich aus. An der Episode wird vieles deutlich über das Museu Nacional, und an ihr wird auch der Charakter seines Direktors Alexander Kellner klar, der im liechtensteinischen Vaduz geboren wurde. Die Episode zeigt die zupackende Art und das historische Bewusstsein des für einen Brasilianer ungewöhnlich grossen Mannes mit den tiefblauen Augen.

Alexander Kellner in seinem Büro im Museu Nacional in Rio. (Bild: Martina Farmbauer)

Alexander Kellner in seinem Büro im Museu Nacional in Rio. (Bild: Martina Farmbauer)

Seit Olympia 2016 pleite

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Alexander Kellner im Nationalmuseum in Rio, das in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag feiert. Das 1818 gegründete Museu Nacional ist eine der ältesten wissenschaftlichen Einrichtungen Brasiliens und das älteste naturkundliche Museum Lateinamerikas. Aber eben: Der «Glanz mit Problemen» des Nationalmuseums, ja der Stadt Rio de Janeiros, zeigt sich für Alexander Kellner exemplarisch an seinem Saal. Der Niedergang Rio de Janeiros begann, als die Hauptstadt 1960 nach Brasilia verlegt wurde. Geblieben ist der Glanz vergangener Tage, dem man begegnet, wenn man in ein Ministerium geht oder eben ein Museum besucht. Die Stadt ist spätestens seit den Olympischen Spielen 2016 in Rio pleite.

Brasilien, so heisst es, sei ein Land ohne Gedächtnis. Doch Kellner ist in Liechtenstein geboren. Als Kind ist er mit seinen Eltern nach Brasilien gekommen. Es war die Zeit, in der die neue Hauptstadt Brasilia, die Rio de Janeiro ablöste, im Landesinneren entstanden ist. Kellners Vater arbeitete als Immobilienhändler. Heute ist Alexander Kellner auch Brasilianer. «Meine Heimat, mein Land ist Brasilien», sagt er. Seine Frau ist Brasilianerin, seine Kinder sind Brasilianer. «Ich schulde Brasilien sogar viel», sagt Kellner. «Es ist ein Gefühl, das schwer zu erklären ist. Aber ich wäre nicht das, was ich bin, hätte nicht diese Karriere, die ich habe.»

Wie einer in Brasilien zum Dinoforscher wird

Kellners Spezialgebiet sind die Pterosauria, Flugsaurier, die vor 215 Millionen Jahren die Lüfte beherrschten. Das Interesse für Naturwissenschaften hat er von seinem Vater, der nicht nur mit Land, sondern auch mit Edelsteinen handelte. Kellner half seinem Vater dabei, seit er zwölf Jahre alt war – eine interessante Parallele zum bekannten Schweizer Dinosaurierforscher Hans-Jakob Siber, dem Gründer und Leiter des Dinosauriermuseums im zürcherischen Aathal. Auch Siber war oft mit seinem Vater unterwegs, der in der halben Welt Edelsteine aufkaufte und verkaufte. So sagt denn auch Kellner, er habe sich in seiner Jugend «in einem bestimmten Moment verliebt – in Fossilien». Und beschlossen, Geologie zu studieren.

Alexander Kellner hat die zweisprachige Deutsche Schule in Rio de Janeiro besucht, an der Universidade Federal do Rio de Janeiro (UFRJ) Geologie studiert und an der Columbia University in New York in einem Programm zusammen mit dem American Museum of Natural History promoviert. 1997 nach Rio zurückgekehrt, fing er als Dozent und Kurator am Museu Nacional an. Bereits zwei Jahre später hat er Aufsehen erregt mit seiner Ausstellung «No Tempo dos Dinossauros», die als Meilenstein in der Geschichte des Museums gilt und in Brasilien das breite Interesse an Dinosauriern geweckt hat. Inzwischen ist der Paläontologe Mitglied der brasilianischen Akademie der Wissenschaften, hat mehr als 900 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht und Expeditionen nach Chile, Iran, China und in die Antarktis unternommen. Als er im Dezember vergangenen Jahres die Flugsaurier-Eier in China gefunden hat, da glaubte er zuerst gar nicht, dass das möglich ist:

«Mein Herz raste wie bei einem Verliebten.»

Als Paläontologe kein Job in Liechtenstein

Bei aller Liebe zur neuen Heimat – den Kontakt zum Herkunftsland Liechtenstein hält Kellner aufrecht. Mit 18 Jahren besuchte er erstmals wieder das Fürstentum. Er, der sich ausser für Naturwissenschaften auch für Kunst interessiert, wollte dort nicht nur seinen Wurzeln nachgehen, sondern auch die riesige private Gemäldesammlung besuchen. Dass er dabei den Fürsten kennen lernte, ermunterte ihn nach dem Studium, den Fürsten um einen Job in Liechtenstein zu fragen. Eine Stelle gab es allerdings dort für einen Paläontologen keine.

Beruflich hat er wegen des Naturhistorischen Museums in Wien, das 80 Jahre nach dem Museu Nacional gegründet wurde, aber prachtvoller ausgestattet und besser erhalten ist, mehr in Österreich zu tun. So steht denn auch vor dem Museu Nacional eine Statue von Leopoldina, der österreichischen Kaiserin Brasiliens, die 1817 als habsburgische Prinzessin mit dem portugiesischen Kronprinzen verheiratet worden war. Die wissenschaftsbegeisterte Prinzessin zog Naturwissenschafter nach Brasilien und veranlasste Gelehrtenexpeditionen. Noch in Wien hatte sie die Entstehung des Nationalmuseums in Rio gefördert. 200 Jahre später lässt Alexander Kellner die Ankunft Leopoldinas in Rio de Janeiro am Geburtstag des Museums mit Schauspielern nachstellen und erzählt im Dialog mit ihnen die Geschichte des Museu Nacional.

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