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250 Jahre-Jubiläum von Alexander von Humboldt, dem Popstar der Naturwissenschaften

Alexander von Humboldt wäre am 14. September 250 Jahre alt geworden. Er kannte keine Grenzen, wenn er die Geheimnisse der Natur entschlüsseln wollte. Er hat sie vermessen. Gleichzeitig sah er in ihr ein lebendiges Ganzes und warnte vor ihrer Zerstörung.
Christoph Bopp
Alexander von Humboldt war der erste Klimaforscher. Heute wäre er 250 Jahre alt.

Alexander von Humboldt war der erste Klimaforscher. Heute wäre er 250 Jahre alt.

«Wenn einer eine Reise tut, / dann kann er was erzählen», dichtete Matthias Claudius (1740–1815). Und es gibt wahrscheinlich keinen Menschen, auf den die Verse besser zutreffen als auf Alexander von Humboldt. Am 14. September 1769 wurde er in Berlin geboren, wir feiern seinen 250. Geburtstag.

Alexander von Humboldt wurde berühmt wegen einer Reise. 1799 bis 1804 erkundete er – meistens zu zweit – Südamerika. Humboldt und sein Reisegenosse Aimé Bonpland durchquerten Wüsten und Steppen, kämpften sich durch den Dschungel, durchpaddelten Flüsse und bestiegen Berge. Nicht zuletzt den 6300 Meter hohen Chimborazo. Der erloschene Vulkan ist der höchste Berg im heutigen Ecuador. Und weil wir Humboldt und Bonpland nur Gutes wollen: der höchste Berg der Erde. Denn er liegt auf dem Äquator und ist deshalb weiter vom Erdmittelpunkt entfernt als die Riesen des Himalaja. Aber wenn Ehre, wem Ehre gebührt, dann gilt auch, dass man bei der Wahrheit bleiben muss: Humboldt und Bonpland schafften es nicht ganz auf den Gipfel. Sie sahen ihn – einige hundert Meter unterhalb –, aber konnten eine riesige Felsspalte nicht überwinden, die sie von ihm trennte.

Am Gipfel gescheitert, dafür eine tiefe Einsicht gewonnen

Der Bewunderung ihrer Leistung tut das kaum Abbruch. Sie waren nämlich unverdrossen weitergekraxelt, als ihre einheimischen Begleiter, die sie vor dem Aufbruch belächelt hatten, längst zurückgeblieben waren. Offenbar nicht einmal auf Strümpfen, die Stiefel waren ohnehin längst zerschlissen, kämpften sie sich hinauf, nicht ohne alle paar hundert Meter ihre Instrumente aufzustellen und Druck und Temperatur zu messen. Sie hatten auch ein Cyanometer dabei, mit dem die Intensität des Blaus der Atmosphäre gemessen werden kann. Wir wollen hoffen, dass sie nicht nur in der Lage waren, es zu bedienen (ohne Handschuhe und mit klammen Fingern), sondern auch zwischen Sturm und Schauer ein bisschen Himmelsblau erwischten.

Humboldt hat es auch später immer wieder auf die Berge gezogen. Aber auf dem Chimborazo substanzialisierte sich in ihm offenbar eine Einsicht, die völlig neu war. Beim Hinaufkraxeln hatten Humboldt und Bonpland fleissig Pflanzen gesammelt und beobachtet, welche Tiere vorkamen. Diese Beobachtungen setzten sie immer wieder mit ihren Messdaten in Beziehung. Auf welcher Höhe gedeihen welche Pflanzen? Das war noch eine einfache Frage, deren Antwort in Form einer Tabelle dargestellt werden konnte.

Bildstrecke: Grosse Geister über Humboldt

Simón Bolívar, Lateinamerikanischer Freiheitskämpfer:«Humboldt ist ein grossartiger Mann, der uns von unserer Blindheit befreit und unser Amerika so schön gezeichnet hat, wie es in Wirklichkeit ist.»Simón Bolívar, Lateinamerikanischer Freiheitskämpfer:
«Humboldt ist ein grossartiger Mann, der uns von unserer Blindheit befreit und unser Amerika so schön gezeichnet hat, wie es in Wirklichkeit ist.»
Charles Darwin, Naturwissenschafter:«Ich bewunderte früher Humboldt, jetzt bete ich ihn beinahe an; er allein gibt einen Begriff von den Empfindungen, welche in der Seele erregt werden beim ersten Betreten der Tropen.»Charles Darwin, Naturwissenschafter:
«Ich bewunderte früher Humboldt, jetzt bete ich ihn beinahe an; er allein gibt einen Begriff von den Empfindungen, welche in der Seele erregt werden beim ersten Betreten der Tropen.»
Johann Wolfgang von Goethe Dichter und Naturforscher:«Ich kann in acht Tagen nicht aus Büchern herauslesen, was Humboldt mir in einer Stunde vorträgt.»Johann Wolfgang von Goethe Dichter und Naturforscher:
«Ich kann in acht Tagen nicht aus Büchern herauslesen, was Humboldt mir in einer Stunde vorträgt.»
3 Bilder

Galerie Gestern 7.9.19

Humboldt schwebte etwas anderes vor. Er erfand die Infografik. Nach dem Abstieg skizzierte er den Berg im Profil. Dann trug er auf den entsprechenden Höhen die Pflanzen ein. Seine übrigen Daten gruppierte er drum herum. So entstand, was er später «Mikrokosmos auf einem Blatte» nennen sollte. Ein Netz des Lebens, das über den Berg geworfen war. Wir sehen «ein belebtes Naturganzes», schrieb er später, «kein totes Aggregat».

Das war Humboldts Naturbegriff, und er war neu. Wenigstens für die Wissenschafter. Sie hatten sich bisher begnügt, Pflanzen zu bestimmen und ins System einzuordnen. Die Taxonomie, die der schwedische Biologe Carl von Linné in den 1750er-Jahren vorgeschlagen hatte, benützen wir dafür heute noch. Humboldt aber sah in der Natur ein Netzwerk, in dem alles mit allem zusammenhängt und aufeinander einwirkt.

Humboldt war der erste Naturforscher, der «ökologisch» dachte. Der die Natur nicht als Rohstoffmagazin für menschliche Bedürfnisse sah, sondern als Umwelt, in der der Mensch Gast ist und nicht Hausherr. Und sich entsprechend benehmen sollte.

Indiana Jones mit Hang zu Selbstexperimenten

Es war diese Reise oder besser: die drei Expeditionen in Südamerika, die Humboldt berühmt machten. Danach galt er als der Mann, der alles weiss. Humboldt besass nicht nur ein erstaunliches Gedächtnis, das es ihm erst ermöglichte, systemische Zusammenhänge zu sehen, sondern auch einen unbeugsamen Willen und eine unerschöpfliche Energie. Die grössten Strapazen und Erschöpfungen im Dschungel oder an steilen Bergflanken trieben ihn nur noch mehr an. Er lebte auf, wenn es hart auf hart ging. Schwer vorstellbar, dass Steven Spielberg nicht an ihn gedacht hat, als er seine Heldenfigur aus Professor und Abenteurer erfand.

Auch gegenüber dem eigenen Körper auferlegte er sich keine Schonung. Er muss zeitweise schrecklich ausgesehen haben, wenn er mit elektrischem Strom oder Chemikalien an sich experimentiert hatte. Und manchmal hatten er und Bonpland einfach nur Glück, dass sie trotz allem heil davonkamen. Giftschlangen, Jaguare, Kaimane, ganz zu schweigen von den hinterlistigen schwirrenden und kriechenden kleinen Biestern, mochten ihnen nach dem Leben trachten, Humboldt und Co. überstanden es. Bonpland wurde über 80; als Humboldt starb, war er fast 90. Stubengelehrte, die sich zeitlebens um ihre Gesundheit gesorgt hatten, lebten auch nicht länger.

Er hielt Vorträge über alles – und für alle

Das Amerika-Abenteuer umfasste schliesslich 34 Bände. Und ruinierte Humboldt. Er bekam zwar einen Posten als Kammerherr des preussischen Königs Friedrich Wilhelm III. Und auch ein ansehnliches Gehalt. Aber es war teuer bezahlt. Es raubte ihm die Zeit, in der er lieber geforscht hätte. Und das höfische Leben ging ihm, der gern liberale Sprüche machte, gegen den Geist. Seine liberale Einstellung hatte auch die Realisierung seines zweiten Lebenstraums verhindert: die Expedition in die Himalaja-Region. Die Bonzen der Ostindien-Kompanie wollten einen Mann, der von «der europäischen Grausamkeit der Kolonisation» und Ähnlichem sprach, keinen Eintritt ihn ihr Gebiet gewähren.

So blieb ihm der Ruhm als Star seiner naturwissenschaftlichen One-Man-Show. 1827 hielt er eine Reihe von 61 öffentlichen Vorträgen über – alles. Und für alle. So etwas hatte die europäische Welt noch nie gesehen und gehört.

Die Fülle an Information war beeindruckend. Vielleicht noch wichtiger war, was gewisse politische Kreise heute «Indoktrination» nennen würden. Wenn er den Blues hatte, sprach Humboldt vom «Menschenunfug, der die Naturordnung stört». Bereits 1799 am Valenciasee war ihm klar geworden, welchen Schaden Waldabholzung verursachen kann. Und nach seiner Russland-Reise 1829 sah er, dass die Menschheit das Klima auf drei Arten beeinflussen könne: Abholzung, rücksichtslose Bewässerung und die «Entwicklung grosser Dampf- und Gasmassen an den Mittelpunkten der Industrie».verschiedene Perspektiven gibt, sage ich.»

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