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Interview

Schriftstellerin Margrit Schriber: «Aber ich lebe, das ist grandios»

Margrit Schriber zählt zu den Schweizer Schriftstellerinnen, die etwas zu sagen haben. Als 80-Jährige blickt sie auf ein reichhaltiges Schaffen und ein Leben mit vielen Facetten zurück. Und sie schaut auch weiterhin vorwärts.
Interview: Pirmin Bossart
Schriftstellerin Margrit Schriber in ihrer Wohnung: «Das erste Exemplar meines ersten Buches habe ich auf den Flügel gelegt und dann den ganzen Tag angeschaut.» (Bild: Pius Amrein, Zofingen, 27. Mai 2019)

Schriftstellerin Margrit Schriber in ihrer Wohnung: «Das erste Exemplar meines ersten Buches habe ich auf den Flügel gelegt und dann den ganzen Tag angeschaut.» (Bild: Pius Amrein, Zofingen, 27. Mai 2019)

Margrit Schriber, übermorgen sind Sie 80 – wie kommt Ihnen das vor?

Es ist eigentlich nicht anders als sonst. Ich fühle mich so jung wie immer und schätze sehr, dass ich gesund bin. Ich bin voller Dynamik und noch immer voller Bücher im Kopf.

Denken Sie nicht: Hilfe, ich möchte nochmals 20 sein und alles wieder neu beginnen zu können?

Wenn ich mir überlege, alles nochmals durchmachen zu müssen, möchte ich das nicht. Aber wenn ich wie durch Zauberhand ein neues Leben erhielte, dann würde ich ohne zu zögern zupacken.

Trotzdem scheinen Sie glücklich zu sein mit dem Leben, das Sie jetzt führen und geführt haben.

Ich neige dazu, glücklich zu sein, weil ich alles versuche, das zu erreichen und vorwärtszuschauen. Natürlich erlebt man auch Unangenehmes und Schlechtes.

Das muss man vergessen können. Auch das gehört zur Kunst des Glücklichseins.

Sie haben als junge Frau unter anderem auch als Mannequin gearbeitet. Waren Sie ein Fotomodell?

Ich habe Modeschauen für die Landbevölkerung gemacht. Das war keine grosse Sache. Ich führte auf dem Laufsteg verschiedene Bekleidungen vor, von der Strandmode bis zum Abendkleid.

Ich liebe das Verwandeln und schlüpfe gerne in andere Rollen.

Das mache ich ja auch mit den Figuren in meinen Romanen. Ich denke sie aus und spiele sie.

Was zog Sie zur Schriftstellerei hin?

Ich habe in der Schule immer gute Aufsätze geschrieben. Die Lehrerin hat sie vorgelesen. Einmal sagte sie: Aus dir wird noch mal eine Schriftstellerin. Eines weiss ich: Ohne diesen Satz wäre ich nie Schriftstellerin geworden!

Was macht Sie so sicher?

Es gab in meinem Umfeld überhaupt keine Disposition dafür. Ich bin in einem Haus aufgewachsen, wo man keine Bücher gelesen hat. Als mein Vater einmal während des Melkens ein Schulbuch auf den Knien hatte, wurde er vom Grossvater samt Melkstuhl auf den Miststock befördert. Für ihn zählte Erfahrung und Werk, aber sicher nicht lesen. So hat auch mein Vater gedacht. Warum noch Bücher schreiben, wenn man mit seinen Sinnen alles erleben kann?

Er hat Ihre Bücher nicht gelesen?

Ich habe jedes meiner Bücher dem Vater geschenkt. Er war ein Jäger. Die Bücher hat er in seinem Jagdzimmer zwischen ausgestopften Rehen und Hirschgeweihen auf einem Gestell aufgereiht. Sie waren wie Trophäen. Er hat jedes Buch mit Stolz entgegengenommen und freute sich. Aber gelesen hat er sie nicht.

Nach 40 Jahren Bücherschreiben: ­ Ist das ein Traumberuf?

Ja. Rückblickend ist für mich «Schreiben» der abenteuerlichste Akt meines Lebens.

Jedes Buch war das Schnüren meines Rucksacks zum Aufbruch in eine neue Welt.

Ich holze links und rechts eine Schneise durch den Dschungel. Das belebt mich. Das ist das Elixier, das ich brauche. Und noch immer schlürfe.

Ihr erstes Buch «Aussicht gerahmt» von 1976 wurde ein grosser Erfolg. Sogar Peter Handke soll sich gemeldet haben?

Handke war damals gerade daran, «Die linkshändige Frau» zu schreiben. Später gab es einen gleichnamigen Film dazu. Handke war sehr überrascht von meinem Buch, weil er darin die gleiche Thematik erkannte. Er trug mir die Filmrolle an, weil er meinte, wenn ich ich selbst sei, treffe ich die Rolle perfekt. Ich war für ihn die linkshändige Frau.

Wie fühlte es sich an, als ihr erstes Buch so gut aufgenommen wurde?

Es war ein wahnsinniges Gefühl, dieses erste Buch. Nur schon, dass ich es zustandegebracht hatte. Ich hatte zuvor während acht Jahren das Schreiben ­geübt. Als ich das erste Exemplar in den Händen hielt, habe ich das Buch auf den Flügel gelegt und den ganzen Tag angeschaut.

Bald bekam ich jeden Tag Post, Leute schrieben mir von ihrem Schicksal.

Als ich dann aber vor Menschen treten musste, bekam ich Angst. Fremde Leute kamen mir nahe, die aufgrund des Buches viel von mir wussten. Ich fühlte mich ausgeliefert und wie nackt. Heute kann ich aber gut damit umgehen.

In ihrem aktuellen Buch «Glänzende Aussichten» (2018) macht eine Frau einen mutigen Schritt und kauft und betreibt eine Autowaschanlage. Sie haben das in den 1980er-Jahren selber erlebt. Finden Sie solche autobiografischen Ausgangslagen für das Schreiben eher befreiend oder beengend?

Eigentlich will ich gar nicht viel offenlegen. Deshalb verstecke ich mein wahres Ich in den Figuren, die ich kreiere. Das, was mich quälen würde, verkleide ich. Meine Bücher sind eigentlich Verstecke vor der Wahrheit, die mich bedrückt. Sachen, die mich getroffen haben, verwandle ich mit meiner Fantasie.

Sie sind als Tochter eines Wunderheilers aufgewachsen. Das ist ja ein Stoff für einen Roman.

Im Buch «Das Kartenhaus» ist einiges von dieser Welt eingebaut. Beatrice von Matt nennt es «eines der grössten Kinderbücher der Schweizer Literatur».

«Früher war ich finanziell ständig im luftleeren Raum. Aber ich habe nie gejammert, sondern etwas erarbeitet, das mir Freude bereitet.» (Bild: Pius Amrein)

«Früher war ich finanziell ständig im luftleeren Raum. Aber ich habe nie gejammert, sondern etwas erarbeitet, das mir Freude bereitet.» (Bild: Pius Amrein)

Was hat denn Ihr Vater gemacht, was waren seine Fähigkeiten?

Er hatte eine Art Hellsichtigkeit. Mit seiner Begabung, innere Bilder abzurufen, hat er vielen geholfen. Als einmal ein Mann vermisst wurde, konnte er präzise Hinweise geben, wo man suchen solle. Dort, an einer unwegsamen Stelle, wurde der Mann tot aufgefunden. Wenn ein Gegenstand verloren ging, eine Buchhaltung nicht stimmte oder sonst etwas Schwieriges anstand, wurde mein Vater gefragt. Die Ratsuchenden hat er zu Hause in seinem Sprechzimmer empfangen. Das Telefon hat oft 50 Mal am Tag geklingelt.

Seine Ratschläge waren begehrt. Schon sein Grossvater hatte diese Begabung.

Und Sie?

Ich habe ein Gespür dafür, es fliesst in meine Romane ein. Es gibt ein paar merkwürdige Situationen in meinen Büchern, die später real eingetroffen sind, die ich aber im Augenblick des Schreibens frei erfunden habe.

Sie haben mehrere historische Romane über Frauenfiguren geschrieben. Wie haben Sie selber das Leben als Frau erfahren?

Ich habe nie an meinem Frausein gelitten oder mich eingeschränkt gefühlt. Ich konnte mich in meinen Büchern austoben. Dass ich früh als eine Schriftstellerin wahrgenommen wurde, die den Frauen eine Stimme gibt, ihre Themen beleuchtet und also auch emanzipatorisch wirkt, freut mich. Aber das war nie meine Mission. Ich hatte nicht vor, für die Rechte der Frauen kämpfen, das kam mir einfach in die Feder. Ich beobachte, höre zu, nehme wahr, spüre Zusammenhänge. So fliesst das in meine Bücher. Es kommt von innen, wie natürlich.

Wie sieht es gesellschaftspolitisch heute für die Frauen aus?

Die Situation ist sicher viel besser geworden. Ich sehe für mich keinen Grund, zu jammern. Jammern tue ich eher, dass Verlage eingehen und Bücher nicht mehr so wichtig sind.

Der Effekt und das Kurzlebige zählen, es fehlt oft die Tiefe.

Wirklich an etwas zu arbeiten, das einmalig ist, scheint kein Gewicht mehr zu haben.

Am 14. Juni ist Frauenstreiktag. Sind Sie dabei?

Ich werde nicht aktiv daran teilnehmen, aber ich habe Sympathie dafür. Dass Frauen für die gleiche Arbeit gleich bezahlt werden wie die Männer, finde ich absolut normal und gerechtfertigt.

Sie haben vorhin gesagt, dass sie das Schreiben jahrelang geübt haben. Wie muss man sich das vorstellen?

Mit 28 habe ich begonnen, literarische Bücher zu lesen. Und ich wollte selber schreiben. Ich kaufte mir das Buch «Deutschland erzählt» mit verschiedenen Autorinnen und Autoren und wollte herausfinden, wie die das machen.

Ich dachte, das kann ich auch. Aber dann musste ich realisieren, dass ich es nicht konnte.

Was machten Sie dann?

Ich habe akribisch Bücher gelesen und untersucht, wie erzählt wird. Wie beginnt man ein Buch? Wie sind die Figuren gebaut? Wie sprechen sie? Wie verbindet man Gegenwärtiges und Vergangenes? Ich war sehr hart mit mir und völlig auf mich allein gestellt. Es war ein wichtiger Prozess, während dem ich ein Urteilsvermögen entwickelte, was gut ist und was nicht. Das gab mir auch Kraft und eine eigene Sprache.

Wann und wie schreiben Sie?

Wenn ich mal beginne, bleibe ich dran und schreibe jeden Tag, viele Stunden. Ich tauche völlig ein. Ich habe das Glück, dass mein Mann kocht. Ich brauche keinen spezifischen Ort, um zu schreiben, aber ich brauche die Stille. Ich bin gerne alleine.

Ich könnte eine Einsiedlerin sein, meine Figuren erfüllen mich ganz.

Was sind Ihre Themen?

Ich schreibe über Menschen, ihre Wege, Wünsche, Möglichkeiten und Widerwärtigkeiten. Das, was sie wollen, ist nicht immer das, was sie erreichen. Aber ich bewundere aus tiefstem Inneren die ­fantastischen Höhenflüge, zu denen ein Mensch fähig ist. Ob er scheitert, ob er seine Möglichkeiten falsch einschätzt, das ist für mich nicht von Bedeutung. Aber dass er sich aufrafft, um für einen Traum zu kämpfen, das ringt mir Achtung ab. Ich glaube, dass dieser ungebrochene Mut aus einem Individuum erst einen Menschen macht.

Sie haben 18 Bücher veröffentlicht. Welches davon würden Sie Neulesern als Einstieg empfehlen? Und warum?

Vielleicht «Das Kartenhaus», weil sich jeder an seine eigene Kindheit erinnert. Oder «Glänzende Aussichten», weil jeder Zeuge des rasant zunehmenden Verkehrs und der Verbetonierung ist. Oder einen der historischen Romane, weil man den Vorhang in eine andere Zeit öffnen will.

Wie intensiv verfolgen sie den literarischen Betrieb?

Ich bin Mitglied der Autorinnen und Autoren Schweiz (ADS), des Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellervereins (ISSV) sowie des PEN. Ich freue mich, wenn ich eingeladen werde und Kontakte entstehen. Aber ich bin nicht so oft anzutreffen. Vielleicht mache ich mich zu rar. Ich habe meine Welt im Kopf voller Figuren. Das verlangt, dass ich mich in die Ruhe zurückziehe.

Wie haben sich die Themen in den letzten 40 Jahren verändert, was stellen Sie fest?

In den 1970er-Jahren waren es oft Aussteiger, die ihre Befindlichkeiten mitgeteilt haben. Oder Frauen, die sich nicht ernst genommen oder unterdrückt fühlten. Das hat mich oft geärgert.

Die Wehleidigkeit war unerträglich.

Was muss ein Buch haben, damit es Sie anspricht?

Ich schätze, wenn jemand das Handwerk versteht. Dazu braucht es einen klaren Verstand. Einen nachvollziehbaren Gedankenfluss von A bis Z, einen guten Aufbau, eine stringente Linie. Viele Autoren können schreiben, aber ihnen fehlt die Fähigkeit, alles in Einzelteile zu zerlegen und sie wieder so zusammenzubauen, dass daraus ein interessantes Buch entsteht.

Was sind Ihre literarischen Heldinnen und Helden, Ihre Inspirationen?

Ich habe die Bücher, in denen ich immer wieder lese, in einem speziellen Abteil: Alessandro Baricco, Natalia Ginzburg, Irmgard Keun, Marguerite Duras, Claude Simon, Vladimir Nabakov. Von den Schweizern verehre ich Charles Lewinsky. Ich schätze seine Fantasie und auch seine Gabe, in einfachen Sätzen die kompliziertesten Begebenheiten schildern zu können. Ich lese vor allem Bücher aus unserer Zeit, weil ich die Welt kenne, die sie beschreiben. Deswegen kann ich mit Science Fiction oder Fantasy nicht viel anfangen.

Sie leben in Zofingen, aber verbringen auch viel Zeit in der Dordogne.

Ich erlebe dort die schönsten Sommer. Mein Mann und ich haben ein altes Herrschaftshaus mit einem Park. Das erfordert viel Arbeit. Ich liebe das Gärtnern. Seit Anfang Jahr besitze ich ein altes Jagdhaus am Rigi-Südhang, das meinem Vater gehörte. Es ist ein wunderbarer Rückzugsort.

Was machen Sie gerne in Ihren schreibfreien Zeiten?

Ich bin immer am Planen. Die Wohnung hier in Zofingen habe ich selber entworfen und gezeichnet, wie es aussehen sollte. Ich beschäftige mich gerne mit Einrichtungen von Wohnungen und Häusern. Da kann ich Welten erschaffen, wie in meinen Romanen. Für die Immobilienfirma meines Mannes führe ich die Buchhaltung. Ich überlege strategisch, wie wir mit den Häusern und Grundstücken längerfristig umgehen können. Das ist meine Domäne.

Erholen kann ich mich beim Fernsehschauen.

Dort erfahre ich viel Neues, ohne dass ich gross selber reisen muss.

Was schätzen Sie an Ihrer jetzigen Lebenssituation im Vergleich zu früheren Jahren?

Ich schätze die Sicherheit, die ich heute habe. In den früheren Jahren war ich finanziell ständig im luftleeren Raum. Ich habe mir nichts gönnen können. Nach der Scheidung von meinem ersten Mann habe ich 13 Jahre alleine gelebt. Mit Kindern klappte es nicht, also habe ich mich umso intensiver auf das Schreiben verlegt. Ich wollte etwas erschaffen und habe meine ganze Leidenschaft darin investiert. Ich habe nicht gejammert, sondern einfach etwas erarbeitet, das mir Freude bereitet.

Jetzt, da sie 80 Jahre alt sind: Setzen Sie sich mit dem Alter auseinander? Oder ist das für Sie gar kein Thema?

Eigentlich denke ich jeden Tag daran, dass es immer näher zum Tod hin geht. Die Jahre verfliegen im Nu, das bin ich mir voll bewusst. Im hohen Alter hilflos zu werden, das macht mir Angst. Ich habe mir immer gewünscht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Aber das ist kein Grund zum Hadern.

Jede Existenz ist ein kurzes Aufscheinen, das muss man hinnehmen.

Im Lauf der Jahrzehnte ist die Idealvorstellung von meinem Wert oder von der Bedeutung meines Werks geschrumpft. Ich habe begriffen, dass mein Aufleuchten in der Schöpfung bedeutungslos ist. Aber ich lebe, das ist grandios. Ich bin ein Teil des unermesslichen Grossen und Ganzen.

Viele Menschen finden Trost in einer Religion.

Ich versuche, mich nicht an etwas zu klammern, nur damit ein Trost da ist. Man ist nicht mehr als ein Blatt am Baum, das fällt, so sehe ich das. Dessen versuche ich mir glasklar bewusst zu werden. ­ Man muss es nehmen und akzeptieren.

Zur Person

Margrit Schriber, am 4. Juni 1939 in Luzern geboren, ist in Brunnen und Küssnacht am Rigi aufgewachsen. Nach dem Besuch der Töchterschule Theresianum folgen eine Banklehre, Aufenthalte in der Westschweiz und in England. Bis zu ihrer Heirat ist sie Bankangestellte; danach jobbt sie als Aushilfe in Büros sowie als Werbegrafikerin und Mannequin.
Um ihren Traumberuf Schriftstellerin zu realisieren, bildet sie sich autodidaktisch aus. 1976 erscheint ihr erster Roman «Aussicht gerahmt».

Danach folgen die Bücher Schlag auf Schlag. Ab 2006 schreibt sie mehrere historische Romane über Frauen im 18./19. und 20. Jahrhundert. Zwischendurch entstehen Hörspiele, Stücke, Texte für Anthologien und Zeitschriften. Ihr Werk ist breit gefächert und erhält viele Auszeichnungen, etwa 1998 den Aargauer Literaturpreis.
Seit längerem lebt Margrit Schriber mit ihrem zweiten Mann in Zofingen und im französischen Département Dordogne. (pb)

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