Schweizer verbringen täglich zwei Stunden am Mobiltelefon: Das sagt die Forschung dazu

Der Einzug des Smartphones in alle Lebensbereiche bereitet immer mehr Menschen Sorgen. Es braucht Antworten auf dieses digitale Unbehagen. Die liegen jedoch nicht im Verzicht – das bestätigt auch die Forschung.

Gregory Remez
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Wer hat hier wen in der Hand? Den sogenannten Digital Natives wird oftmals ein ungesundes Verhältnis zu ihrem Smartphone attestiert – zu Unrecht. (Bild: Robert Alexander/Getty (New York, 22. September 2017))

Wer hat hier wen in der Hand? Den sogenannten Digital Natives wird oftmals ein ungesundes Verhältnis zu ihrem Smartphone attestiert – zu Unrecht. (Bild: Robert Alexander/Getty (New York, 22. September 2017))

Womöglich war Steve Jobs selbst nicht ganz bewusst, wie Recht er behalten würde, als er Anfang 2007 an einer Konferenz in San Francisco auf die Bühne trat und verkündete: «Hin und wieder erscheint ein revolutionäres Produkt, das alles verändert.» Kurz darauf fischte der Apple-Chef ein kleines schwarzes Gerät aus seiner Hosentasche, dem er nichts Geringeres beschied, als ein neues Tech-Zeitalter einzuläuten. Am Ende der rund 70-minütigen Präsentation hatte Jobs insgesamt 14 Mal das Wort «revolutionär» benutzt und noch öfter Applaus erhalten. Die Zuschauer liebten das vorgestellte iPhone, noch bevor sie wussten, was genau es war und wie sehr es sie alle bald verändern würde.

Nun, mehr als zehn Jahre später, besteht kein Zweifel mehr: Jobs hatte Recht. Das Smartphone war der von ihm beschworene technologische Meilenstein. Vergleichbar mit dem Telefon, dem Radio, dem Fernsehen – wobei es heute all diese Geräte in einem vereint. Es hat nicht nur die Art und Weise verändert, wie wir miteinander kommunizieren, sondern auch wie wir mit unserer Umwelt interagieren, wie wir denken, handeln, fühlen.

E-Mails, Whatsapp, Facebook – oder einfach die Uhrzeit

Zwei Stunden pro Tag verbringen wir Schweizer durchschnittlich mit unserem Mobiltelefon. Und wenn wir es gerade nicht in der Hand halten, dann verspüren wir den wiederkehrenden Impuls, etwas darauf nachzuschauen, so als lasse ein magischer Algorithmus immer mal wieder eine Erinnerung in unseren Köpfen aufpoppen. Wahrscheinlich liegt auch Ihr Smartphone just in diesem Moment in Reichweite (oder Sie lesen diesen Artikel darauf) – und seine blosse Erwähnung führt dazu, dass Sie kurz Ihre E-Mails, Ihre Whatsapp-Nachrichten, Ihren Facebook-Feed oder einfach nur das Wetter checken möchten. Haupt­sache, irgendwas.

Forscher des deutschen Menthal- Balance-Projekts, die im vergangenen Jahr über eine App das Verhalten von 60 000 Smartphone-Nutzern untersucht haben, fanden heraus, dass diese im Schnitt 88-mal pro Tag ihr Handy aktivierten. 35-mal, um auf die Uhr zu schauen oder zu überprüfen, ob sie eine Nachricht erhalten haben; 53-mal, um zu surfen, zu chatten oder sonst eine App zu nutzen. Geht man von acht Stunden Schlaf aus, blickten die freiwilligen Probanden also alle 11 Minuten auf ihr Smartphone. Das bedeutet zunächst vor allem eines: Der digitale Dauerstress, dieses diffuse, unbehagliche Gefühl, das wir alle zuweilen empfinden, ist zu einem grossen Teil selbst gemacht. Und je mehr Aufgaben wir an den kleinen Alleskönner in unserer Hosentasche delegieren, desto unersetzlicher wird er in unserem Alltag. Ein Teufelskreis. Was also tun?

Wachsende Kluft zwischen Nutzern und Nichtnutzern

Die Ersten haben bereits damit begonnen, ihre alten «Dumbphones» aus der Schublade zu kramen, mit denen sie telefonieren und höchstens noch SMS verschicken können. Andere sind zwar nicht gewillt, auf die vielen Vorzüge der neuen Handy-Generationen zu verzichten, sehnen sich jedoch nach Entschleunigung. Raus aus der digitalen Unbehaglichkeit, lautet ihre Devise. Doch es gibt – und da ist man sich im noch jungen Forschungsfeld inzwischen einig – kein Entkommen. Der Traum von der heilbringenden Entschleunigung ist eine Schimäre.

Eine Studie der Universität Zürich kam jüngst zum Schluss, dass sogenannte digitale Entgiftungskuren nicht den gewünschten Effekt bringen. «Entgegen meinen Erwartungen sorgten regelmässige Smartphone-Auszeiten bei den ­Probanden nicht für eine Verbesserung des Wohlbefindens», sagt Theda Radtke, Oberassistentin für angewandte Sozial- und Gesundheitspsychologie. Die Studienteilnehmer waren nicht weniger gestresst, konnten nicht besser schlafen und sich auch nicht besser von der Arbeit lösen. Im Gegenteil, einige berichteten, dass die Auszeit sie sogar gestresst habe, da die Sorge über verpasste Anrufe oder Nachrichten zu gross war.

Ohnehin scheint fraglich, wie zielführend Verzichte, ob nun selbst- oder fremdbestimmt, in Zeiten wachsender digitaler Verflechtung sind – ausser man nimmt bewusst in Kauf, dass die Kluft zwischen Nutzern und Nichtnutzern digitaler Medien weiter zunimmt: Während in der Schweiz jeder vierte Silver Surfer (55 bis 69 Jahre) kein Smartphone besitzt, sind es bei den Digital Natives (14 bis 29 Jahre) noch gerade mal 3 Prozent.

Noch unsinniger ist es, unseren Umgang mit dem Smartphone zu patholo­gisieren, bevor dieser genau erforscht ist. Gewiss, wenn Kinder oder Jugendliche nur noch am Handy hängen, ist das durchaus ein Grund zur Sorge. Deshalb aber gleich jeden Fall von unreflektierter Nutzung als Sucht zu etikettieren, bedeutet nicht nur, ein Problem zu mystifizieren und zur medizinischen Angelegenheit zu erklären, dessen Wurzeln primär in (noch) ungeregelten gesellschaftlichen Konventionen liegen, sondern auch, dem Einzelnen weitgehend die Selbstverantwortung abzusprechen.

Dieselben Befürchtungen, die sich heute auf den Umgang mit dem Smartphone richten, hegte man vor 150 Jahren in Bezug auf Bücher, hundert Jahre später auf das Fernsehen und bis noch vor kurzem auf Videospiele. Noch jede grössere technologische Erfindung löste zunächst Panik aus und entpuppte sich dann als harmloser als gedacht. Ein Blick auf das Suchtmonitoring Schweiz verrät jedenfalls, dass über 90 Prozent der Jugendlichen hierzulande ein «gesundes Verhältnis zu digitalen Medien» haben.

Die Geräte selbst sind nicht das Problem

Und doch – auch da hatte Steve Jobs Recht: Smartphones sind anders. Nicht nur wurden sie gezielt so entwickelt, dass es uns schwerfällt, sie wegzulegen, wir tragen sie auch noch ständig mit uns herum. Allerdings sind nicht die Geräte das Problem, sondern unsere Beziehung zu ihnen. Smartphones haben unseren Alltag so schnell und gründlich durchdrungen, dass uns gar keine Zeit blieb, darüber nachzudenken, wie unser Verhältnis zu ihnen aussehen soll. Es geht folglich nicht darum, aus diesem Gefühl der Verunsicherung den Rückwärtsgang ins analoge Zeitalter einzulegen, sondern uns Gedanken darüber zu machen, wie wir Smartphones noch smarter, will heissen: noch gezielter, für unsere Zwecke einsetzen können – und da überwiegen die Vor- eindeutig die Nachteile.

Wege aus dem Smartphone-Stress

Bewusste Nutzung kann nicht Verzicht bedeuten. Wer das Verhältnis zu seinem Smartphone ändern will, braucht Zeit sowie die Bereitschaft, seine Gewohnheiten zu ändern. Für alle, die auf dem Weg dorthin ins Stolpern geraten, hier ein paar Tipps und Tricks, um seinen Handygebrauch besser in den Griff zu kriegen:

Push-Nachrichten deaktivieren und Smartphone lautlos stellen. Auch hilft es, das Display auf Schwarz-Weiss zu schalten, um der Signalfarbe Rot zu entgehen. Das Smartphone nicht im Schlafzimmer aufladen. Frühaufsteher sollten sich einen analogen Wecker zulegen.

Eine Armbanduhr tragen. Denn es gilt die Faustregel: Jeder Blick auf das Display ist eine potenzielle Ablenkung.

Zeitfressende Apps wie Facebook oder Twitter in einen separaten Ordner auf den hinteren Seiten platzieren, um impulsives Ansteuern zu verhindern. Kurioserweise gibt es auch Apps, die dabei helfen, den Handygebrauch einzuschränken. Zu den bekanntesten gehören: QualityTime, Methal, Offtime, Freedom oder Forest.

Öfter mal den Flug- oder Ruhemodus aktivieren. Ausserdem Hürden für die Verwendung des Handys einbauen, indem man beispielsweise dessen Internetverbindung kappt. Versuchen, das Handy stets bewusst, also nicht als «second screen», parallel zu einem bereits laufenden Medium oder wahllos in Wartemomenten zu nutzen.

Smartphone-freie Zeiten und Räume bestimmen. Hier bieten sich in einem ersten Schritt vor allem Esstisch und Bett an. Bei iPhones gibt es überdies die «Beim Fahren nicht stören»-Funktion, die man auch nutzen kann, um automatische Antworten auf Textnachrichten zu versenden.

Mit den neuesten iOS- und Android-Update wird es möglich sein, sein Handyverhalten besser zu kontrollieren. Beispielsweise lassen sich dort neu Zeitlimits für einzelne Anwendungen festlegen.

Ein Light Phone für die Weiterleitung von Anrufen anschaffen. Dieses ist nur etwa so gross wie eine Kreditkarte, und man kann damit genau eines tun: telefonieren. So muss man weder sein Smartphone aufgeben noch sich eine zweite Nummer besorgen. (gr)