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Wende in der Allergie-Prävention: Immunsystem früh ankurbeln, nicht schonen

Selten mussten Mediziner ihre Empfehlungen so radikal korrigieren wie die Allergieexperten unter den Kinderärzten. Angebliche Schutzmassnahmen erwiesen sich als nutzlos oder sogar schädlich.
Lajos Schöne
Bei Ekzem-Risiko eines Kindes wurde von Felltieren wie Hunden jahrelang abgeraten. Nun zeigte sich, dass sie eher davor schützen. (Bild: Getty)

Bei Ekzem-Risiko eines Kindes wurde von Felltieren wie Hunden jahrelang abgeraten. Nun zeigte sich, dass sie eher davor schützen. (Bild: Getty)

Jahrzehntelang wurde Eltern eingetrichtert: Kinder müssen strikt vor Schmutz und Bakterien, vor Hausstaub und Pollen, vor Tierhaaren, Eiern, Fisch und Nüssen geschützt werden. Dann bekommen sie keine Allergie.

Hat sich dieser Kampf gegen Allergene, Bakterien und Dreck wirklich gelohnt? Es ist eher das Gegenteil der Fall: Allergien nehmen explosionsartig zu.

Heute hat jedes dritte Kind entweder Heuschnupfen, allergisches Asthma oder Neurodermitis oder eine Kombination davon.

Die genaue Ursache für die Zunahme ist nach wie vor ungeklärt, vermutlich spielen verschiedene Faktoren eine Rolle.

Für Familien mit erhöhtem Allergierisiko rieten Elternrat­geber «wissenschaftlich begründet» noch vor 20 Jahren, während der Schwangerschaft und der Stillzeit auf hochallergene Nahrungsmittel wie Milch, Eier, Fisch und Nüsse zu verzichten. In Babyhaushalten solle unerbittlich auf Hygiene geachtet und nicht voll gestillte Babys mit einer hypoallergenen (HA) Nahrung gefüttert werden.

Die Kinder sollten möglichst spät Beikost wie Gemüse, Früchte, Getreide und Teigwaren zugefüttert bekommen, und es wurde gewarnt: «Allergenreiche Nahrungsmittel wie Milch, Eier und Fisch sollte das Kind frühestens im Alter von neun bis zwölf Monaten bekommen.» Das Kinderzimmer sollte mit einer neuen Matratze und eventuell mit einem milbendichten, allergenfilternden Matratzenbezug (Encasing) milbenfrei gehalten und Haustiere abgeschafft werden.

Wenn sich das Immunsystem langweilt

Dieses zentrale Prinzip der Meidung von Allergenen erwies sich indes zunehmend als eine Sackgasse. Zahlreiche Empfehlungen, die noch vor wenigen Jahren in «evidenzbasierten» Leitlinien von kinderärztlichen und allergologischen Fachgesellschaften formuliert wurden, sind mittlerweile erheblich ins Wanken geraten. Was wissenschaftlich dezent als «Paradigmenwechsel in der Al­lergieprävention» bezeichnet wird, beschreibt in Wirklichkeit einen fast kompletten Abgesang auf die bisherigen wissenschaftlichen Überzeugungen.

Es wird nämlich immer deutlicher, dass zu viel Schonung das Immunsystem von Kindern in die falsche Richtung programmieren kann.

Ein früher Kontakt zu Mi­kroben und Allergenen dagegen mobilisiert die Abwehrkräfte und führt so zum Aufbau einer lebenslangen Toleranz gegen Umweltantigene. Fehlen solche Reize, dann ist das Immunsystem gewissermassen «unterbeschäftigt» und sucht sich seine Feinde selbst, um sie dann mit unerwünschten allergischen Immunantworten zu bekämpfen.

So kommt es, dass heutige Empfehlungen der Experten zur Verhütung von Allergien immer mehr zu Aufzählungen darüber werden, was alles von den bisherigen Ratschlägen ein Kind nicht vor Allergien schützen kann.

Eine aktuelle Veröffentlichung kinderärztlicher Dermatologen des Universitätskinder­spitals Zürich zeigt exemplarisch den Meinungsumschwung der Wissenschaft. Isabelle Luchsinger, Lisa Weibel und Martin Theiler nehmen in einem Beitrag der schweizerischen Fachzeitschrift «Paediatrica» die bisherigen Empfehlungen unter die Lupe. Das Ergebnis erweist sich als eine regelrechte Demontage der früheren Grundsätze.

Punkt für Punkt widerlegt

Muss die Mutter in der Schwangerschaft und in der Stillzeit auf gewisse Nahrungsmittel verzichten? Nein! «Ganz generell ist von speziellen Diäten, insbesondere Vermeidung potenzieller Nahrungsmittelallergene abzuraten», so die Zürcher Spezialisten.

Schwangere sollten sich nach Lust und Laune, möglichst ausgewogen ernähren.

Auch Fisch ist kein Tabu mehr, im Gegenteil: Fischkonsum in der Schwangerschaft und Stillzeit schadet nicht, sondern schützt das Baby vermutlich sogar vor Allergien.

  • Braucht das Baby wirklich eine hypoallergene Flaschennahrung? Die Antwort aus der Zürcher Kinderklinik wird den Herstellern der HA-Nahrungen nicht gefallen: «Aktuelle Metaanalysen zeigen aber, dass die Evidenz nicht überzeugt für diese Empfehlung. Die Ernährungskommission der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie trägt diesen Erkenntnissen nun Rechnung und unterstützt den Einsatz von (teil-)hydrolysierten Säuglingsnahrungen nicht mehr.»
  • Müssen Kinder aus Allergikerfamilien Eier, Fisch oder Soja meiden? Nein. «Für Ekzemkinder gelten aktuell die gleichen Empfehlungen wie für alle anderen ohne Atopiebelastung. Das heisst eine zügige und vielseitige Kosteinführung ab dem vollendeten vierten Lebensmonat.»
  • Ist ein Haustier schädlich für das Baby? Im Gegenteil, betont die Zürcher Expertengruppe: «Früher galt generell die Empfehlung, bei Atopierisiko auf Felltiere nach Möglichkeit zu verzichten. Die aktuelle Literatur ergibt jedoch ein anderes Bild. Die Haltung eines Hundes oder anderer Felltiere ist bezüglich Ekzem eher protektiv, während für Katzen kein relevanter Effekt (auch kein negativer) resultiert.»
  • Muss man Staub im Kinderzimmer und Milben im Kinderbett bekämpfen? «Eine Reduktion der Hausstaubmilbenexposition durch Encasingmassnahmen kann aktuell ebenfalls nicht als Primärprävention empfohlen werden, jedoch wohl in der Sekundär- resp. Tertiärprävention» Das bedeutet: Für Menschen, die auf Hausstaubmilben bereits ­allergisch reagieren, sind die Massnahmen zur Verringerung der Allergenbelastung durchaus sinnvoll und notwendig, zur Verhütung von Allergien taugen sie sich jedoch nicht. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall.

Schutz durch Kuhstall, Heu und Hühnerhof

Eine Reihe weiterer Studien unterstützt die sogenannte Hygienehypothese, auch Bauernhof- oder Urwaldhypothese genannt. Sie beruht auf der Beobachtung, dass Allergien vor allem unter Stadtbewohnern zunehmen. Zudem hat sich in Studien bestätigt, dass Bauernkinder deutlich seltener an Asthma, Heuschnupfen oder anderen Allergien erkranken als Kinder, die nicht auf einem Bauernhof leben – selbst wenn sie im selben Ort wohnen.

Dabei haben sie von Anfang an mehr Kontakt zu Kühen, Mäusen und Ratten, Insekten und Milben, Pilzen, Bakterien und Parasiten. Auch das Trinken ­roher Kuhmilch scheint eine Rolle zu spielen. Weitere Unter­suchungen zeigten, dass sogar Würmer (!) eine Schutzwirkung gegenüber Allergien entfalten.

Was bleibt, was hilft, was kommt?

Stillen gilt weiterhin als wichtige Massnahme, um Allergien zu verhindern. Im Idealfall sollte jedes Baby in den ersten vier Monaten voll gestillt werden. Ist das nicht möglich, ist gängige Fläschchennahrung eine gute Alternative.

Eine frühe Einführung von Beikost schadet nicht, sondern bringt eventuell sogar einen Nutzen. Empfehlenswert ist die zügige Einführung einer vielfältigen Kost ab dem vollendeten vierten Lebensmonat. Das Stillen sollte auch nach Einführen der Beikost so lange weitergeführt werden, wie Mutter und Kind dies möchten, sagt die Ernährungskommission der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie SPG.

Es gibt Hinweise darauf, dass Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen, ein erhöhtes Al­lergierisiko haben, weil ihnen der Kontakt zu den Keimen der Mutter fehlt.

Auch bei Babys, die schon früh mit Antibiotika behandelt werden müssen, ist das Risiko erhöht. Ob in solchen Fällen die prophylaktische Einnahme von sogenannten Probiotika, Präbiotika oder Bakterienlösungen sinnvoll sein könnte, wird zur Zeit intensiv untersucht und diskutiert, für Empfehlungen ist es aber noch zu früh.

Auch bei Babys, die schon früh mit Antibiotika behandelt werden müssen, ist das Risiko erhöht. Ob in solchen Fällen die prophylaktische Einnahme von sogenannten Probiotika, Präbiotika oder Bakterienlösungen sinnvoll sein könnte, wird zur Zeit intensiv untersucht und diskutiert, für Empfehlungen ist es aber noch zu früh.

Vermeiden bleibt als Therapie wichtig

Bei einer bereits bestehenden Allergie bleibt allerdings die alte Regel nach wie vor gültig, betont Allergologe Peter Schnabel von der Technischen Universität München: «An erster Stelle der Massnahmen zur Behandlung einer Allergie und auch zur Vorbeugung allergischer Reaktionen steht immer noch das Vermeiden oder zumindest Reduzieren der auslösenden Allergene.

In vielen Fällen lässt sich der Allergenkontakt jedoch nicht vollständig oder überhaupt nicht vermeiden, weil die Allergene überall in der Umwelt vorhanden sind. Um eine ärztliche Behandlung kommt man deshalb nur selten herum.»

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