Alpen
Bergführer: «Auf den Gletschern ist es jetzt wie sonst Ende August»

Wer jetzt in die Berge geht, kann fast nicht früh genug aufstehen: Steigt die Hitze weiter, wird das Geröll an den Hängen nicht einmal mehr nachts gefrieren und der Steinschlag zur ständigen Gefahr. In Pontresina hält man Gletscherbrücken und Leitern bereit.

Sabine Kuster Jetzt kommentieren
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Die grosse Spalten im Eis des Triftgletschers sind normalerweise erst im August so gut sichtbar. Hier eine Aufnahme von August 2015.

Die grosse Spalten im Eis des Triftgletschers sind normalerweise erst im August so gut sichtbar. Hier eine Aufnahme von August 2015.

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Das Weissmies und das Allalinhorn waren lange gäbige Gipfelziele für jene Touristen, die einfach mal auf einen 4000er steigen wollten. Nur 4017 respektive 4027 Meter hoch sind sie und die Bergbahn fährt unter den Gipfel. Doch nun ist es anders. Diesen Winter fiel auch im Saastal nur wenig Schnee und auch der Frühling war trocken und sehr warm: Die Gletscher sind vielerorts schon blank und täglich öffnen sich die Gletscherspalten ein Stück weiter.

«Um aufs Allalinhorn zu kommen, muss man jetzt eine weite Umgehung machen», sagt Carla Arnold, Hüttenwartin der Weissmieshütte. «Und das Weissmies ist heute ein 4000er nur für erfahrene Alpinisten.» Auf der Normalroute auf den Gipfel droht, was vor zwei Wochen in Süditalien in den Dolomiten geschah: dass das Eis abbricht, wenn Bergsteiger unterwegs sind. Schon 2015 wurde ein 43-jähriger Spanier von einem Gletscherabbruch am Weissmies getötet. 100 Kubikmeter Eis des Triftgletschers begruben ihn. Dieser wird seit 2014 von einem Radar überwacht, 2017 konnte so ein Abbruch vorausgesagt werden.

Der Gletscher Unteres Eismeer, im Hintergrund das Agasszishorn (weisse Spitze rechts), und das Kleine Fiescherhorn (ganz hinten von der Sonne beschienen). Der Gletscherabbruch befindet sich zuhinterst im Tal.

Der Gletscher Unteres Eismeer, im Hintergrund das Agasszishorn (weisse Spitze rechts), und das Kleine Fiescherhorn (ganz hinten von der Sonne beschienen). Der Gletscherabbruch befindet sich zuhinterst im Tal.

Getty (August 2020)

Hüttenwart rät von einer Tour zu den Fiescherhörnern ab

Doch selten wird ein Gletscher überwacht. Schon gar nicht in abgelegenen Tälern wie dort, wo der Fieschergletscher beginnt an der Kantonsgrenze von Bern und dem Wallis. Hüttenwart Hans Winterberger von der Finsteraarhornhütte rät allen Bergsteigern von einer Tour auf die Fiescherhörner ab. «Es ist zu heikel im Sommer. Im Winter kann man mit den Ski rasch unter dem Gletscherabbruch durchfahren, aber jetzt befindet man sich auf 200 Metern Distanz zu lange in der Gefahrenzone.»

Es sei dort zwar schon heikel gewesen, als er vor 15 Jahren als Hüttenwart begonnen habe, doch jetzt könne man wegen der mangelnden Schneefelder kaum ausweichen. Nicht immer halten sich die Bergsteigerinnen und Bergsteiger an den Rat des Hüttenwarts. «Es gibt solche, die diesen 4000er unbedingt machen wollen, weil er auf ihrer Liste ist und sie extra deswegen hergekommen sind», sagt Winterberger.

Muss die Dossenhütte vorzeitig schliessen wegen Wassermangel?

Dafür seien die Verhältnisse am Finsteraarhorn gerade perfekt und Wassersorgen hat der Hüttenwart auch nicht. Aber sein Kollege in der Dossenhütte 15 Kilometer weiter nördlich. «Wir wissen dieses Jahr nicht, ob wir bis zum üblichen Ende der Sommersaison werden offen sein können», sagt Hüttenwart David Zweifel. «Der Dossenfirn ist schon sehr ausgeapert. So wie sonst erst Ende August. Im Juli haben wir das Problem sonst nie.» Wasser rauffliegen ist keine Option – die Bewartung der Hütte wäre nicht mehr rentabel.

Wer diesen Sommer unterwegs ist, braucht viel Erfahrung – oder einen Bergführer. Bei der Alpinschule Adelboden sagt Bergführer Mike Zurbrügg: «Die meisten Routen sind schon noch machbar. Die Frage ist einfach, ob man den Weg durchs Labyrinth der Gletscherspalten findet.»

Sicht von der Diavolezza auf den Piz Palü: Wer rauf will, muss durch die Spaltenzone. Die hier im August 2020 noch halb verschneit war.

Sicht von der Diavolezza auf den Piz Palü: Wer rauf will, muss durch die Spaltenzone. Die hier im August 2020 noch halb verschneit war.

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Piz Morteratsch musste zusätzlich gesichert werden

Berni Hauser, Bergführer in Pontresina.

Berni Hauser, Bergführer in Pontresina.

zvg

Die Lage ist im Hochgebirge im Kanton Graubünden nicht anders. Noch sind die Bergführer auf allen Gipfeln unterwegs, aber die Routen mussten geändert werden. Am Piz Morteratsch mussten bei einer steilen Eisflanke Sicherungsstangen angebracht werden, weil der Schnee schon weg ist. Berni Hauser von der Bergsteigerschule Pontresina sagt: «Noch gefriert das Geröll und auch die Schneebrücken über den Gletschern nachts. Aber wenn es noch wärmer wird und nachts der Himmel bedeckt ist und somit Wolken die Abstrahlung der Wärme verhindern oder wenn die Luftfeuchtigkeit wegen Gewittern steigt, dann ist man auch am frühen Morgen nicht mehr sicher unterwegs.»

Hauser und seine Kollegen starten jetzt schon bereits um 3.30 Uhr von der Station Diavolezza aus zum Piz Palü. Am Mittag sind sie zurück. Wer später noch unterwegs ist, wenn das Eis den Fels nicht mehr zusammenhält, riskiert, in Steinschlag zu kommen. Und die Gletscherspalten können sich pro Woche um einen Meter weiter öffnen. «Der Gletscher ist stark in Bewegung, wenn es so heisst ist», sagt Hauser.

Mit künstlichen Brücken über die Spalten zum Gipfel

Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass die Bergführer dort mit solchen Verhältnissen konfrontiert sind. Schon in anderen Hitzesommern wurden die Gletscherspalten teils so lang und breit, dass kein Durchkommen mehr war. Doch gerade der Piz Palü ist ein solch beliebtes Ziel, dass er immer irgendwie zugängig gemacht wird. «Wir haben schon einige Male Brücken auf den Gletscher geflogen oder Leitern zur Steilstelle am Silbersattel. Wir schauen, dass der Piz Palü begehbar ist», sagt Hauser.

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