Alpinismus
Rekord: Auf allen 7 Summits Europas – wegen schlechtem Wetter grad in fünf statt sieben Tagen

Was andere sich für ein ganzes Jahr vornehmen, haben der Berner Oberländer Adrian Zurbrügg und der Deutsche Philipp Reiter in nur fünf Tagen geschafft: Alle 7 höchsten Gipfel der 7 Alpenländer.

Sabine Kuster
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Philipp Reiter und Adrian Zurbrügg vor dem Start zu Hause bei Zurbrügg.
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1. Tag: Begleitung am Grand Paradiso von der italienischen Skibergsteigerin Martina Valmassoi.
Fast auf dem Gipfel des Gran Paradiso, 4061 m ü M.
Die Madonna und das erste Ziel erreicht: Der höchste Punkt Italiens.
Im Abstieg vom Gran Paradiso in den Frühling.
Tag 2: Im Morgengrauen auf den Mont Blanc. Das gefährlichste Ziel bei so wenig Schnee auf dem Glescher - und auch der höchste Gipfel Europas.
Schneewächte am Gipfel des Mont Blanc.
Gipfel erreicht: Der Höchste Punkt Frankreichs auf 4809 m ü M.
Gefährlicher Abstieg im schmelzenden Gletscher.
Tag 3: Aufstieg im Gipfelcouloir zur Dufourspitze.
Gipfel erreicht: Der höchste Punkt der Schweiz mit 4634 m ü M.
4. Tag: Zwei Gipfel warten. Frühstück mit Kollege Stephan Hugenschmidt.
Auf den Vorder Grauspitz in Liechtenstein führt sie Stephan Hugenschmidt.
Gipfel-Schlussspurt.
Erstes Ziel an diesem Tag erreicht: Vorder Grauspitz, 2599 m ü M. Der Zwerg auf dieser Tour.
Zweites Ziel im Angriff: An der Zugspitze in Deutschland ist es schon Nacht.
Zweites Ziel erreicht: Zugspitze 2962 m ü M, höchster Punkt Deutschlands.
5. Tag: Das Wetter wird schlecht. Beeilung am Grossglockner in Österreich.
Erstes Ziel erreicht: Philipp Reiter auf dem höchsten Punkt Österreichs, 2423 m ü M.
Schon in Slowenien, Adrian Zurbrügg im Aufstieg zum letzten Gipfel.
Spät abends auf dem Triglav, dem höchsten Punkt Sloveniens, 2864 m ü M.

Philipp Reiter und Adrian Zurbrügg vor dem Start zu Hause bei Zurbrügg.

Philipp Reiter

Als der Hüttenwart in Slowenien die beiden Bergsteiger in der Dämmerung kommen sieht, beginnt er zu fluchen. Wer will denn bei dem Wetter und zu dieser Zeit noch auf den Triglav, den höchsten Gipfel Sloweniens? Die beiden Männer, die da auf Ski unterwegs waren, beruhigten ihn: Er müsse sich keine Sorgen machen, das sei heute schon ihr zweiter Gipfel nach dem Grossglockner in Österreich.

So erzählt Adrian Zurbrügg (33) die Anekdote auf der Rückfahrt mit dem Auto von Slowenien in die Schweiz am Telefon. Ihm und dem deutschen Trailrunner und Alpinisten Philipp Reiter (30 ist gelungen, was auf den ersten Blick zeitlich und logistisch unmöglich scheint: Die sieben höchsten Gipfel in den sieben Alpenländern in fünf Tagen zu besteigen. Total 17'000 Höhenmeter. (Solche «Seven Summits» gibt es auch im grösseren Massstab: die höchsten Gipfel auf jedem Kontinent.)

Versucht hatten die europäischen 7 Summits in 7 Tagen ein Team der Outdoorartikel-Marke Dynafit 2014 in einem grossen PR-Projekt, das ganz am Ende an der Dufourspitze scheiterte. Adrian Zurbrügg selbst musste vor vier Jahren ebenfalls an der Dufourspitze aufgeben, nachdem sich sein damaliger Gipfel-Partner im Abstieg vom Mont Blanc verletzt hatte und danach zu grosse Schmerzen hatte. Vor zwei Jahren dann fiel das Vorhaben der geschlossenen Grenzen wegen Corona zum Opfer.

Die Verhältnisse waren eigentlich schlecht

Dass es heuer klappt, hat er zuerst selbst nicht richtig geglaubt. Eine Kollegin fiel wegen Corona aus, zwei Tage vor Start, ebenso eine Fahrerin. Ein zweiter Alpinist fühlte sich mental nicht fit genug, denn am Mont Blanc sind die Verhältnisse gerade ungünstig: Es hat so wenig geschneit, dass die Gletscherspalten wie im Sommer offen sind und eine Abfahrt mit den Ski ein hohes Risiko. Keine zehn Seilschaften waren bisher oben.

Doch Zurbrügg bestieg den Mont Blanc eine Woche vor Projektstart und prägte sich die Stelle mit der einzigen Möglichkeit zur Durchquerung des Gletschers auf 2400 bis 2800 Meter ein. «Man gab uns nicht viel Chancen, den Mont Blanc zu schaffen», sagt er rückblickend, «doch diese Vorbereitung war der Schlüssel zum Erfolg.»

Der Gran Paradiso in Italien, war am 26. März ihr erster Gipfel. Zwar übernachtet man normalerweise in der Hütte Vittorio Emanuele am Berg, doch die 2000 Höhenmeter aus dem Tal waren für die beiden Hochleistungs-Alpinisten kein Problem.

Mit Schlafmangel auf die Dufourspitze

Den Mont Blanc in Frankreich schafften sie tags darauf: 3500 Höhenmeter aus dem Tal in einem Stück, runter mit den Ski. Ihre Fahrer brachten sie danach nach Zermatt und rauf gings zur Dufourspitze, diesmal 3000 Höhenmeter und immer wieder mussten die Ski gebuckelt werden.

«Pro Nacht haben wir nur zweieinhalb bis dreieinhalb Stunden in einer Unterkunft auf dem Weg zum nächsten Gipfel geschlafen», sagt Zurbrügg. «Sonst hätten wir es nicht geschafft.»

Am Tag vier dann realisierten die beiden Athleten im Aufstieg auf den höchsten Punkt Lichtensteins, dem Vordern Grauspitz, dass sie die Gipfel in fünf Tagen schaffen mussten, denn ein Wetterumschwung kündigte sich an. Die 2000 Höhenmeter bis auf den Grauspitz wären für sie eigentlich ein Klack gewesen. Doch so fuhren sie nach dem Gipfel so schnell wie möglich wieder ab und mit dem Auto gleich zur Zugspitze (2962 m ü M.) nach Deutschland.

Keine Zeit, um die Schuhe zu trocknen

Kurz vor Mitternacht waren sie wieder unten und legten sich kurz hin. Am 5. Tag fuhren sie um zwei Uhr Morgens nach Österreich zum Grossglockner (3798 m ü M.), liefen um 6 Uhr los und waren nach viereinhalb Stunden schon wieder im Tal. Ab gings nach Slowenien, ein Kaffee zwischendurch, die Schuhe und Jacken blieben nass, denn inzwischen schneite es. Mit der Müdigkeit liess nun auch die Konzentration nach. Beides: Schlafmangel und Neuschnee machten die letzten beiden Berge noch einmal knifflig, obschon sie nicht besonders hoch sind.

Der slowenische Hüttenwart hatten sie inzwischen besänftigt, er wollte ihnen gar Getränke spendieren und feuerte sie an. Zurbrügg und Reiter standen um 20.30 Uhr auf ihrem siebten und letzten Gipfel, dem Triglav (2864 m ü M.). «Es war stockdunkel, aber wir hatten unsere Route auf dem GPS aufgezeichnet. So fuhren wir trotz der Dunkelheit wieder bis ins Tal ab, wo wir um 22.30 Uhr ankamen», erzählt Adrian Zurbrügg.