Ezechiels Traum von der Auferweckung des Volkes Israel

Der 23. Juli gilt als christlicher Gedenktag für den Propheten Ezechiel. Seine bekannteste Vision ist symbolisch besonders bedeutend und in der Kunst der christlichen Kirche ein verbreitetes Motiv.

Andreas Faessler
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Die spektakuläre Rokoko-Kanzel des Zwiefaltener Münsters hat ganz die Vision des Ezechiel zum Thema. Hier wird die Szene besonders dramatisch dargestellt.

Die spektakuläre Rokoko-Kanzel des Zwiefaltener Münsters hat ganz die Vision des Ezechiel zum Thema. Hier wird die Szene besonders dramatisch dargestellt.

Bild: Andreas Faessler

Die darstellende Kunst in der christlichen Kirche findet ihren Niederschlag häufig in eindrücklicher Bildgewalt. Vereinzelt entlehnt die Kirche auch Szenen aus dem Judentum, um sie künstlerisch zu interpretieren. Eines der populärsten Motive dieser Sparte – und ein für das Judentum höchst bedeutsames – ist die ­Vision des Propheten Ezechiel von der Auferweckung Israels. Sie wird im jüdischen Tanach ausführlich beschrieben. Nach dem Propheten Ezechiel ist im Tanach und somit auch im Alten Testament ein Buch benannt.

Ezechiel – sein katholischer Gedenktag ist der 23. Juli – lebte als Priester im 6. Jahrhundert vor Christus. Gemeinsam mit vielen weiteren Israeliten ist er unter der Herrschaft von König Nebukadnezar nach Babel verschleppt worden, wo er als ­Prophet über 20 Jahre hinweg einen grossen Ruf in der Gemeinschaft der Exil-Israeliten erlangte. Mit seinen Visionen und Weissagungen stärkte er die Seinen in ihrem Glauben und spendete ihnen Hoffnung, nachdem sie sich angesichts ihres Schicksals wiederholt fragten, ob Gott sie denn verstossen habe. Ezechiels Hoffnungsbotschaft findet in der erwähnten Vision von Israels Auferweckung ihre stärkste Wirkung.

Fleisch umgab ihre Knochen

Der Prophet selbst hat in Worten festgehalten, was er im Geiste gesehen hat: Demnach hat Gott ihn auf ein weites Feld begleitet, wo verstreut die bleichen Gebeine von Tausenden erschlagenen Menschen lagen. Gott forderte Ezechiel auf, er solle sich als Prophet und somit sein Sprachrohr an die Gebeine richten und ihnen sagen, Gott werde ihnen Geist und Leben einhauchen. Sehnen werden sie überspannen, Fleisch werde sie umgeben, Haut werde sich über sie ziehen und schliesslich der Geist des Lebens sie neu erwecken. Dann werden sie erkennen, dass Gott ihr Herr ist. Genau so nahm Ezechiels Vision ihren Lauf: Die Gebeine vereinten sich wie von unsichtbarer Hand, und – als würde die Verwesung im Zeitraffer rückwärtsverlaufen – die Skelette wurden wieder zu Menschen. Mit den letzten Worten Ezechiels erwachten sie nun zum Leben, und dann stand vor dem Propheten ein riesiges Heer.

Älteste Botschaft der Auferstehung

Es waren die verdorrten Gebeine des – in seiner schieren Hoffnungslosikgkeit toten – Volkes Israel, das Ezechiel mit der Kraft Gottes wieder gesammelt und neu auferstehen, auferwecken lassen hat. Gott wird als der Erschöpfer des neuen Volkes Israel proklamiert, in seiner Macht steht es, für ein ganzes Volk einen Neuanfang zu erwirken. So wird diese Vision grundsätzlich gedeutet. Sie wird zudem als älteste Botschaft der Auferstehung, der Rückkehr aus dem Reich der Toten angesehen.

Was sich wie das Script zu einer Szene für einen Horrorfilm liest, ist für Juden wie Historiker auch aus heutiger Sicht noch von grosser Symbolkraft. Dies vor allem in Bezug zur Shoah, zum Holocaust. Eine Textpassage aus der Vision im Buch Ezechiel, wo es um die Hoffnung geht, wird in einer leicht abgeänderten Form in der Nationalhymne des Staates Israel zitiert.

Als Thema in der christlichen Kunst

Das Christentum fasst die Vision des Ezechiel künstlerisch vor allem an Grabmonumenten oder in Gruften auf. Bekannte Exponenten der europäischen Kunstgeschichte, die das Ezechiel-Thema verarbeitet haben, sind unter anderem Raffaello Santi, Pieter Coecke van Aelst, Karel van Mander oder Gustave Doré.

Die in der deutschsprachigen Kirchenlandschaft wohl monumentalste Interpretation der Ezechiel-Vision findet sich im Münster Unserer Lieben Frau im Baden-Württembergischen Zwiefalten. Der deutsche Bildhauer Johann Joseph Christian (1706–1777) stellt hier in seiner Kanzel-Ezechiel-Gruppe den Propheten dar, wie er auf die bizarre Szene am Kanzelkorb auf der anderen Seite des Kirchenschiffes zeigt. In vollendeter Rokoko-Manier erheben sich dort Skelette und Menschen im «rückwärts» fortgeschrittenen Verwesungsstadium aus Boden und Gruften. Und in kleinen Nischen reihen sich Totenschädel, die im Begriffe sind, sich mit den herumliegenden Gebeinen zu vereinen. Die Auferstehenden werden von Engeln als Himmelsboten in Empfang genommen.