AMAG: Ein Sackmesser zum Trost für das Abgas-Debakel

In der Schweiz wurden mittlerweile 65000 Autos umgerüstet. Die Lenker bekommen danach ein kleines Geschenk. «Ein Hohn», sagt der Konsumentenschutz – und fordert Schadenersatz.

Drucken
Teilen
VW-Fahrzeuge beim Generalimporteur Amag in Lupfig. Amag entschädigt vom Dieselskandal betroffene Kunden mit Goodies wie Sackmesser, Etui und Schlüsselanhänger. (Bild: Walter Bieri/Keystone (1. Oktober 2015))

VW-Fahrzeuge beim Generalimporteur Amag in Lupfig. Amag entschädigt vom Dieselskandal betroffene Kunden mit Goodies wie Sackmesser, Etui und Schlüsselanhänger. (Bild: Walter Bieri/Keystone (1. Oktober 2015))

Maurizio Minetti

maurizio.minetti@luzernerzeitung.ch

Ein 100-Franken-Gutschein für den nächsten Service, ein kleines Sackmesser, ein Schlüsselanhänger, ein Etui und eine Broschüre: Dieses Geschenkpaket des Schweizer VW-Generalimporteurs Amag bekommen alle rund 175000 Schweizer Autofahrer, die vom Dieselskandal betroffen sind. Zur Erinnerung: Volkswagen hat mit einer Software Dieselmotoren so manipuliert, dass sie auf dem Prüfstand einen geringeren Schadstoffausstoss vorgetäuscht haben.

Weltweit sind 11 Millionen Fahrzeuge der Marken Volkswagen, Audi, Seat und Skoda betroffen. Bis dato wurden in der Schweiz 65000 Autos mit einem Software-Update so umgerüstet, dass sie wieder alle gesetzlichen Anforderungen sowie die gültigen Abgasnormen erfüllen. Mit der Umrüstung seien keine nachteiligen Veränderungen der Verbrauchswerte, Leistungsdaten und Geräuschemissionen verbunden, verspricht VW.

«Freiwillige Goodwill-Aktion»

Nach dieser Umrüstung wird den Kunden in der Schweiz das Geschenkpaket von Amag in die Hände gedrückt. Das Paket sei «eine rein schweizerische, freiwillige Goodwill-Aktion seitens des Markenpartners und der Amag», sagt Sprecher Dino Graf. Eine Aktion, die rund 20 Millionen Franken kosten dürfte. Im Vergleich mit den Milliardenbeträgen, die VW in den USA für Entschädigungen leisten muss, ist das allerdings sehr wenig.

Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, sagt: «Dieses Geschenkpaket ist ein Hohn für die betroffenen Kunden.» Sie fordert von Amag beziehungsweise VW Entschädigung in der Höhe von mehreren tausend Franken pro Fahrzeug. «Auf dem Occasionsmarkt verlieren diese Fahrzeuge an Wert», begründet Stalder die Forderung. Amag widerspricht allerdings dieser Behauptung: «Es gibt keinen nennenswerten Wertverlust bei den Occasionen. Das bestätigen unabhängige Fachstellen wie Eurotax oder Autoscout. Und das zeigen auch unsere eigenen Erkenntnisse», sagt Amag-Sprecher Dino Graf.

Für Sara Stalder ist derweil klar, dass die Schweizer Lenker mehr verdient haben als ein Geschenkpaket. «In Deutschland hat ein Gericht den VW-Konzern wegen unlauteren und betrügerischen Verhaltens dazu verurteilt, dem klagenden Kunden den Kaufpreis zurückzuerstatten. Wir hoffen, dass VW durch weitere Gerichtsentscheide oder Vergleiche in die Pflicht genommen wird, europaweit den entstandenen Schaden mit adäquaten Mitteln zu beheben», so Stalder. Adäquate Mittel wären ihrer Meinung nach Rückkäufe der betroffenen Autos, das Bezahlen einer Strafprämie oder Entschädigungen für die Fahrzeughalter.

Stempelkarte für Flüssigkeitsbetankung

Einige VW-, Audi-, Seat- oder Skoda-Fahrer in der Schweiz erhalten seit einigen Wochen zudem noch ein zusätzliches Präsent. Diese Kunden fahren ein Auto mit einem sogenannten SCR-System. Bei solchen Motoren muss man regelmässig eine Adblue genannte Harnstofflösung hinzufügen. Nach dem Software-Update tritt bei diesen Fahrzeugen «ein veränderter Adblue-Verbrauch» auf, wie es Amag in einem Schreiben an betroffene Kunden formuliert. Mit anderen Worten: Das Auto verbraucht mehr Flüssigkeit als vorher.

Deshalb schenkt VW über den Importeur Amag diesen Kunden zusätzlich eine Stempelkarte für sechs kostenlose Adblue-­Betankungen – «ohne Anerkennung einer Rechtspflicht», wie Amag betont. Bei Tests habe sich gezeigt, dass der Adblue-Verbrauch leicht ansteigen könne, erklärt Graf. Dieser Verbrauch sei aber auch abhängig von der individuellen Fahrweise und Nutzungsart des jeweiligen Fahrzeugs. Wie viele Fahrzeughalter die kostenlosen Adblue-Betankungen erhalten, ist nicht klar. Amag spricht von einer «vierstelligen Anzahl von Fahrzeugen».

Für Sara Stalder ist dies freilich ein weiteres Zeichen dafür, dass Schadenersatzforderungen gerechtfertigt sind: Noch könne nicht mit Gewissheit gesagt werden, dass die Umrüstung auch bei den anderen Modellen nicht zu Schäden wie Treibstoffmehrverbrauch oder schnellerer Motorenabnützung führe.

Razzia bei Winterkorn

Ex-VW-Chef Im VW-Abgasskandal rückt der frühere VW-Chef Martin Winterkorn zunehmend ins Visier der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Gegen ihn wird nun auch wegen des Anfangsverdachts des Betruges ermittelt. Es hätten sich zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür ergeben, dass Winterkorn früher als von ihm öffentlich behauptet Kenntnis von der manipulierenden Software und deren Wirkung gehabt haben könnte, teilte die Behörde gestern mit.

Winterkorn war im September 2015 kurz nach Bekanntwerden des Skandals von der VW-Spitze zurückgetreten. Er sei sich aber keines Fehlverhaltens bewusst, hatte er damals gesagt. Winterkorn bleibt laut Mitteilung seiner Anwälte bei der Darstellung, bis zum September 2015 von illegalen Abgasmanipulationen nichts gewusst zu haben.

Im Zuge der Ausweitung der Ermittlungen gab es auch Razzien. In dieser Woche seien insgesamt 28 Objekte mit Schwerpunkt im Bereich Wolfsburg, Gifhorn und Braunschweig durchsucht worden, hiess es. Wie die Onlineausgabe der «Bild»-Zeitung gestern berichtete, seien zudem auch Razzien in Winterkorns Villa und Büro in München durchgeführt worden. (red/sda)