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Chicago: Von der Ganovenstadt zur Vorzeigemetropole

Geburtsort des Wolkenkratzers, Startpunkt der Route 66, eine spektakuläre Skyline und zudem die grünste Grossstadt der Vereinigten Staaten – mit nachhaltigen Projekten wird aus der ehemaligen Ganovenstadt ein umweltfreundliches Vorbild für Amerika.
Anna Karolina Stock
Riesenrad, Karussell, Restaurants, Einkaufsarkaden und zwei Museen locken ans Navy Pier. (Bild: Ranvestel Photographic, Choose Chicago.)
Downtown stehen Bauten vieler Architekturpioniere. (Bild: Adam Alexander, Choose Chicago)
Im Jay Pritzker Pavilion finden regelmässig Konzerte und Filmvorstellungen statt. (Bild: Choose Chicago)
Die Crown Fountain im Millennium Park. (Bild: Bild:)
4 Bilder

Amerikas grünes Vorbild

Schon in den 50ern sang Frank Sinatra in einer Hymne auf die Stadt: «You’ll lose the blues in Chicago». Und auch heute ist die Stadt am Lake Michigan für viele die bessere Alternative zu New York – oder anders gesagt, das New York des Mittleren Westens. Dass sich Chicago zu einer Metropole mit derartiger Lebensqualität mausern würde, war in den 1920ern noch nicht ersichtlich – damals, als der berüchtigte Gangsterboss Alphonse Gabriel «Al» Capone die Unterwelt beherrschte und ihr den Ruf als gesetzlose Stadt verschaffte. Noch bis heute hat sie mit wenig schmeichelhaften Beinamen zu kämpfen: «The Second City» (nach New York City), «The Windy City» wegen des eisigen Winterwindes oder «Meatpacking City» (auf Deutsch die Stadt der Fleischverpackung). Letzterer rührt daher, dass Chicago ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Zentrum der amerikanischen Fleischverarbeitungsindustrie galt («hog butcher for the world: «Schweineschlächter für die Welt»). Mit der Industrialisierung wurde in Chicagos Schlachthöfen das Fliessband erfunden und die Lohndrückerei perfektioniert – Kapitalismus wie er leibt und lebt.

Mittlerweile werden die alten Schlachthäuser nach und nach saniert und umfunktioniert. In eine der ehemaligen Fabriken ist 2011 «Plant Chicago» eingezogen. Die von John Edel gegründete gemeinnützige Organisation vereint diverse Umweltprojekte, unter anderem eine Fischfarm, einen Hydrokultur-Garten und die Whiner Beer Company. Alles beruht auf dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft (Netto-Null-Energiesystem), in dem auch Abfälle eine wertvolle Aufgabe haben. Anstatt sie auf Deponien verkommen zu lassen, werden sie erneut als Rohstoff verwendet. «Das in der Brauerei verbrauchte Getreide wird mithilfe einer speziellen Anlage in Strom umgewandelt, der wiederum dem Fabrikgebäude zugeführt wird», berichtet Brauereimeister Brian Taylor. Die besten natürlichen Ressourcen seien diejenigen, die bereits extrahiert wurden. Kein Wunder also, dass Plant-do-it-yourself- und Upcycling-Workshops an der Tagesordnung sind.

In 30 Jahren 500 000 Bäume gepflanzt

«Wer etwas über Aquaponik und die Doppelnutzung von Wasser lernen will, ist in meinem Workshop genau richtig», erklärt Plant-Mitarbeiter Eric Weber. Das Verfahren vereint die Aufzucht von Fischen in einer kreislaufbasierten Aquakultureinheit und die hydroponische Kultivierung von Nutzpflanzen – in Europa auch unter dem Begriff «Tomatenfisch» bekannt. Dass der Betrieb von Aquaponiksystemen noch immer in den Startlöchern steckt, obwohl er umweltverträglicher und nachhaltiger nicht sein könnte, will Plant Chicago ändern. Man müsse den Menschen ein Vorbild sein und mit gutem Beispiel voran gehen.

Genau das wird sich auch Ex-Bürgermeister Richard M. Daley (bis 2011 im Dienst) gedacht haben, als er 1989 den ersten Baum der «Tree Planting Campaign» pflanzte und damit den Startschuss zu «Green Chicago» gab. Fast 30 Jahre und eine halbe Million Bäume später, haben alle Schnellstrassen der Stadt bepflanzte Mittelstreifen, der städtische Fuhrpark grösstenteils umweltfreundliche Hybridfahrzeuge und City Hall, das Rathaus von Chicago, ein grünes Dach. Die Inspiration dazu soll Richard M. Daley bei einem Besuch der deutschen Partnerstadt Hamburg gefunden haben. Nachdem das aufwendig und kostspielig begrünte Dach das Rathausgebäude im Sommer nachweislich abkühlte, Regenwasser zurückhielt und letztlich die Energiekosten senkte, wurde den Hamburgern ganz herzlich gedankt und viele weitere Gebäude mit Dachgärten versehen. Mittlerweile verschönern über 400 Gärten die Dächer von Chicago, mehr als in allen anderen amerikanischen Städten zusammen.

Das grüne Herz von Chicago ist aber der zehn Hektar grosse Millennium Park, der sich seit 2004 über zwei Parkgaragen und den Bahnhof für Vorortzüge erstreckt und damit das grösste grüne Dach der Stadt ist. Man könnte tadelnderweise meinen, dass sich die Bauherren der Elbphilharmonie ein Beispiel am Bau des Millennium Parks genommen haben, denn auch dieser hat mehrere 100 Millionen Dollar mehr gekostet und vier Jahre länger gedauert als geplant. (Die Eröffnung war ursprünglich zur namensgebenden Jahrtausendwende vorgesehen.) Das Ergebnis lässt sich jedoch sehen: eine Mischung aus Naherholungsgebiet, Kunstausstellung und kulturellem Veranstaltungsort.

Unbeschwertes Reich wie bei «Alice im Wunderland»

Mit den Dachgärten kehrten auch die Bienen in die Stadt zurück. Auf dem Chicago Cultural Center und der City Hall sind Bienenstöcke beheimatet, deren Bewohner im Sommer die Blüten zahlreicher Parkanlagen und Gärten bestäuben. Mit dem speziellen «Rooftop Honey», den es sogar zu kaufen gibt, kann man Mun Wong allerdings nicht locken. In ihrem kleinen asiatischen Restaurant im Stadtteil Edgewater geht nur rein pflanzliche Kost über die Theke. Ursprünglich hatte die in Macau geborene Chinesin rein gar nichts mit der Gastronomiebranche am Hut. Seit zwölf Jahren leitet sie mit ihrem Mann erfolgreich ein Unternehmen für Sicherheitssysteme und wurde 2016 vom Chicago Business Journal unter die 50 einflussreichsten Frauen Chicagos gewählt. Dass sie das Restaurant, in dem sie davor selbst immer wieder gegessen hatte, übernehmen würde, hätte sie sich nicht träumen lassen. Es war Schicksal – und eine Herzensangelegenheit. «Ich habe mir für Chicago schon immer ein grösseres veganes Angebot gewünscht. So wie in LA oder New York», schildert Mun. «Dann bot sich mir die Gelegenheit, selbst für diese Veränderung zu sorgen, und ich dachte mir, let’s do it.»

Seit der Übernahme des «Alice & Friends’ Vegan Kitchen» kreiert sie mit ihrem multikulturellen Team neue Desserts und asiatisch inspirierte Speisen. Die Zutaten stammen grösstenteils von lokalen Produzenten, und im Sommer gibt es Kräuter aus Eigenanbau. Der vegane Käse wird wie fast alles hausgemacht. Muns Ziel ist es, ähnlich wie bei Alice im Wunderland ein unbeschwertes Reich für Veganer und Pflanzenbewusste zu schaffen und ihnen das Vegansein so schmackhaft und einfach wie nur möglich zu machen. Dafür nimmt sie auch eine 100-Stunden-Woche in Kauf, die sie durch die Doppelbelastung mit ihrem Job bei VinTech Security Systems hat. «Chicago ist eine dynamische und fortschrittliche Stadt mit sehr hoher Lebensqualität und wichtiger Vorbildfunktion», findet die Unternehmerin. Das bedeute aber nicht, dass Amerikas grünste Stadt nichts mehr verbessern könnte. «Besser geht es ja immer, wie man so schön sagt», konstatiert Mun und widmet sich einem ihrer neuen Rezepte. Ihr Motto: «Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest.»

Zum Blues ins «Buddy Guy’s Legends» und mit der Hochbahn durch Downtown Chicago

French Market: Ein ganzjähriger Hallenmarkt mit über 30 verschiedenen Verkaufsständen und allem, was das Gourmetherz begehrt: von typisch französischen Crêpes über veganen Soul-Food bis hin zu hawaiianischen Poké-Bowls. www.frenchmarketchicago.com

Livemusik: Das «Buddy Guy’s Legends» zählt zu den bekanntesten Clubs von Chicago und steht für den Erhalt der allmählich verschwindenden Bluesszene. Von Sonntag bis Donnerstag spielen lokale Bands, freitags und samstags stehen internationale Acts auf der Bühne. Mit etwas Glück sind sogar die Rolling Stones unter den Zuschauern. http://buddyguy.com

Bahnfahren: Bei einer Fahrt mit der Hochbahn «L» durch Downtown Chicago erhält man einen ersten Einblick in die moderne und historische Architektur der Stadt, die zweistöckigen Klappbrücken des Chicago Rivers und die Strassenschluchten im Hochhäuserlabyrinth des Loop. Einzelfahrt um 2 Euro, mehrtägiger CTA-Pass empfehlenswert. www.transitchicago.com

Chicago Greeter: Einheimische aus Chicago führen Interessierte durch ihre Stadtviertel und zu den wichtigsten Attraktionen. Die Touren dauern zwei oder vier Stunden und sind kostenlos. www.chicagogreeter.com

Open-Air-Konzerte: Von Mitte Juni bis Mitte August beherbergt der Jay Pritzker Pavilion die «Millennium Park Summer Music Serie». Etablierte Musiker und Newcomer spielen an zehn Terminen kostenlos für das Chicagoer Publikum. www.cityofchicago.org

Allgemeine Infos: Informationen zu Stadt, Aktivitäten und Events finden sich auch auf der Website des Chicagoer Tourismusverbandes: www.choosechicago.com

Wetter: Das Klima ist kontinental mit heissen Sommern und kalten Wintern. Insgesamt gilt das Wetter in Chicago als wechselhaft. Vor allem im Frühjahr und Herbst weht oft ein starker Wind, woher auch der Spitzname «The Windy City» stammt. Beste Reisezeit sind der Spätfrühling und der Frühherbst mit warmen trockenen Tagen und kühlen Nächten.

Anreise: Swiss und United Airlines (Codesharing) fliegt mindestens einmal täglich von Zürich nach Chicago. www.swiss.com

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