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ATLANTIK: Bahamas: Ein Volk sieht rosa

Auf den Bahamas haben nicht nur Johnny Depp und Amber Heard rosarote Aussichten nach ihrer Traumhochzeit. Pinkfarbene Staatspaläste, Wolken aus Flamingos und schwimmende Schweine: Wer auf die Inseln der Stars reist, braucht keine rosa Brille.
Traumstrand auf Harbour Island, der Nachbarinsel von Nassau: Selbst der Sand an der berühmten Pink Beach hat einen sanften Rosaton. Die Ursache ist der Einzeller Foraminifera, der unter dem Mikroskop wie eine winzige Erdbeere aussieht. (Bild Ram Malls)

Traumstrand auf Harbour Island, der Nachbarinsel von Nassau: Selbst der Sand an der berühmten Pink Beach hat einen sanften Rosaton. Die Ursache ist der Einzeller Foraminifera, der unter dem Mikroskop wie eine winzige Erdbeere aussieht. (Bild Ram Malls)

winfried schumacher

Nein, der Captain ist wirklich nicht auf LSD, und die Gläser seiner Sonnenbrille sind keineswegs pink. Aber das, was Ray Lightbourn da im türkisfarbenen Wasser unter karibischem Himmel fröhlich grunzend entgegenschwimmt, sind fünf rosarote Schweine. Instinktiv haben sie in dem sich nähernden Boot eine Gruppe Touristen gewittert. Die haben mit Sicherheit ein paar Leckerbissen in ihren Rucksäcken. Quietschvergnügt, wie karibische Schweine nun einmal sind, heissen sie die Eindringlinge in ihr Revier willkommen, strecken fröhlich die Rüssel aus dem badewannenwarmen Wasser und stürzen sich schmatzend auf die Bissen, die ihnen die Bootsausflügler zuwerfen.

Ihre Heimat ist wahrlich kein Maststall, sondern eine Privatinsel in bester Lage. Zu den Nachbarn der Schweine auf den Exumas gehören Hollywood-Stars und Milliardäre. Nicht nur Johnny Depp und Amber Heard, auch David Copperfield, Eddie Murphy und Bernard Arnault blätterten Millionen hin, um ein Eiland in dem Archipel im Zentrum der Bahamas zu ergattern.

Pinkfarbene Perlen im Schneckenhaus

Eine Stunde lang planschen die Touristen mit den Schweinen, dann drängt Bootsführer Ray Lightbourn zum Aufbruch. «Schluss mit den Schweinereien. Es kommt gleich noch eine Überraschung.» Kann es noch bunter werden? Auf dem Boot erzählt der rundliche Bahamaer, dessen Familie bereits 1735 von England auf die Exumas auswanderte, von der Leibspeise der Insulaner. Das schmackhafte Fleisch der Riesenflügelschnecke, auf den Bahamas kurz Conch genannt, wird aus dem zartrosa schimmernden Innern des gewaltigen Schneckenhauses gebrochen und darf in der Küche der Bahamas nirgendwo fehlen.

Die Conch-Schnecken produzieren ausserdem extrem seltene Perlen, die unter Juwelieren der Karibik Höchstpreise erzielen. Anders als andere Perlen sind sie nicht weiss, sondern strahlend pink. «Wer eine pinkfarbene Perle findet, kann sich reich schätzen», sagt Lightbourn. Er selbst hat nie eine gefunden, auch wenn die verzehrten Conch-Muscheln, seinem Bauchumfang nach zu urteilen, sicher in die Tausende gehen dürften.

Queen bis heute Staatsoberhaupt

Kaum dreissig Bootsminuten entfernt setzt Lightbourn die Ausflügler vor einer kleinen Insel ab. Als sie an den Strand waten, halten sie erschrocken inne: Aus dem Gestrüpp entlang der Uferböschung strömen urplötzlich mehr als ein Dutzend furchteinflössender Echsen. Die kleinen Dinosaurier scheinen wie aus grauer Vorzeit entrückt. Im weissen Sand warten die Exuma-Felsenleguane auf ihre Fütterung. Die seltenen Tiere werden über einen Meter lang. Ihre Drachenköpfe, die gezahnten Rückenkämme und die ausgeprägten Kehlsäcke schimmern altrosa. Als Vegetarier haben es die Leguane auf die Weintrauben abgesehen, die ihnen Lightbourn vor die Füsse kullern lässt, und stürzen sich heisshungrig darauf.

Auch auf anderen Inseln fällt einem schnell auf, das hier anscheinend ein ganzes Volk eine merkwürdige Farbenblindheit hat. Kein Wunder, dass Honeymooner aus der ganzen Welt hier ihre Flitterwochen verbringen wollen. Wer der rosa Spur durch die Bahamas folgt, kann kuriose Abenteuer erleben. In der Hauptstadt Nassau ist fast das gesamte Zentrum rosa gestrichen. Queen Victoria, die auf einem Sockel vor dem Parlamentsgebäude thront, hat buchstäblich rosarote Aussichten, auch wenn ihr Weltreich längst der Vergangenheit angehört. Die Bahamas sind seit 1973 unabhängig. Formal ist allerdings bis heute Königin Elizabeth II. Staatsoberhaupt der ehemaligen Kronkolonie. Rund um die alte Marmorstatue sind alle Gebäude schweinchenrosa. Das Tympanon im säulengestützten Parlamentshauptgebäude ziert das Emblem der Bahamas, das von einem Schwertfisch und einem Flamingo gerahmt wird, dem Wappenvogel der Inseln.

Nicht weit vom Parliament Square drängt sich das emsige Inselleben in der Bay Street Richtung Hafen. Pferdekutschen steuern den Hügel hinauf, vorbei am rosa Gerichtshof, der rosa Stadtbibliothek, dem rosa Finanzzentrum, der rosa Zion-Baptistenkirche und dem rosa Regierungsgebäude, vor dem eine Kolumbus-Statue Wache hält. Wenn in Nassau gebetet, gezockt oder regiert wird, dann hinter rosa Mauern. Einzig das Piratenmuseum in der Fussgängerzone ist eher lila.

Churchill und Mandela zu Gast

Fragt man die Nassauer selbst nach ihrer pinkfarbenen Stadt, wissen viele selbst nicht so genau, warum. «Das ist einfach die heimliche Nationalfarbe der Bahamaer», meint einer. «Die Engländer haben das mal so angeordnet», sagt ein anderer, «Rosa ist ihre königliche Farbe.» Ein Pragmatiker mutmasst in eine andere Richtung: «Rosa ist hier einfach am billigsten.»

Wer will, kann auch als Tourist hinter rosa Mauern in rosa Zimmern nächtigen. Das altehrwürdige «Graycliff» hat gleich mehrere davon. In dem in die Jahre gekommenen Grandhotel waren schon Sir Winston Churchill, Nelson Mandela und Caroline von Monaco zu Gast. Der Weinkeller unter dem «Graycliff» soll mit mehr als 200 000 Flaschen zu den grössten Privatsammlungen der Welt gehören.

Das Ballett der Flamingos

In seinem unterirdischen Alkohol-Labyrinth führt Hotelier Enrico Garzaroli persönlich zur Weinprobe durch atemraubend schmale Verliese, in denen sich Tausende Kisten aus 15 Ländern stapeln. Zu den Kostbarkeiten seines Reichs aus edelsten Wein-, Champagner- und Cognacsorten gehören ein Rüdesheimer Apostelwein aus dem Jahre 1727 und ein äusserst rarer Romanée-Conti von 1875. Garzaroli kam 1973 von Como auf die Bahamas, kaufte das koloniale Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert und wandelte es in eine Luxusherberge mit Gourmettempel um.

«Wir mischen hier die bahamaische Küche wie Conch-Salate, Korallen-Steinkrabbe, Lobster und Hog-Snapper mit europäischen Einflüssen», sagt er, «aber viele Gäste kommen einfach nur wegen der Weine. Von hier bis zum Südpol habe ich da keine Konkurrenz.» Michael Jordan, Robert De Niro, Nicolas Cage und Beyoncé sollen schon im Weinkeller des «Graycliff» gezecht haben.

Von der Innenstadt Nassaus spaziert man am Meer entlang vorbei an klatschmohnroten, fliederfarbenen und bonbonrosa Strandbuden in Richtung der Ardastra-Gärten. Der kleine Zoo der Hauptstadt ist in der ganzen Karibik bekannt für seine Flamingo-Show. In Scharen strömen Schulkinder und Touristen herbei, wenn die Vögel dreimal am Tag zum Ballett in eine eigens für sie errichtete Arena gebeten werden.

Im Gleichschritt stolziert die rosa Truppe auf ihren spindeldürren Beinen im Kreis, angefeuert von den staunenden Rufen der Kinder und Erwachsenen. Mal wippen die schlanken Schwanenhälse synchron zu den Calypso-Rhythmen aus den Lautsprechern, mal verschieben sie sich pittoresk für die Fotos der Flitterwöchner in Herzform. Kaum ein Bahamaer hat das rosa Spektakel nicht gesehen. Sie mögen die heissgeliebten Nationalvögel der Insel sein, so richtig geniessen scheinen die Vögel ihren Auftritt vor vollen Rängen aber nicht.

Wer Flamingos in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten will, fliegt am besten nach Inagua, dem südlichsten Distrikt der Bahamas. Zur Brutsaison färbt sich der Himmel über dem grössten Salzsee der Hauptinsel rosarot. Dann finden sich mehr als 60 000 Vögel ein, um hier ihre Jungen aufzuziehen. Es ist die grösste Kolonie auf den Westindischen Inseln überhaupt.

Hüftschwung zu Calypso

«Der karibische Flamingo ist eng mit dem Flamingo in Afrika und Europa verwandt», sagt James Traverse, der Zoo-Kurator der Ardastra-Gärten. «Er unterscheidet sich aber durch sein noch intensiveres Pink. Keine Flamingoart ist farbenprächtiger.» Das kräftige Rosa kommt durch Carotinoide zu Stande, die die Vögel mit ihrer Hauptnahrung, vor allem Kleinkrebsen und planktonischen Algen, aufnehmen. Die scheinen auf den Bahamas besonders farbfördernd. «Würde man die Nahrung umstellen, wären die Vögel schlicht und einfach weiss», sagt Traverse. «Wir benutzen deshalb für Flamingos hergestelltes Spezialfutter. Unter den 52 Vögeln in den Ardastra-Gärten ist ein einziger Andenflamingo aus Chile, der geradezu blass neben seinen kräftig rosafarbenen karibischen Kollegen wirkt. «Selbst mit dem gleichen Futter kommt er nicht an seine Artgenossen heran», sagt Traverse.

Am frühen Morgen bricht von Potter,s Cay eine Fähre nach Harbour Island im Osten von Nassau auf. An diesem Wochenende findet am berühmten Pink Beach der Nachbarinsel ein rauschendes Volksfest statt. Bereits auf der Fähre fliesst Bier und Rum. Die Partymeute tanzt mit abenteuerlichem Hüftschwung zu ohrenbetäubendem Calypso, Reggae und Soca, den Lieblingssrhythmen der Bahamas. Die Musik aus dem Lautsprecher wird erst unterbrochen, als eine traditionelle Junkanoo-Band das Deck betritt. Die Trommler und Trompeter heizen den Tanzwütigen tüchtig ein. In seinem Kostüm mit rosa Federschmuck ist der Bandleader der schrillste Paradiesvogel unter den Musikern.

«Ist doch alles nur ein Werbegag»

Barry Armbrister ist einer der Passagiere, die extra für das Fest gekommen sind. Der Rastaman führt an der Junkanoo Beach in Nassau eine Strandbar und war schon einige Jahre nicht mehr auf Harbour Island. Seine Dreadlocks reichen ihm bis über die Schultern. Schon am Nachmittag ist die Tanzfläche an der Pink Beach voll mit Einheimischen.

Der Strand heisst so, weil ein Einzeller mit Namen Foraminifera dem Sand einen sanften Rosaton verpasst. Unterm Mikroskop sieht er aus wie eine winzige Erdbeere. «Was heisst hier schon Pink?», fragt Armbrister. «Ich sehe hier einfach nur weissen Sand. Es ist doch alles nur ein Werbegag der Tourismusindustrie. Überhaupt ist dieses ganze Gehabe um die Farbe Pink ja wirklich schon übertrieben. Als ich einmal meine Strandbude in den Rastafari-Farben Grün, Gelb, Rot gestrichen habe, wurde mir das sogar ganz offiziell verboten. Meinetwegen – streicht das ganze Land in Rosa, in Wahrheit sind und bleiben die Bahamas aber bunt.»

Mit Kopfschmuck, natürlich in Rosa – die Musiker einer Junkanoo-Band heizen ein. (Bild Ram Malls)

Mit Kopfschmuck, natürlich in Rosa – die Musiker einer Junkanoo-Band heizen ein. (Bild Ram Malls)

Die Flamingos auf den Bahamas sind dunkelrosa, so leuchtend farbig wie sonst nirgends. (Bild Ram Malls)

Die Flamingos auf den Bahamas sind dunkelrosa, so leuchtend farbig wie sonst nirgends. (Bild Ram Malls)

Weiss und Rosa unter blauem Himmel – Bahamas Farbe an den Fensterläden. (Bild Ram Malls)

Weiss und Rosa unter blauem Himmel – Bahamas Farbe an den Fensterläden. (Bild Ram Malls)

Quietschvergnügte Schweine schwimmen den Touristenbooten entgegen. (Bild Ram Malls)

Quietschvergnügte Schweine schwimmen den Touristenbooten entgegen. (Bild Ram Malls)

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