ATLANTIK: Vom Azorenhoch ist wenig zu spüren

Das Azorenhoch bringt Europa sonniges Wetter. Doch auf den neun Inseln mitten im Atlantik hat laut den Einheimischen jeder Tag vier Jahreszeiten.

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Prächtige Aussicht auf der Kraterwanderung von Sete Cidades auf der Insel São Miguel. Im Blick sind der grüne Lagoa Verde und der blaue Lagoa Azul. (Bild: Jürg J. Aregger)

Prächtige Aussicht auf der Kraterwanderung von Sete Cidades auf der Insel São Miguel. Im Blick sind der grüne Lagoa Verde und der blaue Lagoa Azul. (Bild: Jürg J. Aregger)

Text und Bilder Jürg J. Aregger

Auch wenn das Azorenhoch in Mitteleuropa als Garant für eine gleichmässige Wetterlage gilt, auf den Azoren ist selten mit einer solchen Stabilität zu rechnen. Durch ihre Lage sind die Inseln vielmehr von wechselhaftem Klima gekennzeichnet. Mit Wind, Nebel, Regen und Sonnenschein kann das ganze Jahr über gerechnet werden. Die grünen Wiesen lassen auf viele Niederschläge schliessen. Überall weiden schwarz-weisse und braune Kühe.

Die beste Reisezeit ist von Juni bis Oktober, dann sind die Wetterverhältnisse am ehesten stabil. Der Golfstrom sorgt für warme Wassertemperaturen. Für Trekking, Segeln oder Walbeobachtungen bieten sich die Monate ab April bis Oktober an. Die Azoren sind ein Paradies auch für Wanderer mit gut unterhaltenen Wegen.

Vulkanischer Ursprung

Der Archipel der Azoren ist vulkanischen Ursprungs. Ohne das Zusammentreffen der nordamerikanischen, eurasischen und afrikanischen Platte gäbe es die Inseln nicht, erfahren wir. Die Erde kommt bis heute nicht zur Ruhe. Die Westgruppe mit Flores und Corvo wandert jährlich etwa 1,5 Zentimeter nach Westen, der Rest in die entgegengesetzte Richtung. Ausser auf den Westinseln wurden bis in die neueste Zeit Erdbeben verspürt, das letzte erst 1998 auf Faial. Hier wurde auch der jüngste Vulkanausbruch registriert.

Gewaltige Eruptionen vergrösserten in den Jahren 1957 und 1958 den Westteil der Insel. Der Wanderer wähnt sich hier in einer Mondlandschaft, wenn er die Wüste von Capelinhos besucht. Der Vulkan spuckte 30 Millionen Tonnen Asche in die Luft. Etwa 300 Häuser wurden zerstört, 2000 Menschen mussten evakuiert werden. Im modernen unterirdischen Informationszentrum erfahren Besucher Wissenswertes über diesen Ausbruch und auch die Entstehung der Azoren. Vom alten Leuchtturm, dessen Sockel ebenfalls vom Aschen­regen bedeckt wurde, hat man einen lohnenden Überblick auf die Umgebung.

Treffpunkt der Segler

Faials Hauptstadt ist Horta (was übersetzt Garten heisst), wo sich das Azoren-Parlament befindet. Die Stadt diente früher den Wasserflugzeugen als Zwischenstation auf ihren Transatlantikflügen und als Zentrum der Überseekabel. Die 15 Telegrafenkabel, die es 1930 gab, verbanden Horta mit den wichtigsten Hauptstädten der Welt, bis die Kabel durch neue technische Errungenschaften überflüssig wurden. Die letzte Kabelgesellschaft gab es bis 1969, wie Reiseleiterin Annina Stammbach berichtet.

Der Hafen mit 300 Anlegeplätzen ist die bunteste Marina der Welt, wo sich die Segler und Jachten ein Stelldichein geben. Hier wird aufgetankt, eingekauft (Lebensmittel und Ersatzteile) und gewaschen. Beliebter Treffpunkt ist das legendäre Peters Café Sport, wo es den besten Gin Tonic zwischen Europa und Amerika gibt. Die Skipper verewigen sich oft mit einem Gemälde auf der Kaimauer, die sich seit den 70er-Jahren in eine bunte Galerie verwandelt hat.

In der Inselmitte befindet sich der Caldeira do Faial mit dem wohl imposantesten Krater der Azoren. Auf der ausgedehnten Wanderung picknicken wir am imposanten Kraterrand und bestaunen die fast 400 Meter tiefen senkrechten Wände. Auf schmalen Pfaden umrunden wir den Vulkankegel, wobei Bretter vor einem Abstürzen schützen. So ist der Weg auch für Nichtschwindelfreie in unserer Gruppe gut passierbar. Der ganze Kraterweg misst 6,8 Kilometer, der Durchmesser rund 2000 Meter.

Im Kratersee wächst Lorbeer, der vor der Besiedlung die gesamte Insel bedeckte. Heute wachsen überall blaue, rote und gelbe Hortensien, die vor Jahrhunderten aus China und Japan eingeführt wurden. Vielerorts bilden Hecken die Grenzen zum Nachbargrundstück. Die Hortensien haben auf dem Azoren-Archipel ideale Wachstumsbedingungen, weil der Boden sauer ist. Sie färben im Sommer die grüne Landschaft mit ihren unzähligen Blautönen, weshalb die Insel Faial den Beinamen «blaue Insel» bekommen hat. Besonders hübsch sind die Tellerhortensien mit ihren weissen Rändern.

Der Pico in einer Nebelwand

Mit dem Fährschiff erreichen wir in 30 Minuten die Nachbarinsel Pico mit dem gleichnamigen Berg (etwa fünf Stunden für die 1100 Meter steinigen Auf- und Abstieg), dessen Spitze mit 2351 Metern der höchste Berg Portugals ist. Gerne hätten wir ihn bestiegen, doch wegen der Nebelwand und des angekündigten Regens gab der eigens engagierte Bergführer am Vortag Forfait.

Heute ziehen wir unseren Regentag ein. Wir wandern unter anderem auf einem alten Lavaweg zwischen Lajido und Miragaia. Auf dem Lavagestein gibts Karrenspuren von Holzrädern, die beim Abtransport des Weines entstanden. Auch heute wird noch der Wein auf dem nährstoffreichen Lavaboden angepflanzt. Kilometerlange Steinmauern gibt es rund um die Weinfelder, um die Reben vor dem Wind zu schützen.

Diese Steine mussten in harter Körperarbeit aufgeschichtet werden und sind verputzt, damit keine Kaninchen hindurchschlüpfen können. Die Mauern strahlen zudem Wärme ab, der dem Geschmack des Weins zugutekommt. Sein goldenes Zeitalter erlebte der Weinanbau bis Mitte des 19. Jahrhunderts, bis Mehltau und die Reblaus sich breitmachten. Wurden damals 16 000 Hektaren mit Reben bepflanzt, sind es mittlerweile wieder etwa 1700. In vielen Gaststätten auf den Azoren wird der einheimische süffige Rot- und Weisswein im Offenausschank angeboten, während die Flaschenweine oft vom Festland stammen. Die alten Weinanbaugebiete sind seit 2004 Weltkulturerbe der Unesco.

Walfang als Broterwerb

Bis 1983 wurden Pottwale auf den Azoren gejagt und verarbeitet. Davon zeugen alte Fabrikanlagen, aber auch Museen, etwa das Museu dos Baleeiros in Lajes auf Pico. Zunächst betrieben amerikanische Schiffe den Walfang auf den Azoren (ab 1765), die auch Einheimische anheuerten. Damit begann die Massenemigration von den Azoren in die USA. Der Walfang spielte damals eine wichtige Rolle zur Entwicklung der Inseln.

Heute werden die Wale mit den Kameras gejagt. Von Horta aus fahren wir mit einem Boot zurück nach Pico, wobei sich die Bergspitze an diesem Tag meist unverhüllt präsentiert. Laut der uns instruierenden Meeresbiologin Jenny gibt es weltweit 75 Wal- und Delfinarten, von denen mit Glück etwa ein Drittel auf den Azoren gesichtet werden kann. Wir kommen bei der dreistündigen Fahrt in den Genuss von etwa einem Dutzend Pottwale sowie von Rundkopf- und den Kurzschnäuzigen Gemeinen Delfinen.

Auf der Blumeninsel Flores befindet sich der westlichste Punkt Europas (Felseninselchen Monchique). Von hier sind es gerade noch 2342 Kilometer nach Neufundland. Die Wanderungen, täglich zwischen 2 und 5 Stunden und meist mit Bademöglichkeiten, geben Einblicke in die unverfälschte Natur und spektakuläre Landschaften. In den Waldgebieten können die Wege rutschig sein, weil sie fast nie trocken sind. Wie auf Schmierseife steigt man zu einem kleinen See auf, der von vielen Wasserfällen gespeist wird. Da geben die Spazierstöcke dem Wanderer zusätzlichen Halt.

Noch glitschiger ist der viertelstündige Abstieg zum Ausgangspunkt. Lohnend ist auch der steile Abstieg auf rollenden Steinen (Rolling Stones) an halb verfallenen Wassermühlen zur Poço de Bacalhau, wo ein Wasserfall die Steilwand herabstürzt. Obwohl mitten im Atlantik gelegen, sind die Azoren keine typischen Badeinseln. Häufig gibt es Salzwasserpools im Vulkangestein mit direktem Zugang zum Meer.

Sao Miguel, unser viertes Etappenziel, ist mit 131 600 Einwohnern nicht nur die bevölkerungsmässig grösste der Inseln, sondern in der Hauptstadt Ponta Delgada befindet sich auch der Sitz der Regierung. Dem Lagoa das Furnas entlang gehend, erreichen wir die heissen Quellen von Furnas, wo der typische Eintopf in Erdlöchern stundenlang gegart wird. Bevor wir davon essen (schmeckt vorzüglich), besuchen wir den grossen Terra-Nostrav-Park mit jahrhundertealten Bäumen und schönen Blumen. Um ins braune Bad der Thermalquelle zu steigen, braucht es etwas Überwindung, doch ist es mit 35 Grad angenehm warm und soll über Heilkräfte verfügen.

Auf Sao Miguel unternehmen wir nochmals eine Kraterwanderung bei herrlichem Sonnenschein mit Blick auf die zwei nebeneinanderliegenden Seen, den grünen Lagoa Verde und den blauen Lagoa Azul, die sich im Krater Sete Citades befinden. Von oben hat man wahrlich einen Vista do Rei, einen Königsblick. Und am letzten Wandertag der zweiwöchigen Reise gehts zum Kratersee Lagoa do Fogo (Feuersee), der abgeschieden in den Bergen liegt.

Grosse Speisung vor der Kirche

Krönender Abschluss für uns ist das Heilig-Geist-Fest in Ponta Delgada, das seit dem Mittelalter überall auf den Azoren zu unterschiedlichen Zeiten gefeiert wird. Dieses gipfelt jeweils in der Krönung eines «Kaisers». Aus allen Orten werden Brote in die Hauptstadt gebracht und bewertet. Vor der Prozession am Samstagnachmittag, begleitet von Blaskapellen, findet die Speisung auf dem Platz vor der Sao-José-Kirche statt. Dazu gibt es eine Suppe mit Brot, Gemüse und Fleisch, Wein und Mineralgetränke. Rund 1000 Einheimische haben an den Tischen lange vor 12 Uhr Platz genommen, wenn mit der ersten Verköstigung begonnen wird. Gleich viele werden es bei der zweiten Runde sein. Am Vorabend zogen riesengrosse Pappfiguren die Aufmerksamkeit auf sich, in der Kathedrale wurde gesungen und musiziert. Die Einheimischen beteten für den Schutz vor Naturkatastrophen und gutes Wetter, wenn auch nicht für das Azorenhoch.

Azoren: Zwischen Europa und Amerika

Klima: Das Klima ist recht ausgeglichen: zwischen 14 Grad im Februar und 28 Grad im August. Im Sommer ist die Blütezeit der Hortensien. Weil viele Emigranten vor allem aus Übersee, aber auch Portugal zurückkommen, sind die Hotelkapazitäten beschränkt.

Lage: Die neun Inseln der Azoren liegen zwischen Europa und Amerika. Der grösste Abstand zwischen den Inseln beträgt 600 Kilometer. Nach Portugal sind es etwa 1500 Kilometer, nach Amerika rund 3600 Kilometer.

Anreise:Swiss und die portugiesische TAP fliegen täglich von Zürich nach Lissabon. Der Flug mit TAP oder Sata weiter nach Horta auf Faial dauert zweieinhalb Stunden, nach Ponta Delgada auf São Miguel zwei Stunden.

Währung: Die Azoren sind seit 1976 eine autonome Region Portugals und gehören zur Eurozone.
Zeitzone: Mitteleuropäische Zeit minus 2 Stunden.

Reiseführer: «Wanderführer Azoren» von DuMont (35 Touren), «Azoren» von Michael-Müller-Verlag sowie von Polyglott.

Die Reise wurde unterstützt von Baumeler Reisen Luzern: www.baumeler.ch

Azoren: Leserreise mit Thomas Bucheli

Die «Neue Luzerner Zeitung» und ihre Regionalausgaben bieten ihren Leserinnen und Lesern eine exklusive Reise auf die Azoren an. Sie findet statt vom 24. September bis 2. Oktober 2016 und kostet mit AboPass Fr. 5280.– pro Person (Einzelzimmerzuschlag Fr. 590.–). Die Reise wird kompetent begleitet vom bekannten SRF-Wetterexperten Thomas Bucheli.

Mehr Infos in der Zeitungsausgabe vom 26. Januar 2016 und unter www.luzernerzeitung.ch/leserreisen.

Wandern auf der Lava in der Wüste von Capelinhos. Bei seinen letzten Eruptionen in den Jahren 1957 und 1958 spuckte der Vulkan 30 Millionen Tonnen Asche in die Luft. (Bild: Jürg J. Aregger)

Wandern auf der Lava in der Wüste von Capelinhos. Bei seinen letzten Eruptionen in den Jahren 1957 und 1958 spuckte der Vulkan 30 Millionen Tonnen Asche in die Luft. (Bild: Jürg J. Aregger)

Skipper verewigen sich mit einem Bild auf der Kaimauer im Hafen von Horta. (Bild: Jürg J. Aregger)

Skipper verewigen sich mit einem Bild auf der Kaimauer im Hafen von Horta. (Bild: Jürg J. Aregger)

Auf der Insel Faial bilden Hortensienhecken vielerorts die Grenze zum Nachbargrundstück. (Bild: Jürg J. Aregger)

Auf der Insel Faial bilden Hortensienhecken vielerorts die Grenze zum Nachbargrundstück. (Bild: Jürg J. Aregger)