«Auch Frauen können übergriffig werden»

Monika Egli-Alge ist Geschäftsführerin des Forensischen Instituts Forio, welches in Frauenfeld, Zürich und Zug Therapien für Pädophile anbietet. Sie erklärt, dass die Hälfte aller Missbräuche an Kindern nicht von Pädophilen begangen werden.

Interview: Katja Fischer De Santi
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Forio-Institutsleiterin Monika Egli-Alge. Bild: PD

Forio-Institutsleiterin Monika Egli-Alge. Bild: PD

Frau Egli-Alge, ein Mitarbeiter einer Kinderkrippe wurde wegen Verdacht auf Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie verhaftet. Ein Fall für ihr Therapiezentrum?

Ja, aber es ist wichtig klarzustellen, dass nicht alle Konsumenten von Kinderpornografie pädophil sind.

Aber die sexuelle Präferenz für Kinder liegt da doch vor?

Nein, Kinderpornografie ist der Konsum von Missbrauchsabbildungen. Manche Pädophile schreckt das sogar ab. Klar ist aber, dass dieser Mitarbeiter, wenn sich der Verdacht erhärtet, mehr als nur ein strafrechtliches Problem hat und nicht mit Kindern arbeiten sollte.

Sie behaupten aber, das Pädophilie therapierbar sei.

Menschen können lernen mit dieser sexuellen Präferenz zu leben, ohne Kinder zu missbrauchen. Wir wissen aus der Forschung, dass rund 50 bis 75 Prozent aller Pädophilen niemals übergriffig werden.. Diese Menschen haben ihr Risikomanagement im Griff. Wegtherapieren kann man die sexuelle Präferenz auf Kinder jedoch nicht.

Wie entsteht Pädophilie?

Das weiss man nicht. Pädophilie ist eine Störung der sexuellen Präferenz – diese sucht man sich nicht aus: Entweder man hat sie oder man hat sie nicht. Ein Prozent der männlichen Bevölkerung ist pädophil, sagen wissenschaftliche Studien.

Dann muss die Gesellschaft lernen mit dieser Gefahr umzugehen?

Ja, mit Präventionsmassnahmen, aber auch indem wir mit den Betroffenen reden. Man muss wissen, dass fast die Hälfte aller sexuellen Missbräuche an Kindern nicht aus pädophilen Motiven begangen werden. Und schon gar nicht in Kitas. Dort sind die Hürden durch die Schutzkonzepte eher hoch, im familiären Umfeld ist Missbrauch oft einfacher zu realisieren. Kinder sind vielfach Ersatzobjekte, da geht es um Rache, Eifersucht, Beziehungsunfähigkeit.

Gibt es auch pädophile Frauen?

Die gibt es ganz bestimmt. Nur werden diese Fälle sehr viel seltener publik und sind bislang auch kaum Gegenstand der Forschung. Was an zwei Dingen liegt: Erstens ist da der Mythos des Mütterlichen, man traut Frauen weniger Missbrauch zu. Zweitens ist es gerade für Buben ungleich beschämender, Opfer eines solchen Übergriffs zu werden. Und Frauen missbrauchen, schon rein körperlich, anders als Männer. Das ist schwieriger nachzuweisen.