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Interview

Auf dem medialen Scheiterhaufen: Warum wir auch heute noch Sündenböcke brauchen

Früher wurden Sündenböcke öffentlich verbrannt, heute werden sie auf den medialen Scheiterhaufen geführt, ob schuldig oder nicht. Südenböcke helfen eine Gesellschaft zu befrieden, denn sie kanalisieren die Wut.
Interview: Rolf App
Ein Sündenbock auch er: Frankreichs Präsident Macron, von Demonstranten als Puppe verbrannt. (Bild: Julien Matta/AFP (Paris, 22. Mai 2018))

Ein Sündenbock auch er: Frankreichs Präsident Macron, von Demonstranten als Puppe verbrannt. (Bild: Julien Matta/AFP (Paris, 22. Mai 2018))

Es sind archaische Bedürfnisse, die den Sündenbock vor tausenden von Jahren geschaffen haben. Wie lebendig er aber bis heute ist, das zeigt eine aktuelle Ausstellung im Schweizerischen Landesmuseum (siehe Text unten). Mit der Gegenwart und ihren Sündenböcken hat sich hingegen die Wiener Autorin und Journalistin Kirstin Breitenfellner in einem aktuellen Buch beschäftigt. Sie erklärt, warum der Sündenbock im digitalen Zeitalter geradezu auflebt.

Was ist ein Sündenbock?

Kirstin Breitenfellner: Ein Sündenbock ist jemand, der für etwas büssen muss, was andere verbrochen haben. Der also stellvertretend geopfert wird. Dieses Opfer kann in allem Möglichen bestehen, von der Tötung wie bei den ursprünglichen Menschenopfern bis zur sozialen Ausstossung im heutigen Shitstorm. Oft ist der Sündenbock unschuldig, das muss aber nicht so sein.

Und woher kommt der ­Sündenbock?

Oft kommt er vom Rand der Gesellschaft, und vorzugsweise von unten. Das muss aber nicht so sein. Auch am oberen Rand der Gesellschaft sitzen die Sündenböcke, der französische Präsident Macron ist einer davon. Seit einem Jahr Präsident, muss er für alles den Kopf hinhalten, was in den letzten dreissig Jahren in der Sozialpolitik schiefgelaufen ist – und wird von Demonstranten als Puppe verbrannt.

Das heisst, der Sündenbock ist keineswegs ausgestorben.

Das sehen Sie richtig. Wir leben zwar in einer Gesellschaft, die glücklicherweise in den allermeisten Fällen die Position der Opfer einnimmt und sie gegenüber Tätern verteidigt. Aber es findet unter diesen neuen Bedingungen eine Sündenbock-Verfolgung der zweiten Ordnung statt.

Was meinen Sie damit?

Im Namen der Opfer werden Täter verfolgt, wofür ich in meinem Buch den Begriff des selbster­nannten Retters entwickelt habe.

Und warum kommt eine zivilisierte Gesellschaft wie die unsrige vom Sündenbock-Denken nicht weg?

Das hat mit dem zu tun, was der Anthropologe René Girard herausgearbeitet hat. Er sieht den Sündenbock am Anfang der Kultur. Sündenböcke dienten dazu, Konflikte, Rivalitäten und Gewalt einzudämmen und zu befrieden. Sie haben gesellschaftsstiftende Kraft. Auch heute vereinigt sich die Medienöffentlichkeit über so einem Sündenbock.

Heisst das, der Sündenbock wird nie verschwinden?

Der Sündenbock-Prozess läuft unbewusst ab, deshalb legen die Täter nachher keine Rechenschaft ab. Da wird jemand öffentlich hingerichtet wie der Wettermoderator Jörg Kachelmann, und wenn die Gerichte ihn freisprechen, zucken alle nur mit den Schultern. Und schon naht der nächste Skandal, der die Aufmerksamkeit absorbiert.

Und was geschieht dabei?

René Girard beschreibt sehr schön, wie kollektiver Wahn entsteht. Es geht um gruppendynamische Prozesse, bei denen die Meinung aller plötzlich in eine Richtung kippt. So entsteht Verfolgung. Wer sich ihr entgegenstellt, wird selber verfolgt. Auch heute noch. Deshalb herrscht in der ach so aufgeklärten Medienöffentlichkeit viel Angst, auch unter Journalisten.

Um ein weiteres aktuelles Beispiel herauszugreifen: Wie fällt denn Ihre Analyse der Metoo-Debatte aus?

Sie illustriert die Tatsache, dass Sündenböcke durchaus auch schuldig sein können. Dass es aber immer schwieriger wird, die Grenze zu ziehen zwischen wirklichem Verbrechen und haltloser Beschuldigung, je mehr die Debatte eskaliert. Welche Prozesse sich in solchen Fällen im Netz abspielen, das hat der Medienwissenschafter Bernhard Pörksen in seinem Schlüsselbuch «Die grosse Gereiztheit» beschrieben.

Kirstin Breitenfellner: Wie können wir über Opfer reden?, Passagen-Verlag 2018

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