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Die Tochter und der Krieg

US-Bomberschütze Carl J. Larsen stürzt 1943 in den Zugersee – abgeschossen von den Nazis. Dann internieren ihn die Schweizer im berüchtigten Wauwilermoos. 75 Jahre später reist seine Tochter aus Texas an und taucht ein in die Vergangenheit.
Roland Schäfli
Am Platz ihres Vaters: Sher Green-Larsen in einem komplett rekonstruierten Gefechtsstand einer B-17. (Bild: Urs Bucher)

Am Platz ihres Vaters: Sher Green-Larsen in einem komplett rekonstruierten Gefechtsstand einer B-17. (Bild: Urs Bucher)

Sher Green-Larsen berührt den Patronengurt, mit dem ihr Vater sein Zwillingsmaschinengewehr gefüttert hat. Der Gurt ist verrostet – vom langen Aufenthalt auf dem Grund des Zugersees. Dort war im Zweiten Weltkrieg die «Fliegende Festung» gesunken, die B-17 ihres Vaters. Sher Larsen musste den weiten Weg aus Texas ins Rheintal machen, um die Wrackteile berühren zu können. In Widnau findet sie den Link zum Vater. Eine emotionale Begegnung mit der Vergangenheit. Hinter einer mannshohen Holzkiste – von der US-Army in Schablonenschrift angeschrieben: «Nur für Dienstgebrauch» – trocknet die Tochter ihre Tränen. Gleich darauf ruft sie freudig aus: «This is my dad!», als sie den Vater auf einem Foto entdeckt. Ein Gruppenbild flotter junger Kerle, die aussehen, als wollten sie es allein mit Görings Luftwaffe aufnehmen. Erneut betroffen sagt die 71-Jährige: «And this one was killed», als sie auf dem Bild einen der Gefallenen erkennt. Dieses Wechselbad der Gefühle machen private Rheintaler Sammler möglich. Die Geschichte des Vaters wird endlich greifbar. Eine Geschichte, die in den Morgenstunden des 16. März 1943 ­beginnt.

Angriffsziel der US-Air-Force: das Messerschmitt-Flugzeugwerk bei Augsburg. Vorne in der kaum befestigten Nase der «Lonesome Polecat»: der blutjunge Carl J. Larsen, Bomberschütze. Über Stuttgart greifen die «Banditen» an: deutsche Luftwaffe. Das «einsame Wiesel» verliert den Luftkampf, sinkt der Erde entgegen.

Die B-17 der US-Air-Force nach der Bergung aus dem Zugersee (noch ohne Cockpit). (Bild: warbird.ch)

Die B-17 der US-Air-Force nach der Bergung aus dem Zugersee (noch ohne Cockpit). (Bild: warbird.ch)

Über Baar der letzte Befehl des Piloten: Abspringen!

Larsen liegt verwundet im Rumpf. Der Heimatflughafen in England ist unerreichbar. Schweizer Abfangjäger sind aufgestiegen. Die rauchende B-17 soll nach Dübendorf gelotst werden, verliert aber schon dramatisch an Höhe. Über Baar gibt der Pilot den letzten Befehl: Abspringen! Die Kameraden trudeln an Fallschirmen auf Schweizer Boden herab. Ein besonders dienstfertiger Schweizer feuert vom Restaurant Gotthard aus mit dem Karabiner auf die Wehrlosen – er hält sie für deutsche Fallschirmjäger. Der Schirm des Navigators öffnet sich nicht, er stürzt zu Tode. Der Pilot steigt nicht aus. Statt die Maschine über bewohntem Gebiet abstürzen zu lassen, steuert er sie zurück über den Zugersee, riskiert die Landung auf Wasser. Das Flugzeug mit der Bezeichnung B-17 G 30-DL sinkt 45 Meter auf Grund. Dort wird es acht Jahre bleiben.

«Erst mit 80 Jahren sprach er über seine Erfahrungen im Krieg.»
Sher Green-Larsen über ihren Vater Carl J. Larsen

Einer der vier Propeller, welche die unglückliche Crew noch in die Schweiz trugen – von der Notwasserung grotesk verbogen – ist auf einer profanen Holzpalette festgeschnallt, in einem Privatmuseum im st.-gallischen Widnau. Für Sher Larsen ist es, als könne sie durch die Bestandteile des Bombers ein Stück Vergangenheit ihres Vaters zusammensetzen. Eine Vergangenheit, über die der alte Larson nie sprach – er musste 80 Jahre alt werden, bis er sich Details entlocken liess. Wie viele Männer seiner Generation sprach er ungern über die Kriegserfahrung. Verdrängte viel. Helden fühlten sich nicht als Helden. Wollten nicht gefeiert werden.

Diese Schwestern haben den jungen Carl J. Larsen nach seiner Schussverletzung gesundgepflegt.

Diese Schwestern haben den jungen Carl J. Larsen nach seiner Schussverletzung gesundgepflegt.

Fluchtversuch bringt Larsen vors Militärgericht

Auch seine Tochter zieht es in die Lüfte. Sie wird Stewardess einer amerikanischen Fluglinie. Es ist schliesslich eine Zusammenkunft von Veteranen, die Sher mit den Schweizer Sammlern in Kontakt bringt (obwohl Larsen selbst der Reunion fernblieb). 15 Jahre ist der Bombardier der 8th Air Force, 385. Bombergruppe, 550. Schwadron, nun schon tot. Doch jener dunkle Fleck in seiner Lebensgeschichte lässt der Tochter keine Ruhe. Warum sprach Vater nie über seine Gefangenschaft in der Schweiz?

Als Sergeant wird Larsen in Adelboden interniert, unter leichter Bewachung in einem Hotel (es wird das «Nevada» gewesen sein, mutmassen die Historiker). Doch der junge Texaner ist nicht zu halten. Hyperaktiv sei er stets gewesen, erinnert Sher sich, «Ants in his Pants» hatte er: Ameisen in der Hose. Er musste einfach fliehen! Ob sich das so «einfach» bewerkstelligen liess, konnte er ihr leider nicht mehr anvertrauen. Über Details seiner Flucht schwieg er sich aus. Die Namen der Fluchthelfer: die vertraute er nicht einmal der Tochter an.

Interniert unter leichter Bewachung in einem Hotel in Adelboden: das ist Carl J. Larsen (2. von rechts) noch gut gelaunt. (Bild: Sher Green-Larsen)

Interniert unter leichter Bewachung in einem Hotel in Adelboden: das ist Carl J. Larsen (2. von rechts) noch gut gelaunt. (Bild: Sher Green-Larsen)

Eine geheime Fluchtorganisation reicht Larsen von Etappe zu Etappe weiter. Im Zug soll er den nächsten Kontaktmann erreichen, in Bern. Doch dort kommt Larsen nie an. Er wird verraten. Der Fluchtversuch bringt ihn vors Schweizer Militärgericht – und in ein richtiges Gefängnis. Das berüchtigte Wauwilermoos. Hier sperrt die Schweiz Internierte mit verurteilten Schwerverbrechern zusammen. Der Gefängniskommandant, ein Nazi-Sympathisant, wird für die Misshandlungen nach Kriegsende zur Verantwortung gezogen. Larsen flieht erneut – und scheitert. Endlich gelingt die Flucht. Bei Genf rettet er sich – dieses Mal vor den Schweizern – zu den freien Franzosen. Die Résistance bringt ihn noch im selben Jahr bis England. Er fliegt nicht noch einmal zum Kriegsschauplatz Europa. Zu riskant, dass jemand in die Feindeshand fallen könnte, der die anonymen Fluchthelfer kennt. Den Rest der Dienstzeit bleibt er in den Staaten. Und wie alle jungen Männer versucht er, in ein normales Leben zurückzufinden. Die Kinder kommen. Und erst viel später diese Fragen.

Augenzeugen erzählen am Ufer des Zugersees

Seine Verwundung durch die deutsche Kugel wurde im Spital von Baar gesund gepflegt. Über geistige Wunden redete man nicht. Erst zwei Jahre vor seinem Tod sprach er sich aus. Über die schlimme Zeit im Schweizer Gefängnis, wo nachts die Ratten über die Gefangenen sprangen. Zum ersten Mal erwähnte er, dass der Informant, der ihn ausgeliefert hatte, darauf liquidiert wurde – Larsen fühlte wohl, dass er dessen Tod mit auf dem Gewissen hatte. 2005 verstarb der Texaner. Die Erinnerungsstücke, die Tochter Sher in einem Koffer fand, will sie für die eigenen Kinder lückenlos zusammensetzen.

«Mein Vater trug zeitlebens einen Kompass auf sich.»
Sher Green-Larsen Tochter des Bomberschützen Carl J. Larsen

Carl J. Larsen wird mit dem Purple Heart ausgezeichnet. (Bild: warbird.ch)

Carl J. Larsen wird mit dem Purple Heart ausgezeichnet. (Bild: warbird.ch)

Am Ufer des Zugersees lässt Larsens Tochter sich von Augenzeugen die Notlandung beschreiben. Manche Zuger – heute selbst ältere Menschen – erinnern sich lebhaft, wie die «Amis» ihnen aus dem Fenster des Spitals Kaugummi zuwarfen. Adelboden ist eine weitere Recherche-Station. Gemeinden entlang der Route öffnen ihr die Archive. Gemeinderäte berufen Sitzungen mit Augenzeugen ein. Abschliessend steht Widnau auf dem Programm. Das Flugzeug ihres Vaters war nach der Bergung in Wanderausstellungen in der Schweiz zu sehen. Ein Ostschweizer, der im St. Galler Quartier «Bild» einen Freizeitpark plante, kaufte die «Polecat». Am 8. Juni 1966 reiste sie auf zwei Tiefladern nach St. Gallen. Doch bald darauf stürzte sie ein letztes Mal ab – heftige Sturmwinde beschädigten den US-Bomber. Und die Stadt lehnte das Baugesuch für den Freizeitpark ab. Heute mag es schwer verständlich sein, dass das Flugzeug 1972 verschrottet wurde. So gelangten Einzelteile in Sammlerhände. Das Blechstück mit der Aufschrift «Polecat», in typischer Pin-up-Manier, rettete ein Sammler aus Belgien für die Nachwelt. Bis nach Holland reicht die lange Spur der B-17. Und bis nach Widnau. Wo Werner Schmitter und Dani Egger unter der Bezeichnung «Warbird» (www.warbird.ch) alle erhältlichen Informationen über Flugzeugabstürze aus der Kriegszeit und zahlreiche Artefakte zusammengetragen haben. Hier das Wrackteil eines Fliegers, der bei Steckborn ins Wasser stürzte, da ein zerbeulter Flügel, geborgen am Fuss eines Berges bei Klosters, an dem Amerikaner beim Irrflug zerschellten.

«Stolz auf das Oakleaf, das Eichenblatt»

Das Maschinengewehr, das am Seitenfenster des Navigators angebracht war, ist zu schwer für Tochter Sher. Gemessen an der wenigen Munition – sieben Meter Patronengurte wurden vom Grund des Sees geborgen – dürften Larsen und seine Kameraden im Luftkampf heftige Gegenwehr geleistet haben. Eine Schaufensterpuppe trägt die Uniform eines Fliegers, der im Rheintal notlan­dete. Larsen selbst musste seine Uniform zurücklassen – die Flucht machte nur in Zivilkleidung Sinn. An einer amerikanischen Ausgangsuniform fällt Sher eine Auszeichnung auf, das Oakleaf, ein Eichenblatt. Ihr Vater hatte nur selten aus dem Krieg nach Hause geschrieben, aber diese Auszeichnung damals nicht ohne Stolz erwähnt.

Noch ein Detail: Die Figur des Bombardiers, der in Widnau stellvertretend für ihren Vater in seinem Gefechtsstand steht, trägt einen Notkompass. «Interesting», murmelt die Texanerin gedankenverloren. Ihr Vater trug zeitlebens einen Kompass auf sich. Sie kann den Mann, der nie über den Krieg sprach, nun schon besser verstehen. Kann sie nun beruhigt in ihr Flugzeug nach Hause steigen? Die Vergangenheit in der Schweiz ruhen lassen? Die Rheintaler geben ihr ein Sammelalbum mit Fotos des jungen Carl J. Larsen mit. Sie wird sie sich im Flugzeug über dem Atlantik ­ansehen.

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