Kolumne

«Auf ein Wort»: Das englische «to harvest» ist mit dem lateinischen «carpere» verwandt und bedeutet ...

Die Mundartkolumne von Niklaus Bigler diesmal zu einem Wort, das die Sprachvielfalt der deutschsprachigen Schweiz wunderbar aufzeigt.

Niklaus Bigler
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Unser Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Unser Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Bild: CH Media

Kartoffeln werden uufglääse, Äpfel abglääse und Trauben einfach glääse. So halten es viele Mundarten der westlichen deutschen Schweiz. In der östlichen Schweiz jedoch günnt man das Obst; günne ist die schweizerdeutsche Form von gewinnen. Auch weiter westlich, wo man die Äpfel ablist, ist häufig günne oder gwünne für das Pflücken von Kirschen oder Beeren üblich.

Aber momentan geht es um die Trauben, und da kommen weitere Verben ins Spiel. In der Westhälfte dominiert wie gesagt lääse, und zwar vom Berner Oberland bis zur Aaremündung.

Herbschte sagt man im Norden, vor allem im Baselbiet und im Fricktal, aber auch im Klettgau. Sprachlich sind wir mit diesem Wort gar nicht so weit weg von «lesen»: Der Herbst, Althochdeutsch herbist, ist wie Englisch harvest mit Lateinisch carpere (pflücken) verwandt.

Das dritte Wort kennzeichnet das Deutschwallis und die östliche Schweiz vom Rhein und Bodensee bis in die Bündner Alpentäler: wimde, wimme, wimmle, wümme. Es entspricht Italienisch vendemmiare und Französisch vendanger; sie alle gehen zurück auf Lateinisch vindemia (von vinum, Wein, und demere, abnehmen).

Ein sprachlicher Gegensatz zwischen Ost und West besteht übrigens auch beim Wort für die Traube: Truube sagt man traditionell im Osten (Zürich und Ostschweiz), Trübel, Trüübel, Trüübu im Westen (bis und mit Aargau).

Aus Althochdeutsch thrubo, drubo (Traube) ist im deutschen Südwesten eine Ableitung mit Umlaut entstanden. Und e junge Trüübel ist unreif, eignet sich aber einewääg niid (ohnehin nicht) für die Weinproduktion.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).

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