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Auf zu den Bären in Alaska: Unterwegs durch unberührte Landschaften mit der Eisenbahn

Durch Alaska fährt eine spektakuläre Eisenbahn. Stundenlang tuckert die Alaska Railroad durch unberührte Landschaften. Mit etwas Glück lassen sich an einem der Stopps Bären, Elche und Rentiere beobachten.
Dagmar Krappe
Über 750 Kilometer schlängelt sich der Zug durch Alaskas spektakuläre Landschaft. Bild: mauritius images, Axel Baumann

Über 750 Kilometer schlängelt sich der Zug durch Alaskas spektakuläre Landschaft. Bild: mauritius images, Axel Baumann

In Anchorage beginnt die Wildnis mitten in der Stadt. Am Ufer des schlammigen Flusses Ship Creek stehen Einheimische und Touristen in langen Gummistiefeln oder Wathosen. Alle hoffen auf den grossen Fang an ihrer Fischerrute. Meist müssen sie nicht lange warten. Das Gewässer ist voll von Lachsen und Forellen. «Zehn Pfund bringen sie mindestens auf die Waage, richtig dicke Brummer bis zu dreissig», sagt Dustin Slinker. Er ist ein Meister des Filetierens.

Als Fallschirmspringer bei der Armee sprang er auch über Alaska ab und verliebte sich in den flächenmässig grössten US-Bundesstaat. Seit sieben Jahren betreibt er seinen Shop «The Bait Shack», direkt am Ship Creek. Dort verkauft er Angelscheine, verleiht Ruten sowie Gummistiefel und portioniert den frischen Fang auch gleich für seine Kunden.

Entlang dem Fluss Ship Creek warten Fischer auf den grossen Fang. Bild: mauritius images, Axel Baumann

Entlang dem Fluss Ship Creek warten Fischer auf den grossen Fang. Bild: mauritius images, Axel Baumann

Nur ein paar Schritte vom Ufer entfernt leuchtet das weisse Bahnhofgebäude der Alaska Railroad. 1904 erfolgte der erste Spatenstich für die normalspurige Linie. Damals setzte der Goldrausch in der Region um Fairbanks ein, und Kohle wartete auf den Abtransport. Seward, im Süden des Bundesstaates, war der ideale Ort, um die Güter per Dampfschiff weiterzubefördern. Am Ship Creek entstand ein Camp für Ingenieure und Bauarbeiter. 1915 erhielt die Zeltstadt den Namen Anchorage; heute ist sie mit über 300 000 Einwohnern die grösste Stadt Alaskas.

Erdrutsche, Lawinen und Steinschlag waren die grössten Hindernisse beim Bau des Bahntrassees vom Tiefseehafen Seward durchs Hinterland bis Fairbanks. Im Juli 1923 konnte die 750 Kilometer lange Eisenbahn-Route jedoch eröffnet werden. Der betriebsamste Bahnhof ist Anchorage nicht. Von Mai bis September starten täglich nur drei Züge. Zwei Richtung Süden, einer Richtung Norden. Sie werden von mächtigen blau-gelb lackierten Stahlkolossen gezogen. Schon früh am Morgen zuckelt der Coastal Classic Train in vier Stunden bis in die kleine Hafenstadt Seward. Die Strecke führt ein ganzes Stück den Seward Highway entlang, der die schneebedeckten Bergspitzen der Chugach Mountains von der Küste trennt.

Zu Besuch bei einem Schweizer Hundeschlittenführer

Einen kurzen Zwischenstopp gibt es im ehemaligen Goldminenstädtchen Girdwood. Längst lebt der Ort aber vom weissen Gold. Er entwickelte sich zu Alaskas Hauptwintersportresort. Die Stadt Seward hingegen verdankt ihren Namen einem amerikanischen Aussenminister. «Die ers- ten Siedler der Gemeinde waren Russen, denn bis 1867 gehörte Alaska zum Zarenreich.

Im 18. Jahrhundert entdeckten russische Pelztierjäger das Gebiet», erzählt Zugführer Vern Gilles und fährt fort: «Das weit entfernte Territorium war für Russland aber immer schwieriger zu halten. Zudem musste die Staatskasse nach dem verlorenen Krimkrieg aufgefüllt werden.» Deshalb einigten sich Zar Alexander II. und US-Aussenminister William Seward darauf, dass Russland den «Eisblock» Alaska für 7,2 Millionen Dollar den USA überliess.

Zugführer George Huling ist im «Denali Star Train» für die Sicherheit zuständig. Bild: mauritius images

Zugführer George Huling ist im «Denali Star Train» für die Sicherheit zuständig. Bild: mauritius images

Die Bahn Denali Star Train befährt die längste Route in Alaska und verlässt Anchorage Richtung Norden. Lokführer Charles Jones startet die schwere Diesellok. Seit 30 Jahren ist der Mann aus Chicago für die Alaska Railroad auf den Schienen unterwegs. Mit maximal 50 Kilometern pro Stunde rattert der Denali Star den Fluss Eklutna entlang. «Er ist der Abfluss des türkisfarbenen gleichnamigen Sees», sagt Zugführer George Huling: «Der See liefert Trinkwasser und ist ein tolles Revier für Kanuten.»

Die Region um Matanuska, einst vom Kohleabbau geprägt, ist heute Weideland und der Gemüsegarten Alaskas. «Besonders beliebt bei Elchen sind Broccoli, Erbsen und Rüben, weshalb alle Felder mit hohen Zäunen umgeben sind», erklärt George. Einige Meilen von Wassila, dem nächsten Haltepunkt, entfernt, lebt der Schweizer Martin Buser. Vor über 60 Jahren wurde er in Winterthur geboren. Als junger Mann wanderte er nach Alaska aus. Er wurde Schlittenhundesportler und begann Huskys zu züchten.

1980 bestritt er sein erstes Iditarod-Rennen, das seit 1973 jedes Jahr zwischen Anchorage und der ehemaligen Goldgräberstadt Nome stattfindet. Mit zirka 1800 Kilometern ist es das längste Schlittenhunderennen der Welt. «Es soll an die Hundeschlittenstaffeln erinnern, die einst auf dem Iditarod-Pfad Waren und Post transportierten», sagt Buser.

Vorbei am höchsten Gipfel Nordamerikas

Auch des «Rennens auf Leben und Tod», des «Serum Run to Nome» von 1925, wird mit einem Lauf gedacht. Damals brach in der Goldgräberstadt Nome Diphtherie aus. Um eine Epidemie zu verhindern, wurde Impfstoff benötigt.

Die Alaska Railroad brachte das lebensrettende Serum bis Nenana. Ab dort beförderten es zwanzig Schlittenhundeführer mit ihren Tieren in fünfeinhalb Tagen weiter durch eisige Landschaft und unwegsames Gelände und retteten damit Hunderten Menschen das Leben.

Über 100 Kilometer schlängelt sich der Susitna, der sandige Fluss, entlang der Bahnlinie des Denali Star Train. Wenn das Wetter mitspielt, sind die Gipfel des Mount McKinley oder des Denali über den Wipfeln der grünen Mischwälder zu erkennen. Doch «der Hohe» (6190 Meter), was Denali auf Athapaskisch bedeutet, hüllt sich an diesem Tag in eine weissgraue Nebeldecke. Er ist der höchste Berg Nordamerikas.

Der blaugelbe Zug tuckert weiter – inzwischen den Fluss Chulitna entlang. Durch Schlamm und Granulat, das die Gletscher ins Wasser spülen, haben sich in dessen Mitte Sandbänke gebildet, auf denen niedrige, moosgrüne Büsche im Wind wippen. Plötzlich drosselt Lokführer Charles die Geschwindigkeit. Der Denali Star überquert die längste und höchste Stahlbrücke des Trassees, die Hurricane Gulch Bridge. 90 Meter tiefer plätschert der Fluss wie ein Rinnsal zwischen den schroffen Felswänden.

Blick aus dem Zugfenster in die Hurricane-Schlucht. Bild: mauritius images, Axel Baumann

Blick aus dem Zugfenster in die Hurricane-Schlucht. Bild: mauritius images, Axel Baumann

Die meisten Fahrgäste steigen am Bahnhof des Denali-Nationalparks aus. Vor etwas mehr als hundert Jahren wurde der Park eröffnet. Mit dem Bau der Zugstrecke kamen die Besucher, um lichte Wälder, schneebedeckte Gipfel, Bären, Elche, Rentiere und andere wilde Tiere zu sehen.

Im Denali-Nationalpark lassen sich Elche mit ihren Jungtieren beobachten. Bild: mauritius images, Axel Baumann

Im Denali-Nationalpark lassen sich Elche mit ihren Jungtieren beobachten. Bild: mauritius images, Axel Baumann

Wer ausreichend Zeit hat, bleibt einige Tage. Ansonsten besteigt man bereits am nächsten Mittag den Denali Star, der aus Fairbanks heranrauscht.

Unter Gehupe trifft man nach der achtstündigen Fahrt wieder in Anchorage ein. Es schallt hinüber zum Ship Creek. Dort wird immer noch gefischt. Zwei Angler schleppen ihre prächtigen Lachse zu Dustin Slinkers Holzhütte. Er schärft kurz das Messer und macht sich ans Filetieren.

Dustin Slinker verkauft Fischerruten und filetiert den Fang seiner Kunden. Bild: mauritius images, Axel Baumann

Dustin Slinker verkauft Fischerruten und filetiert den Fang seiner Kunden. Bild: mauritius images, Axel Baumann

Gut zu wissen

Anreise
Von der Schweiz aus gibt es keinen Direktflug nach Alaska. Condor fliegt ab Frankfurt (D) nach Anchorage.

Beste Reisezeit
Die Züge verkehren von Mai bis Mitte September.

Zugreise
Die Fahrt im «Coastal Classic Train» (ab Anchorage nach Seward) dauert vier Stunden. Einen Platz gibt es, je nach Saison und Klasse, ab 150 Franken (einfache Fahrt). Die Reise im «Denali Star Train» (ab Anchorage nach Fairbanks) dauert zwölf Stunden und kostet 191 Franken (einfache Fahrt). Auf allen Alaska-Railroad-Strecken lassen sich mit dem «Goldstar Service» ein Platz auf einer offenen Aussichtsplattform, Frühstück oder Abendessen und weitere Leistungen buchen. Ausfühlich informiert die Alaska-Railroad-Website: www.alaskarailroad.com

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