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AUSGESTORBEN: Modeschöpfer kaufen Geisterdörfer

In Italien finden sich weltweit am meisten verlassene Dörfer. Gegen 6000 sollen es sein. Ein junger Geologe spürt sie auf.
Senerchia ist eines von mehreren tausend verlassenen Dörfchen in Italien. (Bild: PD)

Senerchia ist eines von mehreren tausend verlassenen Dörfchen in Italien. (Bild: PD)

Sie heissen Apice, Aramola oder Senerchia: Weit verstreut über den Stiefel haben sie einen gemeinsamen Nenner – es sind Geisterstädte. Orte mit Geschichte und Kultur, wo oft alles noch vorhanden ist und nur die Einwohner fehlen. Die Gründe für deren Verwaisung sind facettenreich: Einerseits sind klimatische Ereignisse wie Erdbeben, Erdrutsche oder Überschwemmungen dafür verantwortlich, andererseits liessen Epidemien die Dörfer aussterben, und wirtschaftliche Gründe zwangen die Einwohner zur Abwanderung. Vielfach liessen sich die Bevölkerungen ganzer Dörfer in Grossstädten nieder und kehren heute nur noch ferienhalber in ihr Ursprungsdorf zurück. Wie etwa in Bibola in der Lunigiana, zwischen Parma und La Spezia: Dort schwillt die Einwohnerzahl während des Sommers auf 100 Seelen, wo normalerweise nur noch 20 leben. Und interessanterweise haben sich die meisten der ehemaligen Einwohner in Genua eine neue Existenz aufgebaut.

Gläser auf der verlassenen Bartheke

Ein junger neapolitanischer Geologe hat sich der Geisterdörfer angenommen, sie akribisch geortet, auf seiner Webseite www.paesifantasma.it nach Regionen geordnet und mit Bildern präsentiert. Rund hundert hat Fabio Di Bitonto mit Hilfe von Google Earth bereist, weitere 1500 hat er auf Karten lokalisier t. Und er recherchiert weiter. Seine Leidenschaft für die Geisterdörfer ist eher zufällig entfacht: «Als das Thema Erdrutsche in Kalabrien an der Uni durchgenommen wurde, begleitete man uns in ein verlassenes Dorf», erinnert er sich. Dieses Erlebnis weckte sein Interesse: Er begann, weitere Dörfer ausfindig zu machen, sie zu besuchen und zu fotografieren, und er sprach mit Leuten vor Ort. Stets auf der Suche nach Zeugnissen aus der Vergangenheit, aus jener Zeit, als zwischen dem alten Gemäuer noch das Leben pulsierte. Oft sind die Geschäfte noch beschriftet, und manchmal stehen sogar noch die Gläser auf der Bartheke. Als hätten die Gäste das Lokal erst vor wenigen Minuten verlassen.

Diese Dörfer dienen als Sujet für Fotografen oder als Drehort für Filme wie etwa den Kriegsfilm «La grande guerra» aus dem Jahr 1959 («Man nannte es den grossen Krieg») von Mario Monicelli, der in San Pietro Infelice bei Caserta in Süditalien gedreht wurde.

Bei seinen Entdeckungstouren weiss Fabio Di Bitonto nie, was er antrifft: «Manchmal ist alles verändert und so wiederaufgebaut, dass es nicht der ursprünglichen Architektur entspricht. Das finde ich schade.» Oft seien aus verlassenen Dörfern in nächster Nähe neue entstanden, teils sogar mit demselben Namen. Er trete dann in die Dorfbar und beginne mit älteren Leuten über die verlassenen Dörfer zu sprechen. «Dabei will ich die Dörfer nicht unbedingt zu neuem Leben erwecken, sondern sie vor der Vergessenheit bewahren», sagt der Archivar der Geisterdörfer. «Ihre Geschichte und Kultur sind wichtig.» Viele Geisterstädte seien im Besitz der Gemeinde oder der Erben der mittlerweile verstorbenen Besitzer. Andere stehen zum Verkauf. Einige werden wiederbesiedelt, was den Geologen nachdenklich stimmt: «Es ist wichtig, herauszufinden, warum sie einst verlassen wurden.» Denn bei Gefahr von Erdrutsch oder Überschwemmung sei eine Wiederbelebung nicht unbedingt empfehlenswert.

Morbider Charme fasziniert Investoren und Touristen

Die Geisterstädte haben einen speziellen, morbiden Charme. Manche üben eine starke Anziehungskraft auf Investoren und Touristen aus. Gut betuchte Unternehmer erwerben teils ganze Dörfer und lassen daraus teilweise luxuriöse Hotelanlagen entstehen. Wie das Borgo San Felice im Chianti-Gebiet zwischen Florenz und Siena: In Häusern, die früher einmal einen Dorfkern bildeten, wohnen heute Gäste Tür an Tür mit Einheimischen. San Giustino Valdarno ist ein mittelalterlicher Weiler nördlich von Arezzo, dessen Spuren bis ins Jahr 1040 zurückreichen und dessen Gebäude der Modemacher Salvatore Ferragamo im Jahr 1993 erwarb. «Il Borro» wird heute von seinem Neffen geleitet. Überhaupt scheinen die verlassenen Dörfer das Interesse der Modemacher geweckt zu haben: Alberta Ferretti hat unweit ihrer Heimatstadt Cattolica an der Adriaküste ein mittelalterliches Bergdorf aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Montegridolfo thront auf einem Hügel zwischen der Region Emilia Romagna, der Republik San Marino und der Universitätsstadt Urbino. Als Einheimische habe sie es als ihre Pflicht erachtet, dem Dorf neues Leben einzuhauchen, sagte sie gegenüber dem Magazin «Welt». Heute leben in Montegridolfo zwei Dutzend Einwohner, es gibt ein kleines Postbüro, ein Rathaus, eine Kirche und ein Vier-Sterne-Hotel.

Als «Sammler» von verlassenen Dörfern kann der schwedisch-italienische Unternehmer Daniele Kihlgren bezeichnet werden: Auf einer Motorradtour stiess er 1999 zufällig auf Santo Stefano di Sessanio bei L’Aquila, einem Dorf aus dem 16. Jahrhundert mit alten Kalksteinhäusern und vielen Ruinen. Er handelte mit den lokalen Behörden aus, dass sie keine Neubauten in die Wege leiten würden, er dafür eine grosse Summe in die Renovierung der Häuser steckte. Fünf Jahre später eröffnete «Sextantio Albergo Diffuso», ein Hotel, das sich auf mehrere Häuser in verwinkelten Gassen erstreckt. Die Gäste wohnen Tür an Tür mit den wenigen Einheimischen, die sich gegen die Abwanderung gewehrt hatten. Kihlgrens zweite Investition erfolgte 2009: Damals eröffnete er die Höhlensiedlung «Sextantio Le Grotte della Civita» in Matera in der Basilikata mit 18 in Tuffstein geschlagenen Höhlenzimmern. Apropos Ferien: Auf der Online-Plattform Amavido bieten Einheimische verwunschene Zimmer an, die von der Landflucht bedroht sind. Und der Reiseveranstalter TUI kaufte in der Toskana den 800 Jahre alten verfallenen Weiler Castelfalfi und liess diesen luxuriös renovieren.

Sarah Coppola-Weber

Das Bett steht in der Grotte: Höhlenzimmer aus Tuffstein in Matera. (Bild: PD)

Das Bett steht in der Grotte: Höhlenzimmer aus Tuffstein in Matera. (Bild: PD)

Fabio Di Bitonto, Geograf der Geisterstädte: «Ich will die Dörfer nicht unbedingt zu neuem Leben erwecken, sondern sie vor der Vergessenheit bewahren.»

Fabio Di Bitonto, Geograf der Geisterstädte: «Ich will die Dörfer nicht unbedingt zu neuem Leben erwecken, sondern sie vor der Vergessenheit bewahren.»

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