AUTOINDUSTRIE: Jubel bei Tesla trotz roter Zahlen

Tesla schreibt weiter tiefrote Zahlen, hat das Vertrauen der Börsianer aber zurückgewonnen. Nun wartet auf den amerikanischen Hersteller von Elektroautos die grosse Bewährungsprobe.

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Teslas neuestes Fahrzeug: die Limousine Model 3. (Bild: Justin Pritchard/AP (Hawthorne, 31. März 2016))

Teslas neuestes Fahrzeug: die Limousine Model 3. (Bild: Justin Pritchard/AP (Hawthorne, 31. März 2016))

Renzo Ruf, Washington

Eigentlich seltsam: Als der Elektroautobauer Tesla zu Wochenbeginn nach der offiziellen Lancierung der neuen Limousine Model 3 mit Lob überschüttet wurde, sackte der Kurs der Tesla-Aktie an der Technologiebörse Nasdaq ab. Dann präsentierte Konzernchef Elon Musk am späten Mittwoch Quartalszahlen, die jedem anderen amerikanischen Autobauer das Genick brechen würden – und die Börsianer stiessen einen Jubelschrei aus. Der Börsenwert der bereits arg überbewerteten Firma (Quartalsumsatz: 2,8 Milliarden Dollar) stieg gestern im frühen Handel um 3,7 Milliarden Dollar auf 57,2 Milliarden Dollar.

Für diese paradoxe Entwicklung gibt es, jedenfalls in den Augen der Analysten, zwei Gründe: Erstens sehe das Quartalsergebnis – ein Nettoverlust von 401 Millionen Dollar, 108 Millionen Dollar mehr als im Vergleichsquartal 2016 – nur auf den ersten Blick schlecht aus, sagten die Börsianer. Denn zum einen wuchsen die Barreserven des Autobauers auf 3 Milliarden Dollar an, weil es Musk (endlich) gelang, die Ausgaben im zweiten Quartal 2017 unter Kontrolle zu bringen. Damit konnte der umtriebige Konzernchef die Bedenken von Branchenbeobachtern ein wenig zerstreuen, dass Tesla plötzlich das Geld ausgeht, während das Unternehmen aggressiv in die Produktion des neuen Fahrzeugtyps investiert. Musk versicherte deshalb am Mittwoch, dass eine Kapitalaufstockung «zum jetzigen Zeitpunkt» nicht in Betracht gezogen werde. «Wir denken an unsere Schulden, aber wir denken nicht an eine Kapitalaufstockung.»

Wichtiger aber noch ist die Tatsache, dass die Verkaufszahlen für die älteren Tesla-Modelle in den vergangenen drei Monaten nicht eingebrochen sind – trotz des Rummels um das billigere Model 3. Im Juli, teilte Musk mit, seien die Bestellungen für die Luxuslimousine Model S und den Pseudogeländewagen Model X um 15 Prozent angewachsen. Auch habe Tesla von der Gratiswerbung im Umfeld der Lancierung des Model 3 profitiert. Obwohl Tesla keinen Dollar in die Vermarktung gesteckt habe, seien die Bestellungen für den neuen Fahrzeugtyp, der in seiner Standardversion um die 35000 Dollar kosten soll und erst 2018 ausgeliefert wird, förmlich explodiert. Gegen 1800 Bestellungen seien jeden Tag eingegangen, sagte Musk während eines Gesprächs mit Investoren, notabene für ein Auto, das man derzeit noch nicht testfahren kann. Zudem müssen Besteller einen Vorschuss von 1000 Dollar leisten. Dieser wird zurückerstattet, wenn der Interessent von seiner Vorbestellung zurücktritt. Bestellt er das Auto, wird dieser Betrag von 1000 Dollar dem Kaufpreis angerechnet. 

Musk erwartet keine negativen Überraschungen

Musk versucht derweil, allzu hohe Erwartungen in seine Firma, die mittlerweile gegen 33000 Menschen beschäftigt, etwas zu dämpfen. Im Investorengespräch warnte er erneut, dass die kom­menden sechs Monate für Tesla eine Bewährungsprobe darstellen würden. Er habe bereits bei der Lancierung des Model 3 von einer «Produktionshölle» und einer «Zulieferkette-Hölle» gesprochen, «und ich meine das auch wirklich so». Denn für das neue Tesla-Modell seien netto 455000 Bestellungen eingegangen, die nun ausgeführt werden müssten, sagte Musk. Der Konzern rechnet damit, dass bis Ende Jahr wöchentlich rund 5000 Exemplare des Model 3 hergestellt und ausgeliefert werden. Das ist eine stolze Zahl für einen Nischen­anbieter. Zum Vergleich: Vom meistverkauften Auto in den USA – dem Pick-up F des Herstellers Ford – werden pro Woche rund 19000 Exemplare abgesetzt oder insgesamt 499000 in den ersten sechs Monaten des Jahres 2017. Tesla wiederum verkauft bisher pro Woche insgesamt rund 1800 Fahrzeuge des Model S und des Model X oder verkaufte 47000 Autos von Januar bis Juni 2017.

Elon Musk versicherte den Analysten aber, dass er während der Expansion nicht mit negativen Überraschungen rechne. Es gebe «null Gründe», entsprechende Befürchtungen zu hegen. «Ich war vielleicht noch nie so zufrieden mit Tesla», sagte der Börsenstar, der auch an der Spitze eines Raumfahrt- (SpaceX) und eines Tunnelbauunternehmens (The Boring Company) steht.