Neue Studie zeigt: Jede vierte Frau in der Schweiz fühlt sich im Gebärsaal ausgeliefert

Tausende Frauen fühlen sich einseitig informiert, unter Druck gesetzt oder eingeschüchtert. Experten fordern mehr Aufklärung.

Anna Miller
Drucken
Teilen
Jede vierte Frau fühlt sich bei der Geburt unter Druck gesetzt.

Jede vierte Frau fühlt sich bei der Geburt unter Druck gesetzt.

Bild: Getty

Es ist einer der verletzlichsten Momente eines Lebens, für die Mutter und für das Kind: die Geburt. Alles hängt von diesen Stunden ab, man liegt da, nackt und bloss, unter Schmerzen, und hofft, dass man in guten Händen ist. In Händen, die einen verstehen, nachfragen, helfen. Und vor allem: Die Machtposition nicht ausnutzen. Und einen nicht fremdbestimmen.

Doch die Realität, das zeigt nun eine neue Studie der Berner Fachhochschule Gesundheit, sieht in der Schweiz offenbar ganz anders aus: Jede vierte Frau ist hierzulande bei der Geburt indirektem Zwang ausgesetzt, wie das Expertenteam gestern publik machte. Konkret heisst das: Die Gebärenden fühlten sich einseitig informiert, unter Druck gesetzt, eingeschüchtert oder waren mit einer Behandlungsentscheidung nicht einverstanden. Zehn Prozent der Frauen berichteten gar, dass sich Fachpersonen ihnen gegenüber beleidigend oder abwertend äusserten.

Über 6000 Frauen wurden dafür nach ihrem Geburtserlebnis gefragt. Wurden Wünsche und Annahmen vor der Geburt mit der erlebten Realität der Entbindung verglichen. Fast die Hälfte aller Frauen gab an, dass sie zu wenig Zeit zum Überlegen hatten, wenn es darum ging, eine Behandlungsoption zu wählen, 41 Prozent gaben an, zu wenig Informationen über eine Intervention erhalten zu haben, und 16 Prozent stimmten einer Intervention unter Druck zu. Bei jeder zehnten Frau wurde eine Intervention durchgeführt, obwohl sie sich klar wehrte. Fast zehn Prozent gaben ausserdem an, sich manipuliert zu fühlen.

Frauen, die unter der Geburt informellen Zwang erlebten, zeigten sich mit der Geburt an sich insgesamt weniger zufrieden – und haben womöglich ein höheres Risiko, eine postnatale Depression zu entwickeln, folgern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter der Leitung von Stephan Oelhafen weiter.

Eine Geburt ist eine komplexe Sache, sie ist sehr individuell, weil die Frauen individuell sind. Meistens kommt das alles gut, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle gebärt eine Frau in der Schweiz ohne Komplikationen, strahlt, wenn ihr das Baby an die Brust gelegt wird, geht nach drei Tagen nach Hause und beginnt ein neues Leben.

Traumatische Geburten sind kein Massenphänomen. Doch läuft bei einer Geburt etwas schief, können bei der gebärenden Frau seelische Narben entstehen. Bisher ist die psychische Verfassung der Gebärenden jedoch kaum ein Thema. Auch wenn die Geburt eines Kindes in Ländern wie der Schweiz kein körperliches Risiko mehr darstellt, gilt oftmals nach wie vor: Hauptsache, das Kind ist gesund!

Medizinisch gut betreut, emotional unterversorgt

Erst 2014 erschien die schweizweit erste Studie, die sich mit dem Erlebnis der Frau kurz nach der Geburt auseinandersetzt. Über 1000 Frauen wurden über die Art, wie sie geboren haben befragt, und, wie sie die erste Zeit nach der Geburt empfanden. Das Ergebnis: Die Frauen fühlten sich medizinisch grundsätzlich gut aufgehoben, emotional aber unterversorgt. Sie vermissten eine emotionale Betreuung zur Verarbeitung der Krisensituationen und eine psychologische Vorbereitung auf die Zeit nach dem Spitalaufenthalt.

So merken auch die Autorinnen und Autoren der aktuellen Studie an: Ereignisse unter der Geburt können unter Umständen als traumatisch erlebt werden und die betroffenen Frauen über längere Zeit belasten. Sie appellieren deshalb an die Fachpersonen und die Gesellschaft und warnen: Bereits vermeintlich unbedeutende Handlungen können für Frauen einschneidend sein.

Nachbetreuung und Debatte dringend nötig

Eine Nachbetreuung sei deshalb essenziell. Auch, weil Frauen das Ereignis häufig erst Monate nach der Geburt verarbeiten – und erst dann unter Umständen auch bereit wären, darüber zu sprechen. Auch sei eine gesellschaftliche Debatte nötig. Nicht nur um den Mythos Geburt an sich, der sich immernoch darum dreht, wie vermeintlich glücklich und perfekt eine Frau gebären sollte.

Sondern auch, weil in der Medizin viele Eingriffe erfolgen, die so nicht besprochen, nicht vereinbart und nicht immer notwendig wären. Fast 90 Prozent der befragten Frauen wünschte sich vor der Geburt eine vaginale Entbindung – knapp sechs Prozent wollten explizit einen Kaiserschnitt. Dieser machte am Ende dann jedoch über 30 Prozent der Entbindungen aus.

«Informeller Zwang zeigt sich sehr subtil», sagt Studienleiter Stephan Oelhafen. Viele Interventionen laufen darauf hinaus, den Geburtsvorgang zu beschleunigen. «Ob der Kostendruck dabei wirklich eine Rolle spielt ist unklar – aber es wäre zumindest naheliegend», sagt Oelhafen.

Er rät deshalb: Informieren Sie sich frühzeitig über Ihre Rechte. Und über die Frage, wann welcher Eingriff nötig ist und was Sie möchten. Auf Seiten der Fachpersonen sei mehr Sensibilität und Rücksichtnahme auf die individuellen Bedürfnisse der Frau nötig: «Es wäre wichtig, die Debatte transparent und weniger ideologisch zu führen. Das Wissen über den Geburtsvorgang darf sich nicht nur auf Fachkreise beschränken.»