Kim und Paris: Beide sind mit gnadenloser Selbstvermarktung berühmt geworden – doch nur eine ist damit wirklich erfolgreich und zufrieden
Analyse

Kim und Paris: Beide sind mit gnadenloser Selbstvermarktung berühmt geworden – doch nur eine ist damit wirklich erfolgreich und zufrieden

Getty / Montage CHM

Der Aufstieg von Kim Kardashian und der Fall von Paris Hilton stehen symbolisch für die vergangenen zwei Dekaden und wie sich das Frauenbild der Popkultur verändert hat.

Katja Fischer De Santi
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Die eine, Kim Kardashian, tritt ab: einflussreich wie nie, mit vier Kindern im Arm, einem grössenwahnsinnigen Rapper-Ehemann und einem steinreichen Frauen-Clan im Rücken. Die andere, Paris Hilton, taucht mal wieder aus der Versenkung auf: geläutert, um von einem erlittenen Trauma zu erzählen. Kim Kardashian und Paris Hilton sind zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und doch eint sie mehr als die Tatsache, dass beide kein erkennbares Talent ausser jenes der gnadenlosen Selbstvermarktung besitzen.

In der letzten Woche machte beide Damen, die früher Freundinnen waren, Schlagzeilen. Kim Kardashian kündigte ihren 188 Millionen Fans auf Instagram das Ende der Reality-Show «Keeping Up with the Kardashians» an.

Nach unglaublichen 14 Jahren und 20 Staffeln, in denen zehn Kinder geboren und unzählige Hochzeiten gefeiert und viel Reichtum zur Schau gestellt wurden, soll Schluss sein. Fertig mit perfekt inszenierten Einblicken aus dem Leben der einflussreichsten Fernsehfamilie, die es je gab. Die letzte Staffel soll Anfang 2021 ausgestrahlt werden.

Paris: Im Umerziehungslager misshandelt

Fast zeitgleich, aber mit weniger Aufmerksamkeit bedacht, veröffentlichte Paris Hilton auf Youtube eine brisante Dokumentation. In «This is Paris» erzählt sie von ihrem Leben, das deutlich weniger glitzert und knallt, als es den Anschein macht. Im Film sagt sie:

«Die ganze Welt glaubt, mich zu kennen, weil ich diese Figur schon so lang spiele.»

Und fügt an: «Aber das bin nicht ich. Niemand weiss wirklich, wer ich bin.» Ihre Eltern hatten sie in ihren Teenagerjahren in diverse Internatsschulen gesteckt, als sie von dort immer wieder ausbrach, rebellierte und sich nächtelang in Clubs herumtrieb, schickten sie sie in eine Umerziehungsanstalt.

Dort soll sie elf Monate lang Schlägen, Isolationshaft und Erniedrigungen ausgesetzt gewesen sein. Im Film treten drei weitere ehemalige Schülerinnen der Provo Canyon School in Utah auf und stützen Paris’ Aussagen. Gemeinsam wollen sie eine Aktion starten, damit solche Schulen geschlossen werden.

Aktion von Paris Hilton will das Schweigen brechen, und macht die Erniedrigungen und Missbräuche an ihrer ehemaligen Schule öffentlich.

Aktion von Paris Hilton will das Schweigen brechen, und macht die Erniedrigungen und Missbräuche an ihrer ehemaligen Schule öffentlich.

Quelle: YouTube

Das alles will nicht so richtig zu jener Paris passen, die Anfang der 2000er-Jahre ziellos und feierwütig durch die Clubs von New York zog, hinter ihr her stets eine riesige Paparazzi-Meute. Geliebt von den Massen für ihre Auftritte, bei denen alles irgendwie zu viel und doch zu wenig war. «Ich kreierte diese Persönlichkeit, diese Marke, diese Figur – und bin seither mit ihr gefangen. Ich war früher nicht so», sagt Paris Hilton im Film.

Im Blitzlichtgewitter neben ihr tauchte irgendwann eine dunkelhaarige Freundin auf: Kim Kardashian. Es gibt ein Bild von den beiden aus den späten 1990er-Jahren. Paris ist darauf grell geschminkt, der Jupe könnte nicht kürzer sein, sie schaut müde in die Kamera. Daneben steht Kim, wallendes, dunkles Haar, dunkler Teint und Rehaugen, in einem braven, weissen Kleid. Niemand konnte damals ahnen, dass dieses Mädchen zu einer der einflussreichsten Frauen der Welt aufsteigen und ihre Freundin weit hinter sich lassen würde.

Bild: Keystone

Kim: Kontrollfreak mit einem klaren Plan

Sie verdanke Paris Hilton ihre ganze Karriere, sagt Kim Kardashian in einer Staffel von «Keeping up with the Kardashians». Auch Kim wurde in eine reiche Familie geboren. Ihr Vater war ein armenisch-amerikanischer Staranwalt. Aber anderes als Paris hatte sie nie den Drang auszubrechen. «Als ich Anfang 20 war, hatten viele junge Leute nichts anderes im Kopf, als zu feiern und sich zu betrinken. Ich glaube, dass ein grosser Teil meines Erfolgs darauf zurückzuführen ist, dass ich stets die Kontrolle über meinen Lebensstil behalten habe», sagt sie in einem Interview mit der US-«Vouge».

Genauso kontrolliert soll sie ihre Karriere geplant haben. Sie suchte bewusst die Nähe von Prominenten wie Paris Hilton – sie studierte und kopierte die Methoden, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Kein Zufall wohl, dass beide Damen ihren Karrieren mit einem «geheimen» Sexvideo den entscheidenden Schub verpassten. Wobei Paris damit bekannt, aber Kim auch noch reich wurde (dank Schadensersatzklagen).

Das Power-Paar: Kim Kardashian West mit ihrem Ehemann Kayne West, der vorübergehend amerikanischer Präsident werden wollte.

Das Power-Paar: Kim Kardashian West mit ihrem Ehemann Kayne West, der vorübergehend amerikanischer Präsident werden wollte.

Quelle:Keystone

Auch in vielen anderen Belangen perfektionierte Kim das von Paris vorgelebte Promi-Leben. Aber im Unterschied zu Paris hat es Kim schneller geschafft, vom C-Promi mit grossem Hintern zur Fashion-Ikone aufzusteigen. Während Paris noch davon träumt, Milliardärin zu werden, «Erst dann werde ich glücklich sein», ist Kim es längst. Auch das Ende der TV-Serie «Keeping up with the Kardashians» wird ihren Erfolg in keiner Weise bremsen. Längst liegt ihr Fokus auf anderen Unternehmenszweigen.

Sie machten ihre Körper zum Geschäftsmodell

Der Aufstieg (von Kim) und der Fall (von Paris) stehen symbolisch für die vergangenen zwei Dekaden und wie sich die Popkultur und mit ihr das Frauenbild verändert hat. Es sind zwei Frauen, die immer wieder auf ihren Köper reduziert werden, die ihre Körper aber auch selbst zu einer Marke gemacht haben.

Bild: Keystone

Auf der einen Seite Paris Hilton: blond, dünn, zerbrechlich und weiss, das verwöhnte Mädchen, das sein Leben bis heute nicht im Griff hat. Auf der anderen Seite die dunkle, kurvige Familien- und Businessfrau Kim. Sie verkörpert ein neues Schönheitsideal, das von Millionen junger Frauen kopiert wird: aufgespritzte Lippen, lange Wimpern und ein Make-up wie eine Betonschicht.

Ein neues kurvigeres Schönheitsideal dank Kim

Man kann und soll das kritisieren, wenn sich deswegen junge Frauen in Schönheitskliniken eine Kim-Figur operieren lassen wollen. Man muss aber auch anerkennen, dass fülligere Körperformen auch dank der Kardashian-Frauen, die Magermodels abgelöst haben.

Die beiden ehemaligen Freundinnen unterstützen sich immer noch. So trat Kim Kardashian vor gut einem Jahr in einem Musikvideo von Paris auf. Es trägt bezeichnenderweise den Namen: «My best Friends Ass».

Ihr Auftritt verdeutlicht, wer die wahre Königin der Trash-Kultur ist: Kim, im goldenen Gewand, steht ruhig und stolz in der Mitte des Geschehens, während Paris mit piepsiger Stimme um sie herum eine hyperaktive Discoshow abzieht. Königinnen altern besser als Party-Girls.

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