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BERGSTEIGEN: Mont-Blanc: Faszination und Wahnsinn

Mehr als 20 000 Personen besteigen Jahr für Jahr den höchsten Berg der Alpen (4809 m). Steinschläge beim Hüttenzustieg, schnell wechselnde Wetterbedingungen undLawinen während des Sommers – der Mont-Blanc vereint verschiedenste alpine Gefahren. Die grösste Gefahr stellt jedoch der Mensch dar.
Text und Bilder
Erste Sonnenstrahlen: Wenige Seilschaften sind unterwegs und steigen Meter um Meter hoch Richtung Aiguille de Bionnassay (4052 m). (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas)

Erste Sonnenstrahlen: Wenige Seilschaften sind unterwegs und steigen Meter um Meter hoch Richtung Aiguille de Bionnassay (4052 m). (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas)

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Andreas von Deschwanden

Etwas unterhalb des Mont Maudit auf gut 4300 Metern über Meer: Gut, kauften wir in Chamonix lange Thermounterhosen. Nah beieinander kauern wir im Schutz einer Gletscherspalte. Der Wind bläst, Eis gefriert im Gesicht. Gegenseitig entfernen wir Graupel von Haaren und Augenbrauen. Die Zeit zwingt uns zum Abstieg – ohne Gipfelerfolg. Durch Nebel erreichen wir die Bergstation auf der Aiguille du Midi (3842 m). Auch nach drei Wochen sind Streifen von Erfrierungen im Gesicht sichtbar. Wir jungen Bergsteiger zahlten Lehrgeld am Mont-Blanc. Seither sind 15 Jahre vergangen.

Wissen allein reicht nicht aus

Die Anfahrt in Richtung Mont-Blanc ist beeindruckend: Die Berge werden höher, das Tal enger. Sportgeschäfte säumen die Strassen. Und weit oben glänzt der Schnee – unschuldig anziehend und Furcht erregend zugleich. Der Schweizer Naturforscher Horace Bénédict de Saussure setzte 1760 für die Erstbesteigung eine Belohnung von 20 Goldtalern aus. Mehrere Versuche scheiterten. Den Einheimischen Jacques Balmat und Michel-Gabriel Paccard gelang am 8. 8. 1786 die Erstbesteigung auf das Dach Europas. Dannzumal war es weniger das fundamentale Wissen aus Studien als vielmehr die Sensibilität und Intuition am Berg, die ihnen zum Erfolg verhalfen. Auch heute reicht Wissen aus Fachbüchern für eine geglückte Besteigung nicht aus. Ein reicher Rucksack an Erfahrung, bestückt mit Ausrüstung, Kondition und Akklimatisation, ist Voraussetzung. Eine Gipfelgarantie ist auch damit nicht gegeben, die Chancen steigen jedoch markant an.

Mit 15 weiteren Jahren Bergsteiger-erfahrung wagen auch wir einen neuen Versuch und hegen die Absicht, weder im Stau am Berg zu stehen noch mit vielen weiteren Alpinisten heikle Steinschlagzonen zu queren. Wir wählen den westlichen Anstieg über das Refuge des Conscrits und das Refuge Durier. Ab Les Contamines wandern wir durch Wald und Wiesen hoch und erreichen nach knapp vier Stunden unsere erste Unterkunft. Mont-Blanc-Aspiranten sind hier so auf den ersten und den zweiten Blick keine auszumachen, ausser vielleicht hinten links ein Herr mit leicht lederner Haut und einer englisch sprechenden Person in seiner Nähe. Wie sich bald herausstellt, ist er Bergführer. Frédéric sein Name. Savoyer Alpen die Herkunft. Das Refuge des Conscrits ist eine klassische Bergunterkunft für Wanderer: relativ leichter Zustieg, angenehmer Hüttenkomfort und gutes Essen. Wie es sich für Frankreich gehört, mit Käse zur Nachspeise.

Auf 2600 Metern übernachten wir also. Genügend Sauerstoff zum Atmen und somit eigentlich beste Voraussetzungen zur Akklimatisation. Bereits um 21 Uhr legen wir uns schlafen oder versuchen es zumindest. Wanderer und Bergsteiger sind dem gleichen Schlag zugeteilt, obwohl sie dies vom Typ Mensch nicht sind. Das Licht wird eingeschaltet, Rucksäcke abermals gekehrt, mit der Taschenlampe durch den Raum geleuchtet, und gesprochen wird in Tönen, als gebe es kein Morgen mehr! Verhältnisse wie im hölzernen Himmel. Glücklich schätzen wir uns, morgen Abend in einer abgelegenen Hütte zu übernachten.

Besteigung als Prestige

Was treibt Menschen an, sich in die Unwirtlichkeit des Hochgebirges zu begeben? Es mag die Sehnsucht sein nach dem Leben, dem Erleben. Vielleicht ist es lediglich die Motivation, einmal selbst auf dem höchsten Berg der Alpen zu stehen. Der Mont-Blanc gilt – wie auch das Matterhorn – als prominenter Gipfel. Prominenz zieht an, Vernunft bleibt zum Teil auf der Strecke. Jedes Jahr spielen sich kuriose und dramatische Szenen ab: Leute, die mit bester Ausrüstung, jedoch ohne Erfahrung, am Berg blockiert sind und ausgeflogen werden müssen, oder Touristen, die den Gipfelsturm mit Turnschuhen wagen. Pro Jahr sterben rund 40 Menschen im Mont-Blanc-Massiv. Immer wieder flammen Diskussionen auf, ein Permit zur Besteigung einzuführen. Sie enden – zum Glück – jedoch im Nichts. Der Berg ist zum Konsum- und Freizeitobjekt geworden, bei schönem Wetter besteigen über 300 Personen pro Tag den Berg.

Das Natel vibriert. 4 Uhr. Zeit aufzustehen. Im Schein der Taschenlampe steigen wir hoch. Im Vordergrund leuchtet der Mont-Blanc. Die Steigeisen knirschen im Schnee. Welche Ruhe, welch schönes Licht zwischen Himmel und Schneekristallen. Einsam und gemeinsam mit lediglich fünf Seilschaften sind wir unterwegs. Auch Frédéric tourt mit seinem Gast Richtung Dôme de Miage (3673 m). Wir bewegen uns zum Mont-Blanc auf einer Genussgrat-Grenzkamm-Tour: linker Fuss in Frankreich und rechter Fuss in Italien.

In der Biwakschachtel

Bestens gelaunt erreichen wir gegen Mittag das Refuge Durier. Bei lediglich 5 Stunden Marschzeit, 9 Kilometern Distanz mit 1400 Metern Auf- und rund 600 Metern Abstieg eine gemütliche Etappe. Als Akklimatisationstour für den morgigen Gipfeltag ideal. Die kleine bewartete Biwakschachtel bietet bequem Platz für zwölf Personen. Kaum zu glauben bei dieser Kompaktheit. Der Hüttenarchitekt hat ganze Arbeit geleistet. Die Schuhe legen wir ins Freie. Auch Frédéric kommt mit seinem Gast an. Wir legen uns in die Minikojen und schlafen bereits etwas vor. Wie in der Arktis fühlen wir uns. Die Abgeschiedenheit lässt Expeditionsfeeling aufkommen. «Frédéric, brauche ich morgen den Helm zu tragen?», fragt sein Gast. «Mais sûrement, avec moi tout le temps!» Sein Humor ist so, wie Bergführer oft sind: kernig und trocken. Wir speisen am Holztisch und legen uns den Rucksack nach Bergsteigermanier zurecht: Jacke, Klettergurt, Kappe, Steigeisen, Handschuhe und unter dem Deckelfach das Seil. Genau so werden wir am Morgen das Material aus dem Rucksack nehmen.

Höhepunkt im Bergsteigerleben

Die Erfolgsaussichten für die Besteigung des Mont-Blanc stehen besonders gut für Bergsteiger, die bereits einige anspruchsvolle Viertausender gemeistert haben. Gönnt man sich zudem mindestens drei Tage bis zur Gipfelbesteigung, wird das Erlebnis schöner und das Gefühl, auf dem Berg zu stehen, zu dem, was es tatsächlich ist: ein Höhepunkt im Leben eines jeden Alpinisten. Die Bergdoktor-Theorie besagt, dass der Sauerstoffgehalt mit zunehmender Höhe abnimmt. Auch uns fällt das Atmen schwerer, und die Schritte werden langsamer.

Geschlafen haben wir im Biwak wie Murmeltiere. Ein guter Start für den Gipfeltag! Nach dem leichten Frühstück mit aufgetautem Brot, Tee und Kaffee schreiten wir hinaus in die Nacht. Der Schnee konnte nicht gefrieren, es ist warm. Ich sinke ein und buddle mich mühselig aus dem Schneeloch. Meine Energiereserven will ich eigentlich lieber für das Klettern, die Gratüberschreitung und den Gipfelzustieg verwenden. Als vorerst hinterstes Duo gelingt es uns, kletternd Seilschaft um Seilschaft zu überholen, bis wir uns schliesslich wieder hinter Frédéric und seinem Gast an einem Bohrhaken einklinken. Friedlich ist das Ambiente bei der Überschreitung der Aiguille de Bionnassay (4052 m) Richtung Dôme du Goûter (4304 m). Keine Spur von Hektik, Stress und Konkurrenzdenken. Alle gehen ihr Tempo. Zuerst über ein Schneefeld, über den Fels mit Kletterstellen und dann über den Firngrat.

Verschiedenste Wolkenformationen in unterschiedlichen Höhen geben alles andere als ein harmonisches Muster am Himmel ab. Anzeichen eines Schlechtwettereinbruches? Frédéric beschliesst, mit seinem Gast vom Dôme du Goûter zur Hütte abzusteigen. Bei uns sieht es anders aus, und eine Übernachtung in der oft überfüllten Hütte mit Abstieg durch Steinschlaggelände wollen wir vermeiden. Auf gehts also zum Gipfelzustieg. Wir Alpinisten geniessen es, ohne weitere Seilschaften den Bossesgrat hochzusteigen.

Emotionen pur

Um 11.40 Uhr stehen wir tatsächlich auf dem Dach Europas, dem 4809 Meter hohen Mont-Blanc. Kein Mensch weit und breit. Europa liegt uns zu Füssen. Ein magischer Moment für jeden Bergsteiger. 20-Jährige nennen es geil. 30-Jährige empfinden es als super, und wir – mit beinahe 40 Jahren – erleben es als atemlosen Wahnsinn. Nichts von Hektik. Ruhe und Emotionen pur. Tränen der Freude im Hochgebirge. Welch glückseliger Moment in meinem persönlichen Bergsteigerleben. Zeit für Stille und Zeit für Augenblicke – im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Wetter verschlechtert sich. Wir beschliessen, schnell zur Bergstation der Aiguille du Midi (3842 m) abzusteigen. Tourenskifahrer kurven vorbei. Aus der Ferne hören wir ein Donnergrollen. Wir erhöhen das Tempo auf dem langen, spaltenreichen und zum Teil technisch sehr anspruchsvollen Abstieg. Die Beine werden schwerer und die letzten Meter zur Bergstation zum zähen Kampf. Wir erreichen 13 Stunden nach dem Schnüren der Bergschuhe und dem Anlegen der Steigeisen um 16.15 Uhr die Bergstation. Uns ist bewusst geworden: Wer dem Mont-Blanc jenen Respekt zollt, den dieser Berg verdient, der wird den Mont-Blanc als das in Erinnerung behalten, was er ist: als wahnsinnig faszinierenden Berg, bei dem alles irgendwie einfach eine Dimension grösser, weiter und beeindruckender ist.

Seriöse Planung für die Hochtour

Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie)

Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie)

Besteigung: Aufgrund der Höhe von 4809 m und der alpinen Gefahren handelt es sich bei der Besteigung des Mont-Blanc um eine ernsthafte und anspruchsvolle Hochtour. Für die Tour sind der sachgerechte und routinierte Gebrauch und die Verwendung von Hochtourenausrüstung zwingend erforderlich. Ohne die entsprechende Erfahrung empfiehlt es sich, für die Tour einen Bergführer zu engagieren, welcher auch die seriöse Planung und die zwingenden Hüttenreservationen vornimmt. Die ideale Besteigungszeit ist während der Sommermonate Juli bis September, wobei dann auch die Hütten am stärksten ausgelastet sind. Die Verhältnisse am Berg können sich sehr schnell ändern. Eine Besteigung ist somit immer mit einem gewissen Risiko verbunden.

Anreise: Tipps für schöne Aussichten auf den Mont-Blanc: Für den Startpunkt unserer Tour wurde Les Contamines-Montjoje gewählt. Für Nichtalpinisten ist alleine die Anreise über Martigny–Le Châtelard VS ein Erlebnis. Ab Chamonix ist die Aiguille du Midi (3842 m) mit einer Kabinenbahn erreichbar. Von diesem Aussichtspunkt zeigt sich das Hochgebirge der Mont-Blanc-Region zum Anfassen nah.

Anbieter: Es gibt sowohl Schweizer als auch französische Bergführerbüros. Nebst dem Buchen von privaten Bergführern besteht auch die Möglichkeit, den Mont-Blanc auf Mehrtageshochtouren in organisierten Gruppen zu besteigen. Dies hat den Vorteil, dass sich der Körper besser an die Höhe akklimatisieren kann.

Subalpin: über Stock und Stein ins Mont-Blanc-Massiv. (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas)

Subalpin: über Stock und Stein ins Mont-Blanc-Massiv. (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas)

Alpin: Eine lange Hängebrücke führt zur ersten Unterkunft. (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas)

Alpin: Eine lange Hängebrücke führt zur ersten Unterkunft. (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas)

Arktisch: Refuge Durier (3358 m) – das Biwak vor dem Gipfeltag. (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas)

Arktisch: Refuge Durier (3358 m) – das Biwak vor dem Gipfeltag. (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas)

Der Mont-Blanc: ein magischer Moment im Leben jedes Bergsteigers. (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas)

Der Mont-Blanc: ein magischer Moment im Leben jedes Bergsteigers. (Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas)

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