Besser als Schafe
Sie sind niedlich, sauber und anspruchslos – Alpakas mausern sich zum Trendtier

Trotz steigender Beliebtheit sind Alpakas noch immer exotisch genug, dass sich viele für sie interessieren. Nun droht gar eine Knappheit.

Anna Miller
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Rasenmäher mit Jö-Faktor: Rund 70 Alpakas leben auf dem Hof von Ursula und Markus Kyburz in Rutschwil.

Rasenmäher mit Jö-Faktor: Rund 70 Alpakas leben auf dem Hof von Ursula und Markus Kyburz in Rutschwil.

Bild: Valentin Hehli

Es gibt Leute, die einmal in der Woche zu Familie Kyburz auf den Hof fahren und sich zwischen die Alpakas stellen, in den Stall hinein. Eine Zeit lang stehen sie inmitten der Tierherde und verfüttern Rüebli und Äpfel, dann fahren sie zufrieden wieder nach Hause. «Die wöchentliche Dosis Tier» nennt Markus Kyburz diese Sache, vielleicht wundert’s ihn auch ein bisschen, aber eigentlich ist es ihm ganz recht. Die Leute haben Freude, können Tiere hautnah erleben, niemand kommt zu Schaden, und ein paar Menschen ist geholfen, sich mit der Natur zu verbinden.

Markus Kyburz wundert eigentlich nicht mehr viel. Vor allem nicht mehr, wie populär ein Tier, das vor zwanzig Jahren hierzulande fast kein Mensch kannte, inzwischen geworden ist. Alpakas boomen. Nicht nur auf Tassen und als Schlüsselanhänger, sondern als Quasi-Haustier von Herr und Frau Schweizer.

Er macht keinen Hehl daraus, dass er selbst ein grosser Fan ist. Seit 2007 züchtet er mit seiner Frau auf dem Hof zwischen Schaffhausen und Winterthur Alpakas. Rund 70 Tiere sind es zurzeit, ihre Zucht ist eine der grösseren der Schweiz. «Die Ausstrahlung des Tiers ist eine eigene Liga», sagt der 64-jährige Bauer.

«Wenn Sie es sich überlegen, ist das Alpaka im Grunde der bessere Hund.»

Von den Vorteilen gegenüber dem Schaf ganz zu schweigen. Man kann damit spazieren gehen, es an der Leine führen, muss aber nicht. Man kann es im Stall halten, und es riecht kaum, es macht immer ungefähr an die gleiche Stelle und stellt sich nicht in den eigenen Dreck. Es ist fast mucksmäuschenstill, das Tier, im Gegensatz zum Schaf, es blökt nicht und spuckt nur, wenn es ihm zu gefährlich wird oder andere Tiere ihm das Futter stehlen wollen. Deshalb eignet es sich sogar für die Wohnzone.

Auch bei kleinen Besuchern sehr beliebt: die Alpakas auf dem Hof der Familie Kyburz.

Auch bei kleinen Besuchern sehr beliebt: die Alpakas auf dem Hof der Familie Kyburz.

Bild: Valentin Hehli

Zwar ein Herdentier wie das Schaf, aber weniger rasch verschreckt. Sehr neugierig. Exotisch genug, um als Attraktion durchzugehen, mit einfachem Gemüt, in verschiedenen Farben. Gibt wertvolle Wolle, und, wenn’s hart auf hart kommt, kann man sein Fleisch essen, wenn das auch wenige tun. ­Sogar in der Therapie werden Alpakas und Lamas eingesetzt – für mehr körper­liche und psychische Stabilität.

Mit der Nachfrage steigen die Preise

Vielleicht ist das mit ein Grund, warum sich so viele Leute ein Alpaka in den Garten stellen. Hat uns die Pandemie doch seelisch und körperlich zugesetzt. Und sind wir doch so oft zuhause gewesen wie lange nicht mehr.

Noch nie war die Nachfrage nach Alpakas in der Schweiz so gross wie dieses Jahr. Durch Corona hätten die Leute Zeit gehabt, Dinge, die schon lange anstanden, endlich in die Tat umzusetzen, sagt Kyburz. Die Folge: eine so hohe Alpaka-Nachfrage wie nie zuvor. «Viele trugen sich schon vor der Krise mit dem Gedanken, ein Alpaka anzuschaffen», sagt Kyburz.

Markus und Ursula Kyburz halten schon seit Jahren Alpakas.

Markus und Ursula Kyburz
halten schon seit Jahren Alpakas.

Bild: Valentin Hehli

Viele, die ein Haus besitzen mit Umschwung, einen Bauernhof etwa, den sie geerbt oder gekauft haben.

«Die wenigsten der heutigen Halter aber bauern noch oder betreiben professionelle Alpaka-Zucht. Die meisten leisten sich das Alpaka einfach als Hobby.»

Die Käufer kämen aus allen Landesteilen, seien Bauern, aber auch Familien oder junge Städter, die während der Pandemie aufs Land geflüchtet sind.

Einer, der die Knappheit am eigenen Leib erfahren hat, ist Martin Hiltbrand aus Lanzenhäusern. Der Anlagenführer bei Emmi hat bereits vier Alpakas, bietet Trekking an. Bereits im April wollte er sich weitere Tiere anschaffen, weil die Anfrage nach Spaziergängen so zugenommen hatte, dass die bestehenden Tiere fast nicht nachkamen. «Doch zu meinem grossen Erstaunen waren alle in der Region schon weg.» Über sechs Monate suchte er nun nach Neuzuwachs, am Freitag wird das erste von drei neuen Tieren geliefert. «Einige sagten uns, es sei erstaunlich, dass wir überhaupt noch kaufen konnten.»

Adrian Brändle aus Oberuzwil, der unter dem Namen Peru-Alpaca-Zucht über 150 Tiere besitzt und damit einer der grössten Züchter des Landes ist, wiegelt ab. «Die Suche ist sicher aufwendiger geworden, wer sich aber mit dem Thema eingehend befasst, findet schon die Tiere, die er will.» Für ihn hat die Knappheit Vorteile: Er könne alle Tiere gut platzieren. Die Nachfrage mache sich aber auch in den Preisen bemerkbar: «Früher ging ein Hobbyhengst für 1000 Franken weg, heute kann man durchaus 1500 Franken verlangen», so Brändle. Die Nachfrage habe auch mit dem kleinen Markt zu tun.

Rund 10000 Alpakas leben in der Schweiz. Eine kleine Zahl im Vergleich zu den 400000 hier heimischen Schafen. Doch Kyburz prophezeit dem Alpaka Grosses: «Dieses Tier hat eine unwahrscheinliche Zukunft vor sich», sagt der Züchter, «schon allein deshalb, weil viele Bauernhöfe einmal leer stehen werden – und Leute, die gern Tiere halten wollen, immer öfter zu einem Alpaka greifen.» Das Alpaka, ein Rasenmäher mit Jö-Faktor.

Yoga mit Alpaka und Trekking für Kinder

Reich werde man mit einem Alpaka nicht, da sind sich alle einig. Die boomenden Trekkings mit den Tieren funktionieren oft nur im Sommer, kosten Zeit und Aufwand und sind für viele Bauern, die sowieso schon sechs Tage die Woche im Stall stehen, ein Mehraufwand, den sie nicht gern auf sich nehmen.

Kommt das Alpaka aber als Nebenverdienst zum Zug, geschieht das inzwischen auf die vielfältigste Art und Weise: Alpakas dienen auf Hühnerfarmen als Schutz vor dem Fuchs, werden bei Yoga-Lektionen auf der Weide neben die Yogamatte gestellt oder ins Kinder-Trekking eingebunden. Familie Kyburz beschränkt sich mehrheitlich auf die Zucht der Alpakas – und darauf, Mützen und Wolle aus eigener Produktion zu verkaufen.

Die Tiere brauchen, so pflegeleicht sie sind, ihren Platz: 250 Quadratmeter Mindestfläche sind Gesetz, um sechs Tiere halten zu dürfen, «in der Praxis ist das allerdings zu wenig», sagt ­Kyburz. Die Tiere müssten sich ent­wickeln und bewegen können. Im Gegensatz zu Katzen, Hunden oder Hühnern brauche es für die Haltung von Alpakas immerhin von Anfang die Absolvierung des Einsteigerkurses mit Sachkundenachweis. Das halte viele davon ab, den Kauf später zu bereuen und die Tiere einfach wieder aussetzen zu können.

Und wenn man kaufen will? Ein paar Tiere haben auch die Kyburz noch. «Die Weissen gehen irgendwie schlecht weg», sagt Ursula Kyburz – «erinnern die Leute wohl zu sehr an Schafe.»

Hier kommen Sie zu Ihrem Alpaka-Erlebnis

Alpaka-Trekking mit anschliessendem Fondue gibt’s bei Alpaka Trekking Aatal in St. Gallenkappel. www.alpaka-trekking-aatal.ch

Mit Alpakas ins Bett können Sie beispielsweise in Bauma, in Form von Alpaka-Woll-Duvets und -Kissen. Erhältlich auf verschiedenen Höfen, beispielsweise bei Monika Büchel und ihrer Farm Alpakable oder im Online-Shop. www.alpakable.ch.

Strickbegeistert oder auf der Suche nach echter, nachhaltiger Alpakawolle? Die Familie Kyburz von Alpacolor in Rutschwil lässt ihre eigene Wolle zu Garn verarbeiten. Ungefärbt oder gefärbt erhältlich auf dem Hof oder unter www.alpaka-wollshop.com.

Auf der Alpakafarm von Gabriela von Känel in Wengi bei Büren können sich Yoga-Interessierte 90 Minuten Yoga mit Alpakas gönnen. Für jedes Level geeignet – ideal bei etwas milderen Temperaturen.

Und weil hier so viel über Alpakas geschrieben wurde: Bei amaLama Trekking in Attiswil warten 23 härzige Lamas darauf, spazieren zu gehen. Auf eine Märchenreise genauso wie auf einen kulinarischen Spaziergang. Auch für Teamausflüge geeignet. www.amalama.ch.

Total friedlich: Alpakas kommen auch mit Hühnern gut aus.

Total friedlich: Alpakas kommen auch mit Hühnern gut aus.

Bild: Valentin Hehli