Freundschaften: Männer reden nicht über ihr Innerstes

Gute Freundinnen besprechen fast alles – auch Dinge, die nicht rund laufen im Leben. Männern fällt das häufig weitaus schwerer. Wenn überhaupt, sind viele nur mit einer einzigen Person vertraut – ihrer Partnerin.

Claudia Füssler
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Winnetou und Old Shatterhand - Freunde fürs Leben: Die Bücher sind voll mit fiktiven Männerpaaren.

Winnetou und Old Shatterhand - Freunde fürs Leben: Die Bücher sind voll mit fiktiven Männerpaaren.

Männerfreundschaften, sagt Wolfgang Krüger, seien ein schwieriges, aber wichtiges Thema. Der Berliner Psychotherapeut hat sich in mehreren Büchern damit auseinandergesetzt. Wenn man Freundschaft definiert als Beziehung, in der man über möglichst alles reden kann, «auch über Schlimmes und vermeintlich Peinliches», dann hätte nur gut ein Drittel der Männer eine wirkliche Freundschaft. Bei Frauen schätzt Krüger die Zahl auf zwei Drittel.

Eines der Probleme bei Männern ist mögliche Rivalität.

«Während Frauen ihren Freundinnen offen erzählen, was bei ihnen so schiefgeht, egal ob beim Abnehmen, in der Kindererziehung oder der Partnerschaft, sind Männer sehr viel mehr darum bemüht, zu zeigen, wie toll sie sind», sagt Krüger. «Das ist das Schwierige bei uns Männern: Über das, was uns tief drinnen bewegt, zu reden, fällt uns oft wahnsinnig schwer.»

Männerfreundschaften sind oft sachbezogen

Der Mikrosoziologe Karl Lenz von der Technischen Universität Dresden warnt aber vor Pauschalisierungen. «Es gibt durchaus Männer, die viele Freunde haben und sehr interessiert sind am Leben anderer», sagt Lenz, «wobei allerdings durchaus die Formulierung zutrifft, dass Männer typischerweise weniger enge Freunde haben als Frauen und diese Freundschaften eher themenbezogen sind.» Bei Männerfreundschaften dominieren häufig die Inhalte, die Beziehung ist thematisch eingeengt, zum Beispiel aufs gemeinsame Hobby wie Tennis spielen, Fussball schauen oder Fasnacht machen. Eine Freundschaft, die nicht nur sachbezogen, sondern auch emotional basiert ist, wäre im Krisenfall deutlich wertvoller. Lenz schränkt aber ein:

«Es gibt Lebensphasen, in denen ist es für sehr viele Männer absolut in Ordnung, einfach einen guten Sportnachmittag zu haben, da braucht es keine tiefgehenden Gespräche.»

Wirklich befreundet sind viele Männer nur mit einer einzigen Person: ihrer Partnerin. Im Schutzmantel der Beziehung zeigen sie bereitwillig ihre Schwächen. Hier spüren sie keine Rivalität und keine Angst, sie können sich zeigen, wie sie sind. Die Lebensgefährtin ist der wichtigste Gesprächspartner und Ratgeber, die mit Abstand vertrauteste Person. Schwierig wird das, wenn Männer in eine Krise welcher Art auch immer geraten, denn dann ist die Partnerin meist die Hauptverantwortliche, die die ganze Last allein zu tragen hat.

Bei Trennungen wird es doppelt schlimm

Besonders problematisch aber wird es, wenn diese Männer verlassen werden. «Das ist dann oftmals ein doppelter Verlust, sie verlieren nicht nur die Partnerin, sondern zudem den besten Freund.» Das kann verheerende Folgen haben, sagt auch Wolfgang Krüger: Wenn es im höheren Lebensalter zu Trennungen komme, sei die Selbstmordrate bei verlassenen Männern um sieben Mal höher als bei Frauen. «Frauen haben häufig ein Netzwerk, das sie auffangen kann, das den Männern meist fehlt.»

Das Komikerduo Oliver Hardy und Stan Laurel verband auch privat eine Freundschaft.

Das Komikerduo Oliver Hardy und Stan Laurel verband auch privat eine Freundschaft.

In Trennungen oder Krisen in der Partnerschaft liegt allerdings auch die Chance, dass sich bisher rein thematisch orientierte Freundschaften wandeln, sagt Karl Lenz. «Wenn zwei Männer bereits eine lange gemeinsame Zeit erlebt haben, kann es durchaus möglich sein, dass man dann auch mal persönlich Belastendes bespricht.» Dafür müsse dann allerdings der Betroffene in der Lage sein, die emotionale Verletztheit zuzugeben, und sein Gegenüber sollte adäquat mit einem offenen Ohr reagieren können und nicht kumpelhaft abwiegeln mit einem «Das wird schon, komm, wir trinken erst mal ein Bier».

Frauen leben Freundschaften eher face-to-face, Männer side-by-side.

Diese unterschiedliche Ausprägung darf ­jedoch nicht zu dem Schluss verleiten, die männlichen Beziehungen seien von minderer Qualität. Wenn zwei Männer alle paar Wochen gemeinsam Bergsteigen gehen, sich auf der Tour unterstützen und merken, dass sie sich in anstrengenden, möglicherweise gar gefährlichen Situationen voll und ganz vertrauen können, ist das eine tiefe Erfahrung.

Die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller war wohl die berühmteste unter Dichtern. (Bild: Getty)

Die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller war wohl die berühmteste unter Dichtern. (Bild: Getty)

Trotzdem stellt sich die Frage, weshalb Männer ihre gleichgeschlechtlichen Freundschaften so anders gestalten als Frauen. Naheliegend ist die Vermutung, dies könne in der Geschlechteridentität begründet liegen. Auch wenn die Rolle, die ein Vater im Leben eines Kindes einnimmt, sich in den letzten Jahrzehnten teilweise deutlich verändert hat, ist in den meisten Fällen immer noch die Mutter die hauptsorgende Person.

Vom Elternhaus unterschiedlich geprägt

Diese Mutter-Kind-Zweiheit prägt. «In der Mutter-Tochter-Beziehung erfolgt die Bindung sehr stark über Gleichheit», sagt Lenz, «während die Buben eher in dem Sinne gestärkt werden, dass sie es schaffen sollen, sich selbstständig abzulösen und die Welt zu erkunden.»

Hinzu kommt, dass Kinder über Vorbilder lernen. Wenn Vater und Mutter ihre Freundschaften unterschiedlich leben, adaptiert der Nachwuchs diese Modelle eher. Da aber in den Sozialwissenschaften nichts so gesetzmässig ist wie in der Physik oder Chemie, also eine Ursache nicht immer die gleiche Wirkung hat, kann auch das Gegenteil passieren.

Ein Bub, der ein Schulterklopfen als maximale Herzlichkeit des Vaters erlebt, sucht sich vielleicht Gefährten, mit denen er über sein Innerstes reden kann, weil er das von zu Hause nicht kennt.

In Kindergarten und Schule dann geht die klassische Rollenentwicklung meist weiter. Mädchen schreiben kitschige Zeilen und Freundschaftserklärungen in Freundebücher und klassifizieren in ihrer Peergroup ganz selbstverständlich die beste, zweitbeste und drittbeste Freundin. Sie lernen, dem sozialen Austausch eine Bedeutung beizumessen. Buben hingegen lernen, gemeinsam Fussball zu spielen und sich bei Erfolgen kräftig auf den Rücken zu klopfen – der emotionale Austausch kommt zu kurz.

Zweite Chance nach der Familienzeit

Die eigentliche Emanzipation des Mannes, sagt Krüger, würde damit beginnen, dass Männer bereit sind, echte Freundschaften einzugehen.

Also solche, in denen man sich auch mal emotional nackt macht, von Ängsten, dem eigenen Scheitern und Sorgen erzählt.

Nicht ständig den Helden geben zu müssen, kann bereichernd sein. «Das ist allerdings eine Einstellungsfrage, der Mann muss eine solche ehrliche Form der Begegnung auch wollen, und dafür wäre in unserer Gesellschaft wohl ein radikaler Wandel erforderlich», sagt Krüger. Eine solche emotionale Revolution täte nicht nur den Männern gut. Es würde auch die Partnerschaften entlasten.

So lange dieser Wandel nicht stattfindet, gibt es immerhin noch den Aspekt des Alterns. Denn nach turbulenten und anstrengenden Zeiten mit Familie und eigenen Kindern kann es in der zweiten Lebenshälfte oft noch einmal intensiver werden in Sachen Freundschaften. Und hier haben dann auch die meisten Männer ihre zweite Chance.