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Beweisstück Unterhose: Wie vergrabene Kleidungsstücke der Wissenschaft dienen sollen

Ein fruchtbarer Boden lebt – und zersetzt auch Kleidungsstücke. Agroscope, das Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, liess gestern deshalb Unterhosen vergraben.
Annika Bangerter, Sabine Kuster
Eine Baumwollunterhose wird eingegraben und damit zum Indikator für die Vielfalt an zersetzenden Kleinlebewesen im Boden. (Bild: Nicolas Zonvi)Eine Baumwollunterhose wird eingegraben und damit zum Indikator für die Vielfalt an zersetzenden Kleinlebewesen im Boden. (Bild: Nicolas Zonvi)
Unterschiedliche Auflösung nach zwei Monaten. (Bild: Agroscope)Unterschiedliche Auflösung nach zwei Monaten. (Bild: Agroscope)
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Beweisstück Unterhose

Am Stadtrand von Zürich. Der 9-jährige Alex schnappt sich einen Spaten und gräbt ein Loch in den Boden. Sorgfältig legt er eine weisse Unterhose hinein. Er bedeckt sie mit Erde und markiert die Stelle mit einem roten Stab. Daran baumelt ein Etikett: «Alex, 19.6.2019».

Er ist eines der Kinder, die gestern Nachmittag vor der Forschungsanstalt Agroscope eine Unterhose verbuddelt haben. «Wir wollen damit auf die riesige Artenvielfalt im Boden aufmerksam machen», sagt Agroscope-Forscher Marcel van der Heijden. Die Idee ist nicht neu. Wissenschafter in Kanada oder den USA haben auch Unterhosen vergraben: #SoilYourUndies heisst die Kampagne.

Neue Tunnel bauen

Gern geht vergessen, wie lebhaft es unter unseren Füssen zugeht: Der Boden ist Lebensraum für Milliarden Lebewesen. Und die sind hochaktiv. Asseln, Milben, Larven, Pilze oder Springschwänze wühlen sich durch ihr unterirdisches Reich und fressen sich durch die pflanzlichen Stoffe, die sie antreffen. In dem Mikrokosmos ist möglich, woran die Menschheit bis heute tüftelt: Totes in Leben zu verwandeln. Indem Würmer oder Asseln abgestorbene Pflanzenteile fressen und verdauen, produzieren sie hochwertigen Humus. Ihr Kot trägt entscheidend zur Nährstoffversorgung der Pflanzen bei.

Um voranzukommen, müssen die Bodenlebewesen stets neue Tunnel bauen. Das lockert die Erde auf, was deren Wasseraufnahmefähigkeit erhöht und den Wurzeln von Pflanzen beim Wachsen hilft. Die Bodenlebewesen zeigen dabei enorme Kräfte: Im Verhältnis zur Körpergrösse gehört der Regenwurm zu den stärksten Tieren der Welt. Um sich durch die Erde zu arbeiten, kann er bis zum 60-Fachen seines Körpergewichts stemmen. Eine Baumwollunterhose hält ihn deshalb nicht auf. Im Gegenteil. Wie viele Tiere, Pilze und Bakterien sich an den Kleidungsstücken gütlich tun, zeigt deshalb, wie gesund und fruchtbar der Boden ist.

Synthetische Stoffe werden gemieden

Zwei Monate bleiben die Unterhosen im Agroscope-Acker. Wer das Experiment selber im Garten durchführen will, dem rät Biologe van der Heijden zu zwei unterschiedlichen Standorten. Zum Beispiel eine steinige und eine humusreiche Stelle. «Dann zeigt sich anschaulich, dass in steinigen Böden weniger abgebaut wird.» Wichtig sei, nur Baumwolle zu verwenden und keine synthetischen Stoffe. Diese bleiben – wie Plastik – von den Bodenlebewesen verschmäht.

Um das Nahrungsnetz im Boden zu erforschen, verbuddeln die Agroscope-Forscher statt Unterhosen Teebeutel. Diese werden abgewogen und dann eingegraben. «Die Teebeutel sind standardisiert. Dadurch sind die Ergebnisse international vergleichbar», sagt van der Heijden. Das Experiment ist nicht abgeschlossen, die Daten werden noch analysiert. Darüber hinaus untersucht Agroscope in einem Langzeitversuch und mittels verschiedener Methoden, wie sich unterschiedliche Ackerbausysteme – biologisch, konventionell oder pfluglos – auf Böden auswirken.

Lebewesen können gefördert werden

Was aber, wenn in einem Boden nur wenige Lebewesen wohnen? Wenn die Unterhose nach zwei Monaten nur vereinzelte Löcher aufweist? Die Diversität lasse sich gut mit natürlichem Kompost fördern, sagt van der Heijden.

«Kunstdünger schafft das auch, aber wenn man zu viel davon in den Boden gibt, dann ersetzt der Dünger teilweise die Umsetzungsprozesse der Lebewesen, und ihre Anzahl reduziert sich.»

Wichtig ist auch, dass nach der Ernte – beispielsweise eines Weizenfeldes – eine Bodenbedeckung angesät wird. Gründünger ist Zwischenfutter für die Tierchen im Boden. In der Schweiz werden die Bauern dazu angehalten. Ebenfalls fördert es die Biodiversität, wenn Felder jedes Jahr unterschiedlich bepflanzt werden. Dann redet man von einer Fruchtfolge. «Am besten ist die sogenannte Kunstwiese», sagt van der Heijden, «zwei Jahre lang Gras und Klee, das mögen die Regenwürmer, und der Bestand erholt sich, ebenso profitieren Bakterien und Pilze.»

Alex wird in zwei Monaten zum Agroscope-Acker zurückkehren. «Ich freue mich zu ­sehen, wie viel die Lebewesen von meiner Unterhose gegessen haben», sagt der Schüler.

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