Bildschirm am Morgen macht in der Schule Sorgen

Eine weitere Studie sagt nichts Gutes über Bildschirmzeit: Sie sei schädlich für die Sprachentwicklung.

Niklaus Salzmann
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Der Bilschirm richtet vielleicht beim Kind weniger Schaden an. Wichtiger wäre, dass die Eltern mehr mit ihm sprechen.

Der Bilschirm richtet vielleicht beim Kind weniger Schaden an. Wichtiger wäre, dass die Eltern mehr mit ihm sprechen.

Bild: Mark Lennihan/Keystone

Der Wecker hat noch nicht mal geklingelt, da steht schon das kleine Kind am Bettrand der Eltern und zupft an der Decke. Nur noch eine Viertelstunde schlafen, wünschen sich Mutter und Vater, und drücken dem Kind das Tablet in die Hand. Ist ja nur für ein paar Minuten, das wird schon nicht schaden.

Doch eine Studie aus Frankreich lässt aufhorchen: Kinder, die sich vor dem Kindergarten oder der Schule mit einem Bildschirm beschäftigen, entwickeln häufiger Sprachstörungen. Bei den untersuchten Kindern zwischen dreieinhalb und sechseinhalb Jahren war das Risiko dreifach erhöht.

Die morgendliche Bildschirmzeit dauerte im Schnitt zwanzig Minuten. Die Sprachprobleme hingen in dieser Studie aber nicht mit der Dauer zusammen. Eine mögliche Erklärung wäre, «dass die Aufmerksamkeit des Kindes durch die morgendliche Bildschirmexposition erschöpft wird», schrieb das Forschungsteam um Manon Collet von der Universität Rennes in der Fachzeitschrift «Bulletin épidémiologique hebdomadaire».

Ein Zusammenhang zwischen Bildschirmnutzung und der Aufmerksamkeit von Kindern zeigte sich bereits in früheren Untersuchungen anderer Forschungsgruppen. Doch Anke Sodogé, Professorin an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich, liefert eine andere mögliche Erklärung für die Ergebnisse aus Frankreich: Die Bildschirmnutzung könnte auf Kosten von Gesprächen gegangen sein. «Es liegt nahe, dass die Bezugspersonen während der Bildschirmzeit nicht mit dem Kind sprechen», sagt sie. Für den Spracherwerb sei es aber zentral, wie oft, wie lange und auf welche Weise mit einem Kind gesprochen werde.

Möglicherweise richtet also nicht der Bildschirm direkt den Schaden an, sondern der durch ihn verursachte Mangel an Gesprächszeit. Dazu passt, dass Kinder, mit denen das Gesehene nicht diskutiert wurde, doppelt so stark betroffen waren.

Für die Studie haben die Eltern von 276 Kindern im französischen Departement Ille-et-Vilaine in der Bretagne Fragebogen ausgefüllt. Ihre Kinder verbrachten im Schnitt jeden Tag 75 Minuten vor dem Bildschirm, davon eine halbe Stunde alleine. Jedes zwanzigste hatte einen Fernseher in seinem Zimmer, ungefähr jedes siebte besass eine Spielkonsole und jedes sechste ein Tablet. Die Studie macht keine Aussage darüber, mit welchen Inhalten sich die Kinder an den Bildschirmen befassten.

Anke Sodogé betrachtet dies aber als wichtige Frage für den Einfluss auf die Sprachentwicklung. Amerikanische Forscher hatten bereits 2007 gezeigt, dass sich bei Kleinkindern ausgerechnet scheinbar altersgerechte Videos negativ auf die Kommunikationsfähigkeit auswirken. Baby-Videos enthalten kaum Dialoge, aber starke visuelle Eindrücke in kurzen Szenen und unzusammenhängenden Bildern. Das soll für Kleinkinder verständlich sein – aber die Autoren vermuten, dass für die Gehirnentwicklung gerade anspruchsvollere Sendungen einen besseren Einfluss hätten.

Offen bleibt sowohl in der französischen Studie wie auch in anderen Untersuchungen, ob die Bildschirmnutzung tatsächlich die Ursache für die Sprachprobleme ist. Die Fachwelt ist sich aber weitgehend einig darin, dass das Alter und die Dauer der Bildschirmnutzung entscheidend sind. «Je jünger das Kind ist, desto kürzer sollte die Bildschirmzeit sein», fasst Anke Sodogé zusammen.