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Bildschirmfrei ist das neue Bio: Warum die Programmierer im Silicon Valley ihre Kinder computerfrei erziehen

Während hierzulande Schulen digitalisiert werden, geht der Trend im Silicon Valley in die analoge Richtung. Die gut verdienenden Programmierer schicken ihre Kinder in Schulen ohne Bildschirme.
Adrian Lobe
iPads im Wald: So besteht die Ablenkungsgefahr sogar in der freien Natur. (Bild: Getty)

iPads im Wald: So besteht die Ablenkungsgefahr sogar in der freien Natur. (Bild: Getty)

Die Zeiten des Frontalunterrichts sollen bald der Vergangenheit angehören. Zumindest, wenn es nach dem Willen vieler Bildungsminister geht. In den Industrienationen werden Milliarden in die Digitalisierung von Bildung gesteckt. In den Niederlanden sorgten die «Steve-Jobs-Schulen» für Aufsehen, wo Schüler statt mit Büchern mit dem iPad lernen. Google hat in den USA in den vergangenen Jahren heimlich das Klassenzimmer erobert – mit Low-Cost-Laptops wie dem Chromebook, das auf Googles Betriebssystem läuft. Apple unterstützt weltweit 400 Bildungseinrichtungen, sogenannte «Apple Distinguished Schools», mit digitalen Lerntechnologien.

Doch ausgerechnet im Silicon Valley, wo die digitalen Lernwerkzeuge entwickelt werden und die Bildungsrevolution ausgerufen wird, findet nun ein Umdenken statt. Mitarbeiter grosser Tech-Konzerne wie Google, Apple und Yahoo schicken ihre Kinder vermehrt an Schulen, die auf eine technologiefreie Lernumgebung setzen.

Waldorf-Schulen erleben im Silicon Valley gerade einen Boom. Die Canterbury Christian School in Los Altos kann sich vor Anmeldungen kaum retten – nicht wegen der Bibelverse, die dort jeden Morgen zitiert werden, sondern weil Laptops, Tablets und Smartphones aus dem Klassenzimmer verbannt werden. Die Programmierer und Unternehmer haben die Sorge, dass digitale Technologien die Konzentrationsfähigkeit und Entwicklung ihrer Kinder nachhaltig beeinträchtigen.

Bill Gates' Töchter bekamen erst mit 14 ein Handy

Der ehemalige Google-Ingenieur Tristan Harris warnt mit seiner Bewegung «Time Well Spent» vor den Suchtgefahren von Smartphone-Apps. Die Apps seien so designt, dass sie mit Belohnungsmechanismen an den Dopamin-Rezeptoren im Gehirn andocken und abhängig machen. Der Psychiater und Bildungsforscher Manfred Spitzer vertritt diese These schon seit Jahren.

Die neue Low-Tech-Bewegung im Silicon Valley kann sich auf durchaus prominente Vorreiter berufen. Microsoft-Gründer Bill Gates und Apple-Gründer Steve Jobs erzogen ihre Kinder technikfrei – zumindest, was die Nutzung von High-Tech-Geräten betraf. Die Töchter von Bill und Melinda Gates bekamen ihr erstes Handy erst im Alter von 14 Jahren.

Steve Jobs verbot seinen Kindern sogar, das neue iPad zu nutzen. «Wir setzen eine Grenze, wie viel Technologie unsere Kinder zu Hause nutzen», sagte der 2011 verstorbene Apple-Gründer in einem seiner letzten Interviews der «New York Times».

Mediennutzung hängt vom Einkommen ab

Für eine zeitliche Begrenzung mobiler Endgeräte sprechen triftige Gründe: das blaue Bildschirmlicht, das die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin hemmt. Schäden für die Augen. Ablenkungsgefahr. Konzentrationsdefizite. Doch wenn ein Konzern ein Produkt an Schulen als Lernwerkzeug vermarktet, dessen Nutzung der Unternehmensgründer seinen eigenen Kindern verbietet – ist das nicht unglaubwürdig?

Was die digitalen Technologien mit den Köpfen der Kinder machen, wird erst erforscht. Was sie mit der Gesellschaft machen, zeichnet sich dagegen schon ab. Laut einer Studie von Common Sense Media verbringen Teenager aus einkommensschwachen Familien in den USA durchschnittlich gut acht Stunden am Tag an Bildschirmen zur Unterhaltung, Jugendliche aus wohlhabenden Familien dagegen nur beinahe sechs Stunden.

Das Mediennutzungsverhalten hängt also stark vom Einkommen der Eltern ab. Alternative (analoge) Beschäftigungen wie Klavierunterricht oder ein Sportverein muss man sich leisten können.

Reiche gehen in analoge Privatschulen

Der Politikwissenschafter Andre Wilkens beschrieb schon 2015 im Buch «Analog ist das neue Bio» die Herausbildung einer neuen «Digitalen Schere» zwischen denen, die es sich leisten können, nicht immer digital zu sein und den anderen. Damit bekommt die Digitalisierung eine soziale Dimension – obwohl das Bildungsversprechen ja immer lautet, dass alle Menschen angeschlossen und ermächtigt werden.

Die Zukunft könnte in den USA so aussehen, dass die Kinder der Google- und Facebook-Entwickler auf (analoge) Privatschulen gehen, während das digitale Prekariat Online-Kurse belegt. Es ist also nicht damit getan, jedem Schüler ein iPad an die Hand zu geben, um Ungleichheiten in der Gesellschaft zu beseitigen.

Die Steve-Jobs-Schulen in den Niederlanden, die mal als Vorbild für das digitale Klassenzimmer herangezogen wurden, gelten heute als gescheitert.

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