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Als Bomben über Schaffhausen fielen

Vor 75 Jahren warfen US-Bomber Hunderte Brand- und Sprengbomben ins Stadtzentrum von Schaffhausen. 40 Menschen starben. Es war die grösste Verletzung der Schweizer Neutralität. Ein neues Buch versucht, die letzten Fragen zum Abwurf zu klären.
Mark Liebenberg

Der 1. April 1944 war ein Samstag. Der Samstag war auch während des Kriegs Markttag in Schaffhausen . Und so waren vielleicht mehr Leute unterwegs als sonst, als kurz vor 11 Uhr die Bomben amerikanischer Flugzeuge auf Schaffhausen fielen.

Die Sirenen hatten pflichtgemäss Luftalarm verkündet, aber kaum jemand suchte die Luftschutzkeller auf. Überflüge alliierter Maschinen waren häufig, an eine Gefahr dachte man dabei nicht. Diesmal war es anders. Die Bomber warfen 13,3 Tonnen Brand- und 23,3 Tonnen Sprengbomben aufs Schaffhauser Stadtzentrum. Sie töteten 40 Menschen, verletzten 120, davon 37 schwer, und lösten 50 Grossbrände aus. Die Schäden waren enorm.

Der Schaffhauser Historiker Matthias Wipf hat ein Buch über die Bombardierung Schaffhausens vor 75 Jahren geschrieben. Im Interview erklärt er warum die Bomradierung nicht Absicht der Amerikaner gewesen sein kann, auch wenn das einige noch immer glauben.

Matthias Wipf: Zwei Funde, die Sie gemacht haben, sind ja geradezu spektakulär. Zum einen haben Sie den letzten noch lebenden Bomberpiloten ausfindig gemacht (siehe Kasten), zum anderem sind das Fotografien, welche die US-Bomberpiloten während des Angriffs aus der Luft gemacht haben...

Wipf: Ja, das sind Bilder, die bisher noch nie publiziert wurden: Aus einem der US-Bomber wurden damals nämlich Aufnahmen von der Bombardierung Schaffhausens gemacht, beschriftet mit «City before», «Bombs away!» und «City after». Darauf sieht man die effektiv fallenden Bomben und die danach abdrehenden Flugzeuge! Diese Luftaufnahmen wurden dann unmittelbar nach der Rückkehr auf die Luftwaffenbasen in Ostengland ausgewertet – und bestätigten die sofort eingetroffenen Proteste der Schweizer Behörden, dass effektiv Schaffhausen bombardiert worden war.

Und was ist nun am 1. April 1944 wirklich vorgefallen?

Das Ziel jener Mission waren die Industrieanlagen der IG Farben in Ludwigshafen, die kriegswichtige Güter produzierten und auch in den Folgemonaten immer wieder bombardiert wurden. Die Wetterverhältnisse waren an jenem Tag aber derart schlecht, dass ein Grossteil der fast 1000 Flugzeuge, die von ihren Luftwaffenbasen in Ostengland gestartet waren, schon bald wieder umkehrten. Nur ein Teil der 2. Luftwaffendivision versuchte weiterhin, das «gebriefte» Ziel zu erreichen – geriet aber durch die äusserst schwierigen Wetterverhältnisse, damit verbundene Navigationsschwierigkeiten und auch durch «sehr ernstes persönliches Versagen», wie es in späteren Untersuchungsberichten heisst, weit südlich vom Kurs ab.

Und wieso bombardierten sie schliesslich Schaffhausen?

Insgesamt 47 der B-24 Liberators gerieten so weit südlich, dass sie über der Ostschweiz quasi eine Zusatzschlaufe flogen. Logbücher und Rechenschaftsberichte, die ich in den Archiven gefunden habe, machen deutlich, dass die Bombercrews keine Ahnung mehr hatten, wo sie sich befanden. Als dann über Schaffhausen erstmals ein Loch in der Bewölkung auszumachen war, entschied man schliesslich, diese vermeintlich deutsche Stadt «auf Sicht» zu bombardieren.

Schlechtes Wetter war also die Ursache für den Irrflug über dem Kontinent. Viele Augenzeugen von damals erinnern sich aber, dass in Schaffhausen die Sonne schien.

In der Tat waren die Wetterbedingungen über dem Ärmelkanal und dem Kontinent damals miserabel. Über Schaffhausen aber gab es, wie erwähnt, ein Loch in den Wolken und schien die Sonne. Tragischerweise, muss man im Nachhinein sagen! Denn dies erlaubte erst die Bombardierung «auf Sicht». Dass die Amerikaner in ihren Communiqués dann immer von schlechtem Wetter als Begründung für das Fehlbombardement sprachen, musste deshalb die Schaffhauser Bevölkerung zwangsweise befremden.

Manche fragen sich bis heute: Wo war eigentlich die Fliegerabwehr?

Diese war damals in der Grenzregion – gerade auch für Flugzeuge in 7000 m Höhe – quasi inexistent. Auch in all den Berichten der amerikanischen Bomberstaffeln steht unter dem Punkt gegnerische Fliegerabwehr lakonisch «keine».

Die alte Frage «Absicht oder Irrtum?» lässt vielen Leuten keine Ruhe. Was ist der aktuelle Stand der Geschichtsforschung?

Die Faktenlage ist inzwischen völlig klar: es gibt unter all den Hunderten von Akten, die ich in amerikanischen und englischen Archiven einsehen konnte, keine einzige, die auch nur den leisesten Zweifel daran lässt, dass die Bombardierung vom 1. April 1944 ein tragischer Irrtum war. Trotzdem gibt es noch immer Leute, die angebliche Ungereimtheiten zum Anlass nehmen, um sich selber eine Theorie zu basteln – und ich werde auch jetzt wieder ‹böse› Briefe kriegen (lacht).

Was spricht im Übrigen gegen eine gezielte, willentliche Bombardierung?

Wieso hätten sich die USA, wenn sie ein Zeichen hätten setzen wollen, so schnell entschuldigt und Schadensersatz bezahlt? Das Fehlereingeständnis war ja ein ziemlicher Imageschaden für sie. Warum hätte ferner nur ein so kleiner Teil der ursprünglich fast 1000 gestarteten Flugzeuge Schaffhausen bombardiert? Und: Die Amerikaner hatten damals schon sehr genaue Pläne der Industrieanlagen, die sie treffen wollten – und hätten deshalb garantiert viel gezielter etwa die SIG, die damals fast auf der sogenannten Black List der Alliierten war, oder auch die Georg-Fischer-Werke getroffen, aber nicht eine Lederwaren-, Silberwaren- oder Velofabrik. Nein, die Absichtstheorie entbehrt jeglicher Grundlage und ist voller Widersprüche.

Das Ereignis beschäftigt offenbar auch ein Dreivierteljahrhundert später die Gemüter. Warum?

Das ist wirklich so. Ich bekomme regelmässig auch Anfragen von Maturanden, die zur Bombardierung eine Arbeit schreiben wollen. Weltgeschichte im Grossen ist aus Büchern, Filmen und aus History-Sendungen hinlänglich bekannt. Aber die lokalen Aspekte davon sind eben unmittelbarer, Geschichte zum Anfassen vor der Haustüre sozusagen.

Matthias Wipf: Schaffhausen – ein tragischer Irrtum. 2019, Meier Buchverlag Schaffhausen, 108 S., Fr. 23.–

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