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BRASILIEN: In der Hängematte auf dem Amazonas

Wer auf dem Amazonas von Manaus nach Santarem fährt, braucht eine Hängematte. Und bescheidene Ansprüche, denn Privatsphäre gibt’s hier nicht.
Auf dem Deck des Amazonas-Schiffs hat man den besten Ausblick. (Bild: Christopher Gilb)

Auf dem Deck des Amazonas-Schiffs hat man den besten Ausblick. (Bild: Christopher Gilb)

Der Hafen von Manaus, kurz vor 11 Uhr an einem Montagvormittag: «Anna Karoline die Zweite» wird beladen. Nicht jedem ist die Nacht in der alten Kautschukmetropole mitten im Dschungel in der Vorkarnevalszeit so gut bekommen. Ein Tourist kniet sich an den Rand des Steges und übergibt sich ins pechschwarze Wasser. Es war wohl der Anblick des wackelnden Seelenverkäufers (seemännischer Begriff für nicht voll seetüchtiges Schiff), der den letzten Caipirinha in ihm noch einmal an die Oberfläche brachte.

Drei Decks hat das Schiff und eine Dachterrasse. Es könnte einen neuen Putz vertragen, die Farbe blättert allerorts ab. Massenhaft Menschen steigen über enge Leitern von Stock zu Stock. Dabei haben sie allerlei Hab und Gut, aber vor allem eine Hängematte dabei. Die einfachsten Modelle kosten knapp zehn Franken in den Geschäften rund um den Hafen; die Schnüre, um sie festzubinden, sind im Preis inbegriffen. «Anna Karoline II.» hat auch einige kleine Schlafkabinen an Bord. Diese kosten mehr als doppelt so viel als ein Hängemattenplatz, den es für rund 40 Franken gibt, und wer will schon bei der tropischen Hitze in der Enge einer solchen Kabine vor sich hinvegetieren?

An der Bar gibt’s Samba und jede Menge Dosenbier

Die meisten Fahrgäste sind Brasilianer. Sie nutzen die einzige Verbindungsroute ausser dem Luftweg zwischen der Me­tropole mitten im Dschungel und der brasilianischen Küste. Doch es sind auch Touristen an Bord. Man erkennt sie an ihren Trekkinghängematten und dem Gebäck, dass sie ständig mit sich tragen, um es nirgends unbewacht stehen zu lassen. Das erste Deck des Schiffs dient als Frachtraum, nur ein Auto fährt mit. Auf den beiden anderen Decks befinden sich das Schiffsrestaurant, eine kleine Bar, die Steuerkabine, die Schlafkabinen, Toiletten, die gleichzeitig auch Duschen sind, und jede Menge Haken an den Wänden. Schnell haben sich die Fahrgäste eingerichtet, teils werden drei Hängematten übereinander befestigt. Beide Decks sind zwar überdacht, seitlich aber nicht geschlossen. So weht trotz der Hitze ein kühles Lüftchen in Richtung der Hängemattenschlafplätze.

Die Fahrt geht los. Auf dem Dach des Schiffs hat man den perfekten Panoramablick. Lichterketten, die an der Reling des Dachs hängen, zeugen von vergangenen Partys an diesem gemütlichen Ort. Dann geht es wieder hinunter zur kleinen Bar am Heck, wo einige Plastikstühle bereitstehen und zu berauschenden Sambaklängen brasilianisches Dosenbier getrunken wird. Schon wenige Kilometer nach der Millionenmetropole Manaus erleben die Schiffspassagiere ihren ersten visuellen Höhepunkt. Encontro das Aguas (Treffen der Wasser) heisst der weltbekannte Teil des Flusses, wo sich der bräunlich-gelbliche Rio Solimões und der pechschwarze Rio Negro treffen. Es ist ein einmaliges optisches Schauspiel, denn die beiden Flüsse vermischen sich erst allmählich, so dass anfänglich beide Flüsse nebeneinander fliessen und nur kleine bräunlich-gelbliche Wasserinseln im schwarzen Wasser des Rio Negro zu sehen sind. Die Ursache dafür liegt in den unterschiedlichen pH-Werten und Fliessgeschwindigkeiten der beiden Flüsse.

Nach elf Kilometern weist der Fluss dann eine einheitlich gelbliche Farbe auf und der Rio Negro ist verschwunden. Viel Verkehr herrscht nicht auf dem Fluss, dessen Breite meist mehrere Kilometer beträgt. Alle paar Stunden kommt ein anderer Seelenverkäufer vorbei, oder in weiter Ferne am Ufer des Dschungels, durch dessen Mitte der Amazonas fliesst, ist ein Fischerboot sichtbar. Nur einmal, am Morgen des zweiten Tages, fährt ein grosses Frachtschiff mit chinesischem Namen vorbei. Dreimal am Tag ist Essenszeit im Restaurant. Am Morgen erwartet die Passagiere ein Früchteteller, am Mittag und Abend haben sie dann die Qual der Wahl. Es gibt zweimal die gleichen zwei Menus, diese könnten den Namen «alles mit allem mit Poulet» und «alles mit allem mit Schwein» tragen. Nebst dem Fleisch befindet sich die gleiche Mischung aus Spaghetti, Reis, Bohnen und Salat auf den Tellern oder in den Take-away-Behältern.

Die meisten Passagiere sitzen den Tag über in ihren Hängematten oder auf einem Plastikstuhl an der Reling und suchen mit ihren Blicken den Horizont ab. Sie sehen vor allem den grünen Dschungel, dazwischen immer mal wieder eine Farm, längliche Inseln. Dreimal hält das Schiff an kleinen Städtchen an. Verkäufer rennen übers Deck, um Früchte, warmes Essen und Getränke zu verkaufen. Einmal kommt auch die brasilianische Polizei an Bord. Akribisch beäugen die Polizisten jeden einzelnen Pass. In der Nacht beginnt es zu regnen. Es ist ein tropischer Regen. Schnell stehen die Passagiere auf, um eine Blache zwischen Geländer und Dach zu befestigen. Doch mindestens die erste Reihe der Gäste wird unsanft aus dem Schlaf gerissen und von Kopf bis Fuss vom Regenguss durchnässt.

Flussdelfine begleiten das Schiff

Am nächsten Tag kommen die Fahrgäste noch in den Genuss des Anblicks von Flussdelfinen, die rund ums Schiff immer wieder auf- und abtauchen. Gegen 17 Uhr endet die eineinhalbtägige Fahrt, das Schiff trifft in der 300 000-Einwohner-Stadt Santarem, die knapp in der Mitte der rund 1700 km langen Strecke zwischen Belem und Manaus liegt, ein. Hier erhalten Reisende auch einen Blick auf die Zukunft: Im Hafen liegt ein Kreuzfahrtschiff direkt neben einem klassischen Amazonaspassagierschiff. Der Grössenunterschied ist gigantisch. Der Riese will nicht so ganz ins Bild des friedlichen Flusses passen. Für den Grossteil der Touristen geht es in Santarem per Bus nach Alter do Chão weiter, ein kleines Aussteigerparadies in der Nähe mit fast tropischem Amazonasstrand. Viele der Einheimischen hingegen warten auf die nächste Weiterfahrgelegenheit nach Belem.

Christopher Gilb

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