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BRASILIEN: Nur der Wind streicht sanft übers weisse Laken

Lençois Maranhenses, der Nationalpark im Nordosten des Landes, ist ein atemberaubender Riesen- sandkasten. Besucher dieser Urlandschaft wähnen sich in manchen Momenten in einer Traumwelt.
Ein magischer, beinahe surrealer Ort: Sand, Wind und Wasser schufen eine einzigartig Landschaft, das Lençois Maranhenses. (Bild: Getty)

Ein magischer, beinahe surrealer Ort: Sand, Wind und Wasser schufen eine einzigartig Landschaft, das Lençois Maranhenses. (Bild: Getty)

Text und Bilder Kurt Horat

«An welchen Ort würdest du sofort zurückkehren?» Für den Globetrotter Claudio Sieber (34) – seit zwei Jahren mit seiner Kamera unterwegs in allen Erdteilen – ist klar: «In die Lagunenlandschaft des Lençois Maranhenses in Brasilien, wo ich barfuss mit dem Zelt unterwegs war.»

Fürwahr ein magischer Ort: Sand, Wind und Wasser kreierten hier eine einzigartige Landschaft. Und diese verändert sich ständig: Die Berge und Täler aus schneeweissem Sand werden vom Wind aus Nordosten permanent bearbeitet. Die Wanderdünen, manche bis zu 70 Meter hoch, all diese sichelförmigen Sandhügel hier an der Küste des Bundesstaat Maranhao – sie wandern bis zu 20 Meter im Jahr. Auf über 155 000 Hektaren breitet sich das «Leintuch» aus. Die Temperaturen sind paradiesisch – sie variieren zwischen 22 und 37 Grad bei konstanter Brise aus Nordost.

Die Besucher der Urlandschaft wähnen sich in manchen Momenten fernab der Wirklichkeit – in einer spektakulären anderen Welt, die sie vielleicht so ähnlich in einem Traum schon einmal erahnt haben.

Hinter jeder Düne eine Lagune

Seit 1981 ist das Lençois Maranhenses ein Nationalpark. Obwohl in Nachbarschaft zum Amazonasregenwald gelegen, ist das «Leintuch» beinahe eine Wüste. Und doch auch wieder nicht: Im Vergleich mit der Sahara regnet es hier 300-mal mehr. «Jedes Jahr fallen hier etwa 120 Zentimeter Regen», wissen die Führer zu berichten. Und wie in jeder Wüstenei ist auch hier empfehlenswert, in ortskundiger Begleitung zu touren.

Weil reichlich Regen fällt, folgt hinter fast jeder Düne eine kristallklare Süsswasserlagune, in der sich auch Fische und Schildkröten tummeln. Dies zumindest in der Regensaison, welche meist im Januar beginnt und bis Ende April dauert. In den folgenden Monaten trocknen die meisten Lagunen allmählich aus. Die Fische haben Überlebensstrategien: Der Laich überlebt in den noch feuchten, unteren Schichten im Sand, und die folgende Generation schlüpft erst in der nächsten Regenzeit. Nur zwei grosse Lagunen, Lagoa Bonito und Lagoa do Peixe, haben ganzjährig Wasser und sind touristische Besuchermagnete.

Flüsse schwemmen Sand in den Atlantik

Die Ankommenden fragen natürlich: Woher kommt all der Sand? Nun, zwei angrenzende Flüsse, der Parnaíba und der Preguiças, schwemmen Sand aus dem Landesinnern in den Atlantik, wo dieser von der Strömung nach Nordwesten verfrachtet wird. Ein Grossteil der Sedimente lagert sich entlang des 70 Kilometer langen Ufers dieses Schutzgebietes ab. In der Trockenzeit, vor allem aber im Oktober und November, verfrachtet der ständige Nordostwind sie dann bis zu 50 Kilometer weit ins Landesinnere und modelliert all die Dünen, die nun wie ein Meer aus Sand bis zum Horizont verlaufen.

Das volle Panorama der brasilianischen Sahara bekommen einzig Touristen zu Gesicht, die einen der Rundflüge buchen, die in Barreirinhas starten. Die meisten begnügen sich damit, vom nahe gelegenen Kolonialstädtchen Sao Luis aus Tagesausflüge oder Zwei- bis Drei-Tage-Touren ins «grosse Bettlaken» zu machen, in den Dünen zu wandern und in türkisblauen, wohlig-warmen Lagunen zu baden.

Bus, Jeep, Motorboot und Riesenpneu

Der Drei-Tage-Ausflug, den die meisten machen, verläuft etwa so: Frühmorgens wird in Sao Luis gestartet. Die kurvenreiche Fahrt im Kleinbus zum Städtchen Barreirinhas, 260 Kilometer Luftlinie entfernt, vorbei an Palmen und Cashewbäumen, dauert viereinhalb Stunden. Barreirinhas gilt als Eingangstor zum Lençois-Maranhenses-Nationalpark. Hier steigt man in den offenen Vier-Rad-Jeep um und überquert mit der Fähre den Fluss Preguiças. Eine anschliessende Wanderung führt zum Blauen See (Lagoa Azul), zur Lagoa do Peixe und zur Schönen Lagune (Lagoa Bonita).

Am zweiten Tag tuckern die Besucher im Motorboot auf dem Fluss Preguiças Richtung Meer. Der erste Halt ist Vassouras, um die örtliche Tierwelt zu bestaunen. Die zweite Station ist Mandacaru, ein kleines Fischerdorf. Postkarte dieses Ortes ist der hohe Leuchtturm mit einem schönen Blick über das Lençois, den Preguiça-Fluss und die Mangrovenwälder.

Am dritten Tag folgt eine Fahrt im offenen Jeep über die Sandpiste nach Cardosa, das einen Einblick ins Leben und Handwerk der lokalen Bevölkerung gewährt. Auf dem Rio Formiga (Ameisenfluss), einem kleinen Flüsschen mit klarem, warmem Wasser, gleitet danach jeder für sich an Bord eines Riesenpneus durch die Gegend, bestaunt die Vegetation und das friedliche Leben der Flussanwohner.

Für Individualisten

Im Februar dieses Jahres besuchten wir das Lençois von Norden vom Örtchen Santo Amaro herkommend per Land-Rover, und unser Motorista Joao führte uns durch die Sandwüste bis nach Queimada dos Britos. Was auf den ersten Blick kaum möglich erscheint: Es gibt eine Gemeinschaft, die in der Mitte dieser Dünenwelt lebt. Die kleine Siedlung ist wie eine Oase vom Sand des Lençois umgeben. Etwa hundert Menschen leben hier – und alle sind sie irgendwie miteinander verwandt. Sie gehören zur weit verzweigten Familie des Manuel Brito, der sich vor vier Generationen hier in der Einöde ansiedelte. Fischen und die Haltung von Rindern und Ziegen bildet die Lebensgrundlage für die Britos. Wobei sich die Tiere in der kargen Vegetation der fixen Dünen frei bewegen und sich selbst versorgen.

Die Menschen leben ohne Strom, ohne fliessendes Wasser, in einfachsten Verhältnissen. Erst ein paar schüchterne Solarpanels sind zu entdecken. Und trotzdem findet Dona Joana, die eine kleine Herberge führt, dass sie am wohl schönsten Ort der Erde lebe. Übernachtet wird bei ihr in der Hängematte unter Palmen. Wenn es um sechs Uhr abends Nacht wird – wie üblich in Äquatornähe –, erhellen nur noch die Herdfeuer und ein paar Öllampen den Ort. Und ausser dem heiseren Schreien eines halbwilden Esels ist nur mehr das Lispeln des Windes in den Palmen zu hören. So wiegt es sich in Queimada dos Britos in den Schlaf.

Drei-Tage-Wanderung durch den Sand

Wenig begeistert von der Tourenführung der örtlichen Guides in Barreirinhas war Globetrotter Sieber im Februar vorletzten Jahres. Er erzählte: «Hinterhältig verschmitzt lächelt der betrunkene Reisebüroangestellte, als ich am Abend nach der frühzeitigen Rückkehr von der Tour nach einer möglichen Route durch die Wüste frage; solo, ohne pfeifende Aufpasser, ohne Geniessen auf Kommando.

Nach etwas Bedenkzeit erklärt er mir auf Portugiesisch den Weg anhand einer illustrierten Karte. Konzentration auf 35 Grad nordöstlich quer durch die Wüste bis zum Atlantik, dann bei der Küste rechts. So sollte ich in drei Tagen wieder nahe der Zivilisation sein. Dank des grossen Angebots an Regenwasser würde ich kaum verdursten, scherzt er und wünscht mir viel Glück.

Nach drei Tagen des Wanderns, barfuss durch den puderweichen Sand, fast surreal und magisch, erreiche ich planmässig Atins, ein charmantes Fischerdorf. Ich fühle mich in der Zeit zurückversetzt. Menschen, Esel und Pferde teilen sich die Sandwege, Kühe stehen beieinander und geniessen den Sonnenuntergang, Palmen dienen als Telefonmasten. Eine natürliche Rehaklinik! Behutsam spalte ich meine selbst ergatterte Kokosnuss und nehme schweren Herzens Abschied von diesem magischen Ort.»

Reise in die Lagunenlandschaft

Barreirinhas ist das Tor zum Nationalpark. Die Stadt São Luis gewährleistet mit seinem Flughafen die Anbindung an den Rest der Welt. Beste Reisezeit: Mai bis August.
www.brasa.ch

Von der Welt beinahe vergessen: Etwa hundert Menschen leben im Oasendorf. (Bild: Kurt Horat)

Von der Welt beinahe vergessen: Etwa hundert Menschen leben im Oasendorf. (Bild: Kurt Horat)

Ein Bad im wohlig warmen, kristallklaren Wasser der Lagunen. (Bild: Kurt Horat)

Ein Bad im wohlig warmen, kristallklaren Wasser der Lagunen. (Bild: Kurt Horat)

Dona Joana führt eine kleine Herberge in Queimada dos Britos. Die kleine Siedlung liegt mitten in der Dünenwelt. (Bild: Kurt Horat)

Dona Joana führt eine kleine Herberge in Queimada dos Britos. Die kleine Siedlung liegt mitten in der Dünenwelt. (Bild: Kurt Horat)

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