Religion
Ist die Christkatholische Kirche eine Alternative zur römisch-katholischen?

In Deutschland wechseln vermehrt römisch-katholische Christen, die von ihrer Kirche frustriert sind, zu den Altkatholiken. Warum dies in der Schweiz etwas anders aussieht, dafür hat der christkatholische Bischof Harald Rein eine Erklärung.

Barbara Ludwig, kath.ch
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Jahr für Jahr verlieren die Römisch-katholische und die Evangelisch-reformierte Kirche in der Schweiz Tausende von Mitgliedern durch Austritte. Wer dort austritt – aus welchen Gründen auch immer – geht in den seltensten Fällen zu den Christkatholiken, obschon dies naheliegend wäre.

Harald Rein (*1957) ist siebter Bischof der Christkatholischen Kirche der Schweiz.

Harald Rein (*1957) ist siebter Bischof der Christkatholischen Kirche der Schweiz.

Bild: Patrick Luethy

Zwar gibt es Übertritte von römisch-katholischen Christen – allerdings auf einem bescheidenen Niveau, wie der christkatholische Bischof Harald Rein (64) auf Anfrage sagt. «Wir haben pro Jahr durchschnittlich 100 Übertritte. Davon sind vielleicht 98 aus der Römisch-katholischen Kirche.» Übertritte aus der evangelisch-reformierten Kirche gebe es kaum.

Kleines Wachstum dank Übertritten

Für die christkatholische Kirche, die nach Angaben des Bischofs Ende 2021 zwischen 12000 und 14000 eingetragene Mitglieder zählt, sind die Übertritte der Abtrünnigen dennoch von Bedeutung:

«Im Moment können wir unsere Mitgliederzahlen halten. Es gibt sogar ein kleines Wachstum. Angesichts der Säkularisierung bin ich darüber sehr glücklich»,

sagt Harald Rein. Der Bischof ist sich sicher, dass dieser Effekt auf die Übertritte aus der Schwesterkirche zurückzuführen ist und nicht auf die Migration. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten klar, dass nur die Römisch-katholische Kirche von der Zuwanderung profitiere und Kirchen, die neu entstünden.

Frauenordination und «Ehe für alle» sind attraktiv

Gründe für den Wechsel zur kleineren Kirche gebe es zwei, sagt Harald Rein. «Der eine Grund ist, dass man innerhalb der Ehe oder der Familie lieber einer einzigen Konfession angehören möchte. Der zweite Grund sind die Frauenordination und die ‹Ehe für alle›.»

Seit 1999 dürfen Frauen in der christkatholischen Kirche Priesterin werden. Und im Juni wird aller Voraussicht nach die christkatholische Synode in Olten die «Ehe für alle» beschliessen. In der Römisch-katholischen Kirche gibt es beides bislang nicht, obschon viele seit Jahren einen Wandel in verschiedenen Bereichen fordern.

Trotz Reformstau profitieren die Schweizer Christkatholiken also nicht im selben Ausmass vom Frust ihrer römisch-katholischen Geschwister wie die Altkatholiken in Deutschland. Bischof Harald Rein führt das auf den guten ökumenischen Geist in der Schweiz zurück und auf die eigene Zurückhaltung:

«Es gehört zu unserem Verständnis, dass wir die Römisch-katholische Kirche nicht konkurrenzieren wollen und auch nicht konkurrenzieren werden.»

Die altkatholische Kirche in Deutschland wolle eine Alternative sein. In der Schweiz verzichte man bewusst darauf, sich als solche anzupreisen.

System, das grossen Spielraum bietet

Rein ist zudem der Ansicht, dass auch das duale System eine Rolle spiele. Gemeint ist das Miteinander von staatskirchenrechtlichen und kirchenrechtlichen Strukturen, wie es vor allem in Deutschschweizer Kantonen existiert. «Dank des dualen Systems können viele so leben, wie wenn sie christkatholisch wären», sagt Harald Rein und lacht. Sie könnten zum Beispiel ihren Pfarrer sowie auch die Mitglieder der Kirchenpflege wählen. Das duale System biete einen grossen Spielraum.

Beiläufig erwähnt Harald Rein einen weiteren Grund, der manche von einem Übertritt abhalten könnte beziehungsweise einen solchen erschwert: Die Hälfte aller Christkatholiken lebe in den Kantonen Aargau und Solothurn, die andere Hälfte in den grossen Städten. In den übrigen Gebieten fehlen demnach die Strukturen für ein Gemeindeleben.