Interview

Christoph Albrecht ist der Seelsorger für die Jenischen in der Schweiz

Der Jesuit Christoph Albrecht leitet seit vier Jahren die Katholische Seelsorge der Fahrenden in der Schweiz. Bei seinen Besuchen bei den Jenischen erhält er Einblick in eine ganz eigene Welt mit ihren Kulturen und Traditionen.

Vera Rüttimann
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Christoph Albrecht, SJ (*1966), leistet Fahrenden seit 2016 seelischen Beistand.

Christoph Albrecht, SJ (*1966), leistet Fahrenden seit 2016 seelischen Beistand.

Bild: Vera Rüttimann (Einsiedeln, 4. August 2020)

Wie kam es dazu, dass Sie Seelsorger für die Fahrenden geworden sind?

Christoph Albrecht: Seit 2010 war ich Universitätsseelsorger in Basel und verantwortlich für den Jesuiten-Flüchtlingsdienst in der Schweiz. 2016 bekam ich in der Universitätsgemeinde einen Nachfolger. Da war die Seelsorgestelle für die Fahrenden vakant. Ich bewarb mich, und weil sich dafür niemand anders gemeldet hatte, war das für mich wie ein Ruf oder ein Wink Gottes.

Was sind Ihre Aufgaben als Seelsorger für Fahrende?

Ich besuche die Jenischen auf den Plätzen, wenn sie mich darum bitten. Vieles lässt sich in Telefongesprächen klären. Doch ich reise gerne durch die halbe Schweiz, um mit ihnen die verschiedensten Fragen zu besprechen, zu beten, Bibelkurse zu leiten, Gottesdienste zu feiern und Wallfahrten vorzubereiten. Mit grosser Freude sehe ich, wie wir so gemeinsam an einer Kirche bauen, die sich in ihrer Kultur verankert.

Welche Themen beschäftigen die Jenischen?

Es geht um Themen wie Krankheit und Tod, Bibel und Gebet sowie Beziehungsfragen. Immer wieder auch um ganz lebenspraktische und beruflich relevante Themen. Die Coronakrise und die diesbezüglichen Verordnungen erschweren für manche nicht nur die Arbeit, sondern auch die Suche nach Stand- und Durchgangsplätzen, sind diese doch auch unter normalen Bedingungen schon knapp.

Religion und Spiritualität sind bei den Jenischen zentral wichtig. Warum ist das so?

Die Jenischen pflegen untereinander einen starken familiären Zusammenhalt. Das, was sie von ihren Eltern und Grosseltern an religiöser Prägung erfahren haben, leben sie und vermitteln es auch ihren Kindern. Trotz ihrer kulturellen Eigenständigkeit finden sie liturgisch eher Anknüpfungspunkte bei traditionellen Ausdrucksformen.

Wie drückt sich das konkret aus?

Ihre fahrende Lebensweise hat viel mit einer heute beliebten «Spiritualität unterwegs» zu tun. Unter den Sesshaften entdecken ja heute viele spirituell suchende Menschen das Pilgern. Auch manche Jenische haben mir von ihrem Weg nach Santiago de Compostela erzählt. Pilgern ist für die Fahrenden wichtig. Wenn die Leute im Juli an der jährlichen Wallfahrt in Einsiedeln sind, dann bleiben sie jedoch mit ihren Wohnwagen die ganze Woche am Ort.

Die Marien-Frömmigkeit ist bei den Jenischen gross. Wie erleben Sie das?

Ich bin in Riehen bei Basel in einer katholischen Pfarrei aufgewachsen, war Ministrant und habe in Jugendgruppen mitgemacht, die in der reformierten Kirche ebenso verwurzelt waren. Mein Engagement ist seit Jahrzehnten ökumenisch ausgerichtet. Deshalb ist mir die Marienverehrung mancher katholischer Fahrender nicht so vertraut. Doch an Prozessionen, wie ich sie hier mit den Jenischen in Einsiedeln erlebe, lerne ich auch von ihnen. Es berührt mich, zu sehen, wie inbrünstig die Menschen zusammen mit allen Heiligen ihr Vertrauen auf Gottes Schutz und Hilfe setzen.

Wie wichtig ist in Ihrer Arbeit mit den Jenischen die Katechese?

Vor allem bei Familien mit Kindern im Erstkommunion-Alter sehe ich ein beeindruckendes Interesse an aktiver Beteiligung. An Samstagnachmittagen, wenn wir uns zur Bibelstunde mit den Kindern treffen, kommen meistens Eltern, Geschwister, Tanten, Onkel und Grosseltern mit. Dann machen wir parallel dazu auch Runden zur Bibellektüre und Glaubensvertiefung mit Erwachsenen. Ihr Interesse an theologischer Weiterbildung ist zum Teil auch motiviert durch die Konfrontation mit Leuten, die ihnen sagen, der katholische Glaube sei gar nicht christlich. Die Katechese mit ihnen ist aber auch für mich selbst ein wunderbares Lernfeld. Oft erkläre ich etwas mit Worten aus meiner theologisch reflektierten Glaubenserfahrung. Nicht alle verstehen diese Sprache. Doch im Dialog kommen wir dem Gemeinten näher, und ich lerne, wie sie ihre Glaubenserfahrung in Worte fassen und mit den biblischen Geschichten in Bezug bringen.

Gibt es bei der Arbeit mit den Flüchtlingen und den Jenischen Gemeinsamkeiten?

In der Bibel gib es viele Migrationsgeschichten. Bei den geflüchteten Menschen ist es so, dass sich viele unter schwierigsten Bedingungen gegen ihren Willen entschlossen haben, aufzubrechen. Sie sind auf der Suche nach einem Ort, wo sie sich endlich niederlassen können. Bei den Jenischen ist es genau andersrum: Diejenigen, die noch die fahrende Kultur pflegen, sind zwar auch unterwegs. Nur kämpfen sie dafür, dass sie eben nicht sesshaft werden müssen.

Als Seelsorger hören Sie auch Belastendes. Woher holen Sie die Kraft?

Je mehr ich mich im Gebet mit den Menschen verbinde, desto mehr fühle ich mich mit Gott verbunden. Wer je den Sinn der Solidarität begriffen hat, wie Jesus sie selber gelebt hat und die eine Kernbotschaft des Evangeliums ist, der wird sich auf die Seite schlagen, wo die Übervorteilten und die Verachteten sind. Das heisst für mich automatisch auch, dass man ihre Ohnmachtserfahrungen teilt. Was hoffen heisst angesichts von unmöglichen Situationen, das können wir von ihnen lernen.