Citizen Science
Vögel zählen und Galaxien klassifizieren: Die Wissenschaft benötigt Ihre Hilfe

Forscherin oder Forscher zu werden, ist nicht schwer, zumindest für ein paar Stunden. Wer sich freiwillig in Projekten engagiert, kriegt einmalige Einblicke ins All, ins Wasser oder in den Dschungel.

Niklaus Salzmann
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Bei der «Stunde der Gartenvögel» machten letztes Jahr Tausende mit.

Bei der «Stunde der Gartenvögel» machten letztes Jahr Tausende mit.

Birdlife Schweiz

Eine Stunde in den Garten sitzen und Vögel beobachten: So lautet die Aufgabe, die Birdlife Schweiz gestellt hat. Und erfahrungsgemäss folgen viele dem Aufruf. Im vergangenen Jahr hatten 7000 Personen, Familien und Gruppen ihre Beobachtungen gemeldet. Kam dieser Rekordwert zu Stande, weil damals Restaurants und die meisten Läden wegen Corona geschlossen waren? Oder ist die sogenannte «Stunde der Gartenvögel» inzwischen so bekannt, dass dieses Jahr noch mehr teilnehmen werden?

Es wird sich zeigen – die Aktion, die am Mittwoch begann, läuft noch bis am Sonntag. Birdlife führt sie zum siebten Mal durch. Im ersten Jahr wurden 17519 Vögel aus 110 Arten gemeldet, letztes Jahr bereits 220'733 Vögel aus 177 Arten.

In der Ornithologie spielen Privatpersonen seit jeher eine grosse Rolle. Die breite Bevölkerung kann weit mehr Beobachtungen liefern, als es ein Institut könnte. So stützen sich die Brutvogelatlanten diverser Länder auf Meldungen von Privatleuten ab. «Citizen Science» nennt sich dies, wenn ein wissenschaftliches Projekt auf die Mitarbeit von Laien (wörtlich übersetzt: Bürgerinnen und Bürgern) zurückgreift.

1700 Papierbögen zum Abtippen

Rosy Mondardini, Geschäftsführerin am Citizen Science Center der Universität und der ETH Zürich, sagt:

«Ein typisches Anwendungsgebiet von Citizen Science sind Projekte mit grossen Datenmengen. Entweder tragen die Leute selber Daten bei oder sie helfen beim Analysieren.»

Das Zentrum wurde 2017 geschaffen, um die zahlreichen Projekte dieser beiden Hochschulen zu koordinieren und das Gebiet zu fördern.

Aktuell sind auf der Plattform rund zwanzig Forschungsprojekte aufgelistet. Bei einem geht es zum Beispiel um Schweizer Dialekte. Es greift auf 1700 Papierbögen zurück, auf die vor rund hundert Jahren von Hand schweizerdeutsche Sätze geschrieben wurden.

Der Wissenschafter, der sie einst gesammelt hatte, war mit der Datenmenge überfordert. Nun schreiben Freiwillige die handgeschriebenen Sätze mit dem Computer ab und übersetzen sie in ihren heutigen Dialekt, um eine wissenschaftliche Auswertung zu ermöglichen.

Bürgerinnen und Bürger sammeln Abfall

Tiina Stämpfli von der Geschäftsstelle Citizen Science Schweiz beobachtet: «Projekte mit Dialekten sind bei Freiwilligen sehr beliebt. Da fühlen sich die Menschen betroffen.» Viele Projekte widmen sich auch gesellschaftlichen Problemen, bei denen die Beteiligten politisch Einfluss nehmen können.

So haben 2017 und 2018 Freiwillige an über hundert Standorten an Schweizer Gewässern Abfälle gesammelt. Es war die erste schweizweite Erhebung zur Litteringproblematik. «Dieses Projekt zeigt, dass auch Bürgerinnen und Bürger Projekte initiieren können», sagt Tiina Stämpfli.

«Menschen ausserhalb der Forschungsinstitutionen haben andere Perspektiven. Das kann helfen, blinde Flecken aufzudecken.»

Das Involvieren von Laien bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Nicht alle sind in der wissenschaftlichen Denkweise geschult. Arbeiten sie zuverlässig? Im Einzelfall ist das unsicher. Doch es gibt Methoden, diese Risiken zu minimieren und zu stichfesten wissenschaftlichen Daten zu gelangen.

Jede Galaxie wird von Dutzenden Laien begutachtet

Zum Beispiel beim Projekt Galaxy Zoo, das seit über zehn Jahren läuft und an dem der Physiker Kevin Schawinski, bis 2018 Professor an der ETH Zürich, beteiligt war. Ziel ist es, Millionen Bilder von Galaxien zu klassifizieren. Ist auf dem Foto ein rundes, ein ovales oder ein längliches Objekt zu sehen? Ist es spiralförmig, hat es Strahlen oder einen Ring rundherum? Vielleicht wird da mal was falsch angeklickt. Aber jedes Bild wird von Dutzenden Freiwilligen begutachtet, und in der Summe entsteht eine hohe Zuverlässigkeit. Spannend daran für die Beteiligten: Sie kriegen Bilder aus dem All zu Gesicht, die niemand sonst je gesehen hat.

«Projekte sollten immer so gestaltet sein, dass den Freiwilligen etwas zurückgegeben wird», sagt Rosy Mondardini. Das kann die Gelegenheit sein, aussergewöhnliche Bilder zu sehen, sei es von Galaxien im All, von Belugas im Wasser oder von exotischen Tieren im Dschungel. Auch der Kontakt zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist ein Anreiz.

Mondardini: «In Zürich ermutigen wir die Bürgerinnen und Bürger und die Forschenden, so viel wie möglich zusammenzuarbeiten.» Oft werden Laien sogar zusammen mit Fachleuten als Autorinnen und Autoren in wissenschaftlichen Publikationen aufgelistet.

Die Amseln werden seltener in den Gärten

Bei der «Stunde der Gartenvögel» ist keine derartige Veröffentlichung geplant. Aber auch da zeigen sich erste Erkenntnisse oder zumindest Tendenzen aus den Daten der vergangenen Jahre. «Das Amselsterben lässt sich aus den Beobachtungen nachvollziehen», sagt Michael Gerber von Birdlife Schweiz.

«Zu Beginn war die Amsel noch in 90 Prozent der Gärten beobachtet worden, letztes Jahr nur noch in ungefähr 80 Prozent.» Eine mögliche Ursache für den Rückgang der Amselbestände in der Schweiz in den letzten Jahren ist das Usutu-Virus, dessen Verbreitung durch den Klimawandel begünstigt wird.

Die Amsel ist nicht mehr ganz so häufig wie noch vor sechs Jahren.

Die Amsel ist nicht mehr ganz so häufig wie noch vor sechs Jahren.

Pixabay

Die Birdlife-Aktion ist aber nicht auf Erkenntnisse nach wissenschaftlichen Standards ausgelegt. «In erster Linie geht es uns darum, die Leute zu sensibilisieren für die Vögel und ihre Lebensräume», sagt Michael Gerber. Im Onlineformular soll auch angekreuzt werden, ob der Garten zum Beispiel einheimische oder exotische Büsche, Blumenwiesen oder Holzhaufen enthält.

Da wird sich ziemlich sicher auch dieses Jahr dasselbe Muster zeigen wie in früheren Jahren: Wo naturnahe Elemente zu finden sind, leben mehr verschiedene Vogelarten. Und das ist eine zentrale Botschaft, die Birdlife vermitteln möchte.

Selber mitforschen: www.schweizforscht.ch/projekte