Aufsehen erregende Entdeckung der ETH Zürich: Testosteron-senkende Mittel schützen vor Covid-19

Männer mit Prostatakrebs, die eine Hormontherapie erhalten, sterben nicht an Covid-19 und haben weniger schwere Krankheitsverläufe. Das zeigt eine Schweizer Studie mit italienischen Männern.

Bruno Knellwolf
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Verschiedene Medikamente werden auf die Wirkung gegen Covid-19 untersucht.

Verschiedene Medikamente werden auf die Wirkung gegen Covid-19 untersucht.

Alexander Raths / 46179672

An Covid-19 sterben deutlich mehr Männer als Frauen. Das war auch schon bei den anderen Coronaviren-Erkrankungen Sars oder Mers so. Die Gründe dafür sind noch unklar. Als sicher gilt, dass das Immunsystem von Frauen schneller und effizienter auf Infektionserreger reagiert. Als Ursache dafür werden die unterschiedlichen Sexualhormone vermutet: das weibliche Östrogen und das männliche Testosteron. Das Östrogen unterstützt eine entzündungsfördernde Immunantwort des durch Viren angegriffenen Körpers, Testosteron unterdrückt diese Antwort des Immunsystems.

Studie mit 5200 Männern

Diese Vermutung erhält nun Nahrung durch eine aktuelle Studie der ETH Zürich und der Universität der italienischen Schweiz (USI) mit einer Untersuchung von 5200 Männern im italienischen Veneto. Gemäss dieser erkranken männliche Krebspatienten im Vergleich mit der gesamten männlichen Bevölkerung 1,8-mal häufiger an Covid-19. Zudem haben sie schwerere Krankheitsverläufe. Dabei zeigte sich aber eine Aufsehen erregende Ausnahme: Unter den Männern mit Prostatakrebs, deren Testosteronspiegel medikamentös abgesenkt wird, erkrankten nur sehr wenige an Covid-19. Und keiner dieser Patienten verstarb daran. Möglicherweise sind sie von einer Infektion mit Sars-CoV-2 geschützt. Und wenn sie doch infiziert werden, zeigen sie mildere Krankheitsverläufe. Unter den Patienten mit Prostatakrebs war das Risiko für eine Sars- CoV-2-Infektion viermal geringer, wenn diese eine Hormontherapie erhielten.

Ein möglicher Schlüssel

Das könnte ein Schlüssel sein für die Entwicklung von Covid-19-Medikamenten. Denn Forscher haben vor kurzem entdeckt, dass ein Protein namens TMPRSS2 dem Pandemieerreger hilft, menschliche Zellen zu befallen. Genau dieses Protein ist aber bei Prostatakrebspatienten erhöht. Deshalb wird mit einer Hormontherapie die Konzentration dieses Proteins gesenkt. «Diese Zusammenhänge könnten erklären, warum Männer häufiger eine aggressivere Form von Covid-​19 entwickeln als Frauen», sagt der Studienleiter Andrea Alimonti, Professor an der USI und an der ETH Zürich.

Auch für Männer ohne Prostatakrebs

Somit ist es für die ETH-Forscher denkbar, dass testosteron-senkende Medikamente, die über einen begrenzten Zeitraum eingenommen werden, auch Männern ohne Prostatakrebs vor Covid-19 beziehungsweise einem schweren Krankheitsverlauf schützen. Alimonti hofft deshalb, dass andere Forscher auch Studien mit diesen Medikamenten durchführen, da weitere Abklärungen notwendig sind. Das schmälert die Hoffnung auf diese Medikamente nicht, allerdings dürften gemäss den Forschern solche Hormon-Medikamente erst vorbeugend eingesetzt werden, wenn weitere Studien die Wirksamkeit bestätigten.

Auch an anderen bereits bekannten Medikamenten wird deren Wirkung gegen Covid-19 erforscht. Zum Beispiel Antivirale Medikamente, die gegen HIV, Ebola und Hepatitis-C eingesetzt werden. Auch Malaria-Medikamente sind Kandidaten im Kampf gegen Sars-CoV-2. In der Schweiz werden in rund 300 Studien Medikamente gegen diese Krankheit getestet.