Interview

Die Pandemie und ihre Folgen: Erfolgsautor Thomas Meyer sagt, was wir aus der Coronakrise lernen können

Im Gespräch mit unserer Zeitung macht sich Meyer Gedanken zur aktuellen Corona- Pandemie. Zudem wirft er einen Blick auf seinen Kinoerfolg – und auch auf sich selbst.

Benno Bühlmann
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Autor Thomas Meyer

Autor Thomas Meyer

Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 9. Dezember 2019)

Thomas Meyer ist 1974 in Zürich geboren. Der selbstständige Texter und Autor hat 2012 seinen Debütroman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» veröffentlicht. Der preisgekrönte Bestseller ist 2017 verfilmt worden. 

Thomas Meyer, Sie haben kürzlich in einer Zeitungs­kolumne geschrieben, dass Sie froh seien um die gegenwärtige Covid-19-Krise, weil diese unsere Lebensweise ausgebremst und uns auf uns selbst zurückgeworfen habe. Was können wir Menschen dabei mitnehmen?

Die vergangenen Wochen haben uns gezeigt, dass viele Dinge, die wir bisher für normal und wichtig gehalten haben, vielleicht doch nicht immer notwendig sind: Ich denke da beispielsweise an das ständige Einkaufen, Herumfahren und Herumfliegen. Die aktuelle Erfahrung könnte dazu führen, dass wir uns künftig zweimal überlegen, ob dieser Ausflug oder jene Geschäftsreise wirklich dringend notwendig ist. Vor allem werden wir später sagen, dass wir in dieser Zeit der Pandemie Verletzlichkeit und Demut gelernt haben und einsehen mussten, dass wir uns die Erde niemals untertan machen dürfen.

Sie sind also überzeugt davon, dass die uns gegenwärtig aufgezwungene «Entschleunigung» eine heilsame Wirkung entfalten könnte?

Ja, das glaube ich. Vorher waren wir ständig unterwegs, um irgendwelche Projekte voranzutreiben oder wichtige Termine wahrzunehmen und hatten so gut wie keine Zeit für unsere Partner, unsere Kinder und schon gar nicht für uns selbst. Auch ich befand mich Anfang März noch pausenlos auf Achse und war für Lesungen fünf Abende hintereinander in Deutschland unterwegs. Doch dann wurde mir ganz unvermittelt durch die kurzfristige Absage der geplanten Lesungen eine Zwangspause verordnet, die mir sicher gutgetan hat.

Kommen wir auf Ihr Buch «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» zu sprechen. Darin geben Sie Einblick ins jüdisch-orthodoxe Milieu. Warum ist Ihrer Meinung der daraus hervorgegangene Kinofilm «Wolkenbruch» in der Schweiz zu einer der erfolgreichsten Filmproduktionen 2018 geworden?

Erklären kann ich das nicht. Aber ich habe eine Vermutung: Erstens ist es eine rührende Geschichte, die niemanden kaltlässt. Zweitens ist sie witzig erzählt. Und drittens gibt sie einen Einblick in eine Welt, die gerade den Zürchern bekannt, aber nicht vertraut ist. Die Summe davon hat wohl die Attraktivität ausgemacht, aber wie gesagt: Ich kann nur mutmassen.

Gibt es in diesem Film auch eine autobiografische Komponente? Sie selber haben ja eine jüdische Mutter, während ihr Vater aus einem christlichen Kontext stammt. Oder anders gefragt: Verstehen Sie sich selber als Jude?

Natürlich. Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat. Ich habe diese Regel nicht erfunden, akzeptiere sie aber in der gleichen Rangordnung wie die Tatsache, dass meine Mutter meine Mutter ist. Ich bin zwar nicht in einem orthodoxen Umfeld aufgewachsen, noch nicht mal in einem religiösen, aber auch an mich wurden klare Erwartungen gestellt bezüglich Lebensweise und Berufswahl. So gesehen haben das Buch und der Film eine autobiografische Komponente: Motti merkt, dass er etwas anderes will als seine Eltern, muss aber erst herausfinden, was genau. Bei ihm kommt der religiöse Aspekt hinzu. Das war meinen Eltern immer egal. Aber das Judentum ist nicht nur eine Religion, sondern auch eine Identität. Ich kann also Weihnachten feiern statt Chanukka und nie in die Synagoge gehen, aber wenn mich jemand fragt, ob ich Jude sei, antworte ich mit Ja. Und fühle mich persönlich angegriffen, wenn jemand abschätzig über Juden spricht.

Haben Sie selber als Kind auch Ausgrenzung erfahren, weil Sie Jude sind?

Nein, eine aktive Ausgrenzung habe ich als Kind nicht erlebt. Ich sah ja nicht aus wie ein religiöser Jude. Dennoch gab es auf dem Pausenplatz die typischen Holocaust-Witze, und die machten mich betroffen. Später, als ich offen dazu stand, jüdisch zu sein, kamen dann die Stereotypen: «Ah, das habe ich mir gedacht, du hast so eine Nase» oder «Du kannst sicher gut mit Geld umgehen». Besonders verletzend daran ist, dass man sich gegen diese Vorurteile nicht wehren darf, weil die Leute überzeugt sind, keine Antisemiten zu sein, und sich nicht einreden lassen wollen, eine entsprechende Haltung zu haben. Diese Diskussionen enden immer damit, dass ich der «rechthaberische Jude» bin.

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