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Sachbuch: "In Ruanda ist der Orgasmus der Frau heilig"

Bei Ruanda denken die meisten an den Völkermord von 1994. Dabei ist das kleine ostafrikanische Land der Schweiz in manchen Dingen voraus – zum Beispiel in Sachen Gleichstellung und Sex.
Interview: Melissa Müller
Barbara Achermann lebte während der Recherche für ihr Buch in der Hauptstadt Kigali. (Bild: Alice Kayibanda)

Barbara Achermann lebte während der Recherche für ihr Buch in der Hauptstadt Kigali. (Bild: Alice Kayibanda)

Journalistin Barbara Achermann staunte nicht schlecht, als sie 2016 den «Global Gender Gap Report» las. Zuoberst standen die üblichen Verdächtigen, skandinavische Länder mit vorbildlicher Gleichstellungspolitik. Aber an fünfter Stelle: Ruanda. Vor der Schweiz. «Wie kann das sein?», fragte sich die Reporterin. Beim Völkermord von 1994 waren in Ruanda eine Million Menschen umgebracht worden. Damals wurde das kleine Land als ­«Failed State» betitelt – als gescheiterter Staat. Heute gilt es als Vorzeigeland.

Sexologin Vestine (im blauen Kleid) klärt die Dorfbewohner auf. (Bild: Alice Kayibanda)

Sexologin Vestine (im blauen Kleid) klärt die Dorfbewohner auf. (Bild: Alice Kayibanda)

Barbara Achermann wollte herausfinden, was es mit dieser afrikanischen Express-Emanzipation auf sich hat. Sie flog für die Zeitschrift «Annabelle» nach Ruanda und schrieb eine preisgekrönte Reportage. Für ihr neues Buch «Frauenwunderland» reiste sie erneut in den Staat, der wie ein Bauchnabel in der Mitte des Kontinents liegt. Sie traf eine Musikerin, eine Sexologin, eine Designerin, eine 100-jährige Kriegsheldin, Firmenchefinnen und Politikerinnen.

Barbara Achermann, warum sollte man Ihr Buch über ein so weit entferntes Land lesen?

Weil Ruanda «good news» ist. Insbesondere seine Frauen, die in den vergangenen Jahren eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht haben. Und so weit entfernt wie viele denken, ist uns Ruanda gar nicht. Die Schweizer Entwicklungshilfe hat eine lange Tradition in Ruanda. Man suchte das Land aus, weil es unserem ähnlich ist: Ein kleines Binnenland, hügelig mit ein paar Viertausendern und vielen Bauern.

Wie kam es dazu, dass sich die Frauen nach dem Krieg emanzipierten?

Nach dem Genozid 1994 waren 70 Prozent der Bevölkerung weiblich. Viele Männer waren tot, geflohen oder im Gefängnis. Das Schicksal des Landes hing plötzlich an den Frauen. Viele waren gezwungen zu handeln, um zu überleben. Witwen schlossen sich zusammen, bestellten die Felder, reparierten Häuser, gründeten Unternehmen und gingen in die Politik. Heute sitzen in Ruandas Parlament zwei ­Drittel Frauen, mehr als in jedem anderen Land der Welt.

Wie war die Situation der Frauen vor dem Völkermord?

Sie hatten kaum Rechte, durften nicht erben, nicht einmal ein Bankkonto eröffnen oder in der Öffentlichkeit sprechen. Wie die 58-jährige Epiphanie, die ich getroffen habe. Sie durfte ohne die Erlaubnis ihres Mannes nicht einmal aus dem Haus. Und wenn sie rausging, dann hielt sie sich an seiner Hose fest, weil sie kaum Selbstvertrauen besass. Epiphanie verlor im Krieg ihren Mann und eines ihrer Kinder. Aber sie liess sich nicht unterkriegen. Heute ist sie eine erfolgreiche Unternehmerin und exportiert Kaffee in die ganze Welt.

Entscheiden die ruandischen Politikerinnen anders als ihre männlichen Kollegen?

Das weiblich dominierte Parlament setzte zahlreiche Neuerungen durch, von denen Frauen profitieren, etwa ein Gesetz gegen häusliche Gewalt oder einen Mutterschaftsurlaub. Auch veranlasste es, dass Binden und Tampons teils gratis abgegeben werden. Viele Schülerinnen können sich solche Hygieneartikel nicht leisten. Sie stopfen sich Blätter oder ein Stück Schaumstoff in die Unterhose, was zu peinlichen Pannen führen kann. Deshalb gehen viele Mädchen nicht zur Schule, wenn sie ihre Tage haben. Das weiss auch manche Parlamentarierin aus eigener Erfahrung.

Wie gehen Frauen in Ruanda mit der Doppelbelastung Familie und Beruf um?

Es ist dort üblich, dass Kinder von der Grossmutter, der Tante oder einer anderen Familienangehörigen betreut werden. Aber es sind immer noch vor allem Frauen für Haushalt und Kinderbetreuung zuständig.

Auch Sie haben zwei Söhne, fünf und neun Jahre alt. Für Ihr Buch sind Sie allein nach Afrika aufgebrochen, wie war das?

Ich musste den Kopf frei haben für die Recherche. Als ich dann aber dort war, habe ich meine Familie sehr vermisst. Man geht hin und denkt: Ich bin emanzipiert und schreibe ein Buch über emanzipierte Frauen. Gleichzeitig sehnt man sich danach, Hausfrau zu sein. Ein Widerspruch.

Wie gehen die Männer mit der Express-Emanzipation um?

Die Frauen konnten sich nur emanzipieren, weil die Männer das zuliessen. Viele merkten, dass auch sie davon profitieren, finanziell und emotional. Manche Männer fühlen sich aber benachteiligt. Beispielsweise müssen Studentinnen weniger gute Noten haben als ihre Kollegen, um an ein begehrtes Ausland­stipendium zu kommen. Das finden die Jungs unfair. Die Mädchen sagen aber: Wir haben jahrelang geputzt und gekocht, während unsere Brüder Hausaufgaben machen durften. Jetzt sind wir an der Reihe.

Ruanda sei der Schweiz auch in Sachen Sex voraus, schreiben Sie. Warum?

Die Lust der Frau spielt in der ruandischen Kultur seit jeher eine wichtige Rolle. Es dreht sich alles um den Orgasmus der Frau, die Klitoris wird verehrt. Man erzählt sich sogar, der grösste See des Landes sei durch das Ejakulat einer Frau entstanden.

Was hat es mit Kunyaza auf sich, dem ruandischen Kamasutra?

Bei dieser Erotiklehre, von der man annimmt, dass sie seit vielen Jahrhunderten überliefert wird, geht es darum, dass die Frau zum Orgasmus kommt. Wie das im Detail funktioniert, kann man in meinem Buch nachlesen (lacht). Wir sind in Europa nicht in allem entwickelter.

Das ist verblüffend.

In manchen Aspekten sind uns die Ruander voraus. Afrika ist ein riesiger Kontinent. Wir tendieren dazu, nur das Schlechte zu sehen: Kriege, Hungersnöte oder die ­Beschneidung der Klitoris, die in Ruanda undenkbar ist. Oder wir denken, dass alle Afrikaner nach Europa wollen. So ist es nicht. Viele Ruander wollen in ihrer Heimat bleiben. Der Staat fördert die Eigeninitiative. Man kann in nur einem Tag eine Firma eröffnen, ohne bürokratische Hürden. Das Wirtschaftswachstum war in den letzten Jahren konstant hoch. Es gibt weniger Korruption als etwa in Italien. Alle Ruander sind krankenversichert, die Kinder gehen zur Schule. Ich will zeigen: Es gibt viel Positives.

Aber auch Negatives. Journalisten leben gefährlich in Ruanda, es gibt weder Presse- noch Meinungsfreiheit.

Ruanda hat eindeutig ein Demokratiedefizit. Präsident Paul Kagame ist ein Autokrat, er regiert mit eiserner Hand. Amnesty International berichtet von ­Regimekritikern, die ermordet ­wurden.

Sie verschweigen nicht, dass Präsident Kagame zu viel Macht hat. Können Sie jemals wieder nach Ruanda reisen?

Kritik anzubringen ist für internationale Journalisten viel einfacher als für einheimische. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass mir das Visum nicht mehr bewilligt wird. Das nehme ich in Kauf. Als Journalistin darf und will ich die Schattenseiten nicht aus­blenden.

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