Analoge vs. digitale Meditation: Das Geschäft mit der Stille hat Hochkonjunktur

Meditationsapps liegen im Trend. Immer mehr Menschen wollen mit ihnen zur inneren Ruhe gelangen. Ordensleute wie Irene Gassmann, Priorin des Klosters Fahr, bevorzugen hingegen die analoge Meditation.

Vera Rüttimann
Drucken
Teilen
Via App zu sich finden: Es gibt zahlreiche virtuelle Angebote, per Smartphone zu meditieren.

Via App zu sich finden: Es gibt zahlreiche virtuelle Angebote, per Smartphone zu meditieren.

Bild: Andreas Faessler (21. Mai 2020)

Die Smartphone-App heisst Calm. Eine sanfte Stimme fragt: Möchten Sie Ihr Beziehungsleben verbessern, endlich besser schlafen oder den Stress besser bewältigen? Je nach Wunsch schlägt die App geeignete Meditationen vor. Für meditatives Ambiente sorgen das Rauschen eines Baches, das Meeresrauschen und das Flackern eines Kaminfeuers. Und tatsächlich: Wer es ausprobiert, kann zur Ruhe kommen. Ausgerechnet das Smartphone, jenes Teufelsding, das den ganzen Tag fiept und plingt, sorgt für Ruhe und Entspannung.

Meditationsapps boomen. Die Digitalisierung und Globalisierung haben in den letzten Jahren derart beschleunigt, dass die Sehnsucht nach Stille und einem eigenen Schutzraum für die Seele immer grösser geworden ist. App-Entwickler haben daraus ein Geschäftsmodell entwickelt und programmieren Apps für jede Gemütslage. Das Sortiment, aus dem User heute auswählen können, ist riesig. Zu den meist heruntergeladenen Apps zählen Headspace, Breethe und Bambu. Eine weitere beliebte App heisst 7Mind. Der User kann dort Meditationskurse zu Themen wie Stress, Glück oder Beziehung auswählen. Bei manchen Apps gibt es keine Stimme, dafür neun unterschiedliche Gongs, deren Klanglänge man einstellen kann.

Diese Apps werden auch von Menschen entdeckt, die sich bewusst Zeit nehmen, um meditieren zu lernen. Gerade die Coronakrise hat bei vielen bislang unbekannte Ängste ausgelöst. Ihr Alltag wurde durch die Pandemie noch stressiger.

Beim Meditationsapp-Trend mischen auch kirchliche Kreise mit. Im September 2019 wurde die neue App «3:33 Weiler» von Katholisch Stadt Zürich und der ZHdK lanciert. Das Projekt wurde von «Best of Swiss Apps» auf die Shortlist gesetzt. «3:33 Weiler» lädt ein, sich thematisch 33 Orten in der Stadt Zürich zu widmen, und spirituelle Techniken wie Hören, Atmen und Gehen im Alltag zu integrieren.

In vielen Orten versuchen Kirchgemeinden, trotz der Einschränkungen durch den Lockdown kirchliches Leben und spirituelle Angebote aufrechtzuerhalten. Nicht selten auch mit gestreamten Meditationen.

Achtsames Annehmen und Loslassen

Meditationsapps sind heute jedoch vielfach von Kirche und Religion entkoppelt. Sie sind ein Lifestyle-Produkt. Apps wie Calm wecken Hoffnungen, mittels einer Meditationsreise Stress, Ängste und Burn-out in den Griff zu bekommen. Kritiker hingegen monieren, Menschen mit ernsthaften psychischen Problemen wie schweren Depressionen oder Suizidabsichten sollten sich eher professionelle Hilfe suchen.

Manche Meditationsapps zielen darauf ab, diejenigen zu belohnen, welche die anspruchsvollsten Meditationsprogramme absolviert haben. Doch nach dem Leistungsprinzip sollte Mediation nicht funktionieren, wie Anna Gamma, autorisierte Zen-Meisterin und Leiterin des Instituts Zen & Leadership in Luzern einmal in der Radiosendung «Perspektiven» betonte. Leute wie sie, die schon lange meditieren und diese Techniken auch lehren, bedauern, dass der Begriff «Achtsamkeit» verflacht und in die Wellness-Industrie ausgewandert ist.

In der Achtsamkeitsmeditation, so Anna Gamma, gehe es darum, die eigenen Gefühle und Gedanken so zu beruhigen, damit sie nicht ständig in einem rattern. Es gehe um das achtsame Annehmen und das Loslassen. Um einen inneren Fluss. Das höchste Ziel der Meditation ist es, in diesem Loslassen das Göttliche zu erfahren.

Eine Chance für Klöster?

Das üben Ordensleute wie Irene Gassmann, Priorin des Klosters Fahr, täglich ein. Sie sind in der Coronakrise gefragte Gesprächspartner zum Thema Meditation.

Dass Leute Ruhe und Transzendenz schon lange nicht mehr nur in Kirchen und Klöstern suchen, sondern Apps dazu nützen, das stimmt Irene Gassmann keinesfalls missmutig. Neuen Kommunikationstechniken gegenüber zeigt sich die bekannte Ordensfrau sehr offen. «Früher hat man Pergament beschrieben, um das Wort Gottes weiterzugeben. Heute sind es eben neue Techniken wie das Smartphone und Apps», sagt sie. Die Menschen, betont sie, suchen immer neue Wege und Zugänge, um ihre spirituellen Bedürfnisse zu stillen. Sie sieht in den Meditationsapps sogar etwas Positives: «Diese Apps sind eine Chance für Klöster. Dadurch können Leute den Weg zurückfinden zur analogen Meditation und zur echten Stille.»