Das grosse Schmelzen: Reedereien wollen die Seewege in der Arktis nutzen

Nordwest- und Nordostpassage, die Atlantik und Pazifik verbinden, waren für Seeleute stets ein Wagnis. Doch das Meereis schmilzt. Reedereien hoffen nun, diese Seewege besser nutzen zu können.

Kerstin Viering
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Wie ein schöner Traum aus dem Nichts: Frachtschiff in der Nordwestpassage. (Bild: Jean Landry/Getty)

Wie ein schöner Traum aus dem Nichts: Frachtschiff in der Nordwestpassage. (Bild: Jean Landry/Getty)

Es war eine echte Nervenprobe. Eigentlich war der Brite John Ross 1829 mit dem Dampfer Victory aufgebrochen, um endlich die berüchtigte Nordwestpassage zu bezwingen. Jenen Seeweg, der durch die kanadische Arktis vom Atlantik in den Pazifik führt. Doch Ende September wurde die «Victory» in einer Meerenge in der Nähe der Baffininsel vom Eis eingeschlossen – und sollte Jahre lang nicht wieder freikommen.

1832 gaben die Männer schliesslich ihr Schiff auf und wanderten über das Eis bis zu einem Jahre zuvor gestrandeten Wrack. Erst ein weiteres Jahr ­später konnten sie mit dessen Beiboot durch das aufbrechende Eis entkommen und wurden schliesslich von einem britischen Schiff gerettet. «Für uns war der Anblick des Eises eine Qual, ein Ärgernis, eine Tortur, ein Grund zum Verzweifeln», schrieb Ross.

Die Wege durchs Eis

Die etwa 6500 Kilometer lange Nordostpassage führt entlang der Küste Europas und Sibiriens bis in den fernen Osten. Jahrhundertelang spekulierten viele europäische Handelsnationen darauf, dass man auf dieser Route die Gewürzinseln Südostasiens viel schneller erreichen könnte als über den langen Weg um ganz Afrika herum. Zwar verkürzte der 1869 eröffnete Suezkanal die Strecke von Rotterdam nach Tokio auf 21 100 Kilometer. Doch entlang der Küste Sibiriens musste man zwischen den beiden Häfen nur 14 100 Kilometer zurücklegen. Das klang verlockend. Doch eine Expedition nach der anderen scheiterte im Packeis. Erst der Schwede Adolf Erik von Nordenskiöld schaffte 1878/79 die Passage mit einer Überwinterung.
Die Nordwestpassage durch die kanadische Arktis vom Atlantik in den Pazifik war genauso heiss umkämpft wie die Nordostpassage. Schon der Brite Martin Frobi­sher hatte zwischen 1576 und 1578 zum ersten Mal nach diesem Seeweg gesucht. Doch erst der Norweger Roald Amundsen schaffte es zwischen 1903 und 1906, die Strecke durch das Labyrinth aus Eis und Inseln zurückzulegen. Insgesamt ist die Nordwestpassage etwa 5780 Kilometer lang. (kv)

Wie ihm erging es in den frühen Tagen der Polarforschung vielen Entdeckungsreisenden, etliche bezahlten ihren Ausflug in die Arktis mit dem Leben. Das Eis war unberechenbar. Inzwischen scheint der Klimawandel den gefrorenen Panzer des Nordpolarmeeres zwar deutlich zu dezimieren. Wie genau sich das Eis auf dem Ozean verhält, ist aber bis heute schwer einzuschätzen.

Gerade veröffentlichten Wissenschafter des Alfred-Wegener-Instituts, dem Helmholtz-Zen­trum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven, zusammen mit Kollegen der Universität Bremen ihre jüngste Meereis-Bilanz. Demnach war der Sommer 2018 nicht nur in Europa ungewöhnlich warm. Er hat seine Spuren auch in der Arktis hinterlassen.

Die geringste Ausdehnung von Meereis im September

«Jedes Jahr im September erreicht das Meereis dort seine geringste Ausdehnung, bevor wieder grössere Teile des Ozeans zufrieren», erklärt Christian Haas, der am AWI die Sektion Meereisphysik leitet. In diesem Jahr ist die Eisdecke im Laufe des Sommers auf etwa 4,4 Millionen Quadratkilometer geschrumpft und war damit rund 300 000 Qua­dratkilometer kleiner als 2017.

Ermittelt haben die Forscher diese Werte aus den Daten von US-amerikanischen und japanischen Satelliten. «An den Ergebnissen sehen wir, dass 2018 kein spektakuläres Jahr war», sagt Christian Haas. So ist die Eis­decke auf dem Arktischen Ozean immerhin 16 Prozent grösser geblieben als bei ihrem bisherigen Rekordtief im Sommer 2012. Trotzdem wird dieser Sommer als einer der eisärmsten seit dem Beginn der Messungen im Jahr 1979 in die Geschichte eingehen. Denn die gefrorene Fläche war 2018 immerhin 1,9 Millionen Quadratkilometer kleiner als im Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010. «Der Trend zu schrumpfenden Meereis-Flächen, den wir seit mehr als einem Jahrzehnt beobachten, hält an.» Auf abseh­bare Zeit werde das Meereis die Dimensionen früherer Jahrzehnte wohl nicht wieder erreichen.

Eine gute Nachricht ist das nicht. Es verschlechtern sich nicht nur die Lebensbedingungen von Meeresalgen und Eisbären. Es dürften auch Prozesse in Gang kommen, die den hohen Norden weiter auftauen lassen. Scheint die Sonne häufiger auf dunkles Wasser statt auf glitzerndes Eis, absorbiert der Ozean mehr Wärmestrahlung – und heizt sich weiter auf.

Mehr Waren als 2017 durch Nordostpassage gebracht

Zu den besonders eisarmen Regionen des Jahres 2018 gehören die Barentssee östlich von Spitzbergen sowie die Kara- und die Laptewsee vor der sibirischen Küste. Mit Folgen für die Schifffahrt: Reedereien konnten in diesem Sommer mehr Waren durch die Nordostpassage transportieren als 2017. Begleitet von Eisbrechern fahren Tank- und Frachtschiffe nun regelmässig auf der früher oft unpassierbaren Route.

Doch aufgepasst: Im August war das Eis am Nordpol so dick, dass selbst Eisbrecher kaum durchkamen. Ähnlich unwirtliche Bedingungen herrschen auch in der Nordwestpassage vor Kanada, die schon John Ross Pro­bleme machte. Anders als in den Vorjahren verhindert dort dichtes Treibeis rasches Vorankommen. Die Behörden gaben deshalb erstmals seit Jahren wieder eine Eiswarnung heraus, vor allem an kleinere Schiffe. «Saisonale Vorhersagen sind nach wie vor nicht möglich», so Christian Haas. «Wo dieses Jahr wenig Eis schwimmt, kann nächstes Jahr kein Durchkommen sein.» Eine kommerziell lohnende Schifffahrtsroute durch die Arktis wird sich wohl vorerst nicht etablieren.